Bischöfe wollen Gremium nach langem Vorlauf einrichten

Missbrauchskommission in Polen soll auch zu Johannes Paul II. forschen

Veröffentlicht am 07.04.2026 um 00:01 Uhr – Von Oliver Hinz (KNA) – Lesedauer: 

Warschau ‐ Auch in Polen steht die katholische Kirche wegen des Missbrauchsskandals in der Kritik. Für Aufmerksamkeit sorgten zuletzt Berichte zum Umgang des früheren Krakauer Erzbischofs Karol Wojtyla, der 1978 Papst wurde.

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Seit mehr als drei Jahren plant Polens Bischofskonferenz eine Untersuchungskommission für sexuellen Missbrauch Minderjähriger. Wann genau das Forschungsprojekt beginnen wird, steht immer noch nicht fest. Aber im Juni will die Bischofskonferenz entscheiden, wer die Kommission leiten wird. Der zuständige Erzbischof Wojciech Polak von Gniezno (Gnesen) soll einen oder mehrere Kandidaten für den Vorsitz vorschlagen. "Die Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit dieser Kommission wird letztlich von der Autorität der Person abhängen, die den Vorsitz übernimmt", sagte Polak zur Bedeutung der Personalie.

Die Bischöfe sollen bereits vereinbart haben, dass ein Laie und kein Kleriker Kommissionschef wird. Gleich drei Gremien müssen der Ernennung des oder der Vorsitzenden zustimmen: beide Ordensobernkonferenzen der Ordensfrauen und -männer sowie die Vollversammlung der Bischöfe. Die Kommission hat den Auftrag, das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger in den Bistümern und Ordensgemeinschaften seit 1945 zu ermitteln.

Frage nach Unabhängigkeit

Geklärt werden soll: Wie reagierte die Kirche auf diese Verbrechen? Von der Kommission werden auch Empfehlungen zur Missbrauchsprävention erwartet. Der neue Krakauer Erzbischof, Kardinal Grzegorz Rys, betont noch ein weiteres Ziel: "Vor allem soll uns die Kommission dabei helfen, die Geschädigten zu erreichen, zu denen wir bisher noch keinen Zugang gefunden haben." Rys hofft, dass sich diese Missbrauchsbetroffenen melden und die Kirche ihnen dann helfen kann.

Kritiker hatten im Herbst protestiert, die geplanten Leitlinien schränkten die Unabhängigkeit der Untersuchungskommission ernsthaft ein. Es fehlten etwa Garantien für einen freien Zugang zu den Archiven. Pfarrer Grzegorz Strzelczyk, der sich für Betroffene von sexuellem Missbrauch engagiert, bemängelte zudem, dass die Kommission niemanden vorladen und vernehmen dürfe.

Kardinal Grzegorz Ryś
Bild: ©Paweł Kłys, CC BY-SA 4.0 Wikimedia Commons (Archivbild)

"Wir haben von Anfang an gesagt, dass es sich nicht um eine Ermittlungskommission handelt", sagte Krakaus neuer Erzbischof, Kardinal Rys.

Das Gremium soll tatsächlich keinerlei Druckmittel haben. Auch Kardinal Rys lehnt "Vorladungen und Vernehmungen" ab. "Wir haben von Anfang an gesagt, dass es sich nicht um eine Ermittlungskommission handelt", sagte er in einem Interview. Die Kommission müsse allerdings unbedingt die Möglichkeit haben, Personen anzuhören. "Mündliche Berichte sind notwendig, aber als historische Quelle und nicht als Material für Ermittlungen", so Rys.

Die weiteren Kommissionsmitglieder soll der oder die Vorsitzende selbst berufen. Das soll für Unabhängigkeit sorgen. Erzbischof Polak erklärte indes bereits, dass dem Gremium keine Missbrauchsbetroffene angehören werden. Das bedeute jedoch nicht, dass Betroffene nicht in deren Arbeit einbezogen würden, erklärte er. Das Forschungsprojekt soll drei Jahre dauern.

Nicht richtig reagiert?

