Gewalt gegen Frauen – Warum Kirchenmänner nicht schweigen dürfen
HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.
Seit gut zwei Wochen tobt der Fall Collien Fernandes durch die Medien: Die Schauspielerin wirft ihrem Ex-Mann vor, Fake-Profile in ihrem Namen erstellt und darüber pornografische Darstellungen verbreitet zu haben. Juristisch wird um die Vorwürfe weiterhin heftig gestritten. Wie auch immer der Streit ausgeht, die Geschichte lässt in Abgründe blicken: Frauen werden von Männern im Internet sexuell missbraucht, ihnen wird – so der neue Begriff – digitale Gewalt angetan, in brutalster, frauenverachtender Weise. Seither werden strengere Gesetze gefordert, es gibt Solidaritätskundgebungen und vieles mehr. Unter dieser Spitze des Eisbergs verbirgt sich noch viel mehr – was alle wissen. Stichworte seien Harvey Weinstein, Jeffrey Epstein, Gisèle Pelicot…, oder man denke daran, dass es in Deutschland fast täglich einen Femizid gibt.
Vielen fällt auf: Vor allem Frauen schreiben und empören sich, kaum Männer. Diese reagieren oft verschreckt; auch abweisend ("Ich habe damit ja nichts zu tun") oder gleichgültig. Eben schweigend. Und doch sollte die Scham, wie Gisèle Pelicot fordert, zu den Männern wechseln: In patriarchaler Kultur hatten die Frauen sich zu schämen, wenn sie sexuell missbraucht werden; nun ist dies an den Männern, den Tätern der Gewalt.
Von Kirchenmännern hört man dazu kaum etwas. Meinen sie, das sei das Problem einer digitalen, säkularen, ihnen sehr fernen Welt, nicht eines der Kirche? Ja, ein Generalverdacht gegen alle Männer wäre ebenfalls sexistisch. Dennoch: Gerade in der Kirche gibt es eine patriarchale Kultur; es gibt Männergruppen, die sich beim Bier treffen und dann schon Mal abwertend, erniedrigend über Frauen reden; es gibt sexualisierte Übergriffe, nicht nur, aber auch von Klerikern. Vielleicht sind die Kirchenmänner digital nicht fit genug und kennen daher die digitale Gewalt kaum – aber analog sind sie fit. Das Feld ist weit. Ihr Schweigen zu den Abgründen sexualisierter Gewalt wird zum toxischen Schweigen.
Wir Kirchenmänner sollten Fehlverhalten in unseren Reihen bekämpfen und uns gegenseitig mutig zurechtweisen, wenn vergiftete Sprüche fallen. Wir sollten Machtstrukturen, die missbräuchliches Verhalten begünstigen, kritisieren und verändern. Wir sollten uns – auch öffentlich – solidarisieren mit missbrauchten und darüber empörten Frauen. Wir sollten die Stimme gegen Unrecht erheben – das ist nur biblisch und christlich.
Der Autor
Pater Stefan Kiechle SJ ist seit 2018 Chefredakteur der Zeitschrift "Stimmen der Zeit". Zuvor leitete er sieben Jahre die Deutsche Provinz des Jesuitenordens.
Hinweis
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.
