Segen werden vorab erprobt

Neues Benediktionale: Liebe ist das heikelste Thema

Veröffentlicht am 09.04.2026 um 00:01 Uhr – Von Felix Neumann – Lesedauer: 

Salzburg ‐ Nach fast 50 Jahren entsteht ein neues liturgisches Buch für Segen in deutscher Sprache. Pater Johannes Feierabend erzählt über die Hintergründe – und warum ein Baby-Segen kontrovers ist.

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Segen gehören zu den kirchlichen Angeboten, die am besten angenommen werden. Grundlage dafür ist im deutschen Sprachraum immer noch das Benediktionale von 1978, das eigentlich nur als Übergangslösung gedacht war. Doch ein endgültiges Benediktionale ließ aus verschiedenen Gründen auf sich warten: Vor allem die neue Übersetzung des Messbuchs kam dazwischen. Jetzt geht die "Konferenz Liturgie der Kirche im deutschen Sprachgebiet" (KLD) das Projekt neu an. Seit 2019 liefen Vorarbeiten, 2023 signalisierte der Vatikan Offenheit für einen neuen Anlauf. Seither arbeitet eine internationale Arbeitsgruppe unter Vorsitz des Benediktinerpaters Johannes Feierabend, der das Österreichische Liturgische Institut leitet, an dem neuen Benediktionale. Erste Probepublikationen sind schon verfügbar, mit denen neue Segensformulare ausprobiert werden können. 2029 soll es fertig sein. Im Interview erklärt Pater Johannes, was ein guter Segen heute leisten muss und was sich ändert.

Frage: Pater Johannes, die Zeiten werden ungewisser, eine Krise jagt die nächste. Steigt da auch das Bedürfnis nach Segen?

P. Johannes: Ja, das Bedürfnis nach Segen im Leben der Gläubigen steigt in Krisensituationen und bei Lebensumbrüchen. Das wird auch in den Gemeinden deutlich, auch bei Menschen, die nicht so einen großen Bezug zur Kirche haben, dass ihnen der Segen wichtig ist.

Frage: Das aktuelle deutschsprachige Benediktionale stammt aus dem Jahr 1978. Wo sind die größten Baustellen: In der Sprache, in der Theologie oder in der Auswahl der Segen?

P. Johannes: Die Studienausgabe, die 1978 erschienen ist, ist noch vor dem offiziellen römischen Benediktionale erschienen: Die römische "Editio typica" stammt aus dem Jahr 1984. Da ist es gut, dass wir jetzt endlich eine ordentliche Ausgabe des deutschsprachigen Benediktionale zustande bringen. Seit 1978 hat sich viel verändert, in der Kirche, in der Gesellschaft. Natürlich wird auch die Sprache angepasst, genauso wie die Segensanlässe. Theologisch hat sich auch einiges geändert: Das Benediktionale wurde 1978 vor allem für Priester und Diakone gemacht. Heute sprechen aber wohl in der Mehrzahl nicht geweihte Seelsorger und Seelsorgerinnen Segen aus.

P. Johannes in seinem Arbeitszimmer
Bild: ©privat

P. Johannes Feierabend OSB ist seit 2014 Mönch der Erzabtei St. Peter in Salzburg. Seit September 2024 leitet er das Österreichische Liturgische Institut.

Frage: Wie werden sich dadurch die Segensformulare ändern?

P. Johannes: Das beginnt schon damit, dass wir sie nicht mehr auf Priester und Diakone hin formulieren, sondern allgemein von Leitung sprechen. Zu klären ist noch, ob wir ganz auf die Unterscheidung bei Gruß- und Entlassformeln verzichten können. Es ist natürlich nicht nur eine praktische, sondern vor allem eine theologische Frage, ob alle Getauften mit "Der Herr sei mit euch!" liturgisch begrüßen dürfen oder ob sie am Ende sagen "Der Herr segne euch!" oder "Der Herr segne uns!". Das Votum unserer Arbeitsgruppe ist klar, hier nicht nach Weihe zu unterscheiden, sondern von der Taufgnade und der Taufberufung her zu argumentieren.

Frage: Am Ende kommt es dann aber auf grünes Licht aus Rom dafür an.

P. Johannes: Ja, ohne die Zustimmung Roms geht das nicht. Vorher müssen wir uns aber im deutschen Sprachraum einigen. Es sind unterschiedliche Länder beteiligt, in denen es trotz der grundsätzlich gleichen Sprache doch sprachliche Unterschiede gibt, und natürlich auch unterschiedliche theologische Ausrichtungen. Wichtig ist, dass wir uns hier einig werden, um Rom gemeinsam einen Vorschlag machen zu können.