Anlass für die Bildung einer Kommission sind ältere Vorwürfe gegen den einstigen Krakauer Kardinal Karol Wojtyla, dem späteren Papst Johannes Paul II. (1978–2005), im Zusammenhang mit Missbrauchsfällen. Unter anderem in einer TV-Doku war Wojtyla im März 2023 beschuldigt worden, als Erzbischof von Vorwürfen des sexuellen Kindesmissbrauchs gegen drei Geistliche gewusst und nicht richtig reagiert zu haben.

Noch im selben Monat kündigte die Bischofskonferenz eine unabhängige Untersuchung in allen Diözesen an. Polens Bischöfe appellierten zugleich "an alle, das Andenken an einen unserer bedeutendsten Landsleute zu achten". In der offiziellen Verlautbarung damals war von "noch nie da gewesenen" Versuchen die Rede, "die Person und das Werk des heiligen Johannes Paul II. zu diskreditieren".

Einen Blick in Dokumente des Erzbistums Krakau durften in den vergangenen Wochen bereits zwei Journalisten der Tageszeitung "Rzeczpospolita" werfen, nachdem der neue Krakauer Erzbischof Kardinal Rys das Archiv der Diözese für solche Untersuchungen geöffnet hatte. Die Medienrecherche entlastet den 2014 heiliggesprochenen Johannes Paul II. "Wojtyla hat Fälle von Pädophilie nicht vertuscht und Priester nicht versetzt, wenn er von ihren Verbrechen erfuhr", so der Kirchenrechtler und Redakteur der "Rzeczpospolita", Tomasz Krzyzak.

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Wojtyla habe in den 1970er Jahren als Erzbischof Täter suspendiert und ihnen etwa verboten, priesterliche Aufgaben wahrzunehmen. Der Sprecher des Erzbistums Krakau, Piotr Studnicki, bekannte indes, wenn man Wojtylas Reaktionen aus heutiger Sicht beurteile, "können wir enttäuscht sein, dass er keine Maßnahmen ergriffen hat, die uns heute selbstverständlich erscheinen".

Obwohl Wojtyla von der moralischen Verwerflichkeit von Pädophilie überzeugt gewesen sei, "blieb er nicht frei von Fehlern", sagte er. Wojtyla habe damals nicht erkannt, "wie wichtig es ist, die Perspektive der Missbrauchsbetroffenen einzunehmen, sich mit ihnen zu treffen und ihnen zuzuhören".

Heiligkeit nicht angegriffen

Der damalige Erzbischof habe sich "nicht um die Geschädigten gekümmert", sagte Bistumssprecher Studnicki in einem Interview der Wochenzeitschrift "Tygodnik Powszechny". Er betonte aber, Wojtyla habe in den bekannten Fällen die damaligen staatlichen Gesetze und das Kirchenrecht beachtet und darin vorgegebene Maßnahmen ergriffen. Die Heiligkeit von Johannes Paul II. sieht Studnicki nicht angegriffen.

"Die Heiligkeit von Karol Wojtyla bedarf weder einer Idealisierung seiner Person noch des Verschweigens seiner Grenzen oder gar seiner Fehler", meint er. "Denn Heiligkeit besteht darin, Glauben, Hoffnung und Liebe trotz der eigenen Sünden, Fehler und Grenzen heroisch zu leben. So stolz wir auf seine christlichen Tugenden sein können, so sehr sollten wir auch akzeptieren können, dass er Fehler gemacht hat und Schwächen hatte."

Studnicki hofft, dass weitere Untersuchungen ein vollständigeres Bild ergeben werden: "Sie bieten uns die Chance, Wojtylas Menschlichkeit zu entdecken und auch unser Bild von Heiligkeit zu korrigieren." Kardinal Rys scheint das ähnlich zu sehen. Dem polnischen Sender TVN24 sagte der Krakauer Erzbischof, dem Image der Kirche in Polen schade das Fehlen einer Missbrauchskommission sicherlich mehr, als wenn es sie gäbe.

Von Oliver Hinz (KNA)