Frage: Was wird das Benediktionale für den deutschen Sprachraum von der römischen "Editio typica" von 1984 unterscheiden?

P. Johannes: Der Aufbau der Feier sieht in der lateinischen Vorlage anders aus. Wir halten uns an einen Aufbau, dem wir mit der Konferenz der Liturgie im deutschen Sprachraum abgestimmt haben und der einheitlich für das ganze Buch sein soll. Dann gibt es typographische Unterschiede: In der römischen Vorlage ist beim Segensgebet nicht explizit gekennzeichnet, wann das Kreuzzeichen beim Segen zu machen ist. Das stand bei uns schon 1978 in den Formularen, und das wollen wir beibehalten, weil wir es sinnvoll finden, hier die Leitung zu unterstützen.

Frage: Was macht ein gutes Segensformular aus?

P. Johannes: Wichtig ist zuerst eine gute und theologisch abgestimmte Einführung dazu, für was das Formular zu verwenden ist. Ein Segensformular muss so gestaltet werden, dass die Feier für die Mitfeiernden ansprechend ist. Es darf nicht so sein, dass nur der Vorsteher oder die Vorsteherin ins Gebet kommt, sondern dass alle, die mitfeiern, durch diesen Segen in ihrer Beziehung durch Gott gestärkt werden.

Kleintiersegnung in Neviges
Bild: ©KNA (Archivbild)

Die Kleintiersegnung in Neviges gehört zu den Anlässen, bei denen Segen gefragt ist.

Frage: Was gesegnet wird, zeigt immer auch Zeichen der Zeit. Im vorkonziliaren Benediktionale fand sich zum Beispiel ein eigenes Segensformular für die Einweihung einer Telegraphenstation. Für welche Situationen, an die man zu früheren Zeiten nicht gedacht hat, braucht es heute Segen?

P. Johannes: Einer der neuen Anlässe, die wir aufgenommen haben, ist der Segen für Sportgeräte oder Sportplätze. Vor allem ist jetzt aber viel mehr Segen bei Lebensumbrüchen gefragt. Früher hat man eher Gegenstände gesegnet, heute sind die Umbruchsituationen im Leben im Blick: Schulabschlüsse, berufliche Veränderungen, der Eintritt in die Pension oder ein Umzug ins Seniorenheim. Das haben sich auch die Menschen gewünscht, die wir im Vorfeld befragt haben.

Frage: Wie erklären Sie sich diesen Wechsel von Gegenständen zu Lebensumständen?

P. Johannes: Der Wandel von der Segnung von Gegenständen hin zu Lebensumständen hängt mit einer veränderten theologischen Sicht zusammen, die stärker den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Heute wird betont, dass Gott vor allem Menschen segnet und nicht Dinge an sich. Gleichzeitig versteht sich die Kirche zunehmend als Begleiterin in konkreten Lebenssituationen. Deshalb beziehen sich Segnungen häufiger auf persönliche Erfahrungen wie Beziehungen, Krisen oder Neubeginne. Auch gesellschaftliche Veränderungen mit vielfältigeren Lebenswegen haben diese Entwicklung beeinflusst. Insgesamt zeigt sich darin eine Verschiebung vom äußeren Objekt hin zur inneren und gelebten Wirklichkeit des Menschen.

Frage: Wird dann das neue Benediktionale auch ein Hausbuch für Feiern im Familienkreis, so wie es beim neuen Gotteslob gemacht wurde?

P. Johannes: Nein, dafür ist das Benediktionale nicht gedacht. Da geht es um kirchliche Feiern. Natürlich gibt es einige Einzelsegnungen, aber die Leitungspersonen sind von der Kirche beauftragt, den Segen im Namen der Kirche zu vollziehen.

Frage: Segen kann auch politisch sein: Segnet man Waffen? Segnet man gleichgeschlechtliche Paare? Haben Sie bei der Arbeit am neuen Benediktionale auch kontroverse Themen im Blick?

P. Johannes: Ja, die Segnung von liebenden Paaren. Wir sind der Meinung, dass es auch hierfür ein Formular braucht. Das war bei der Abstimmung der Segensformulare, also der Liste, die wir in Rom eingereicht haben, auch der einzige Punkt, der dort sofort ins Auge gestochen ist. Bischof Stephan Ackermann, der in der Deutschen Bischofskonferenz für die Liturgie zuständig ist, hat dann den Vorschlag gemacht, dass die Römer ein Formular entwickeln sollen. Wir in der Arbeitsgruppe sind aber der Meinung, dass wir eins entwickeln und dann sehen, wie es in Rom ankommt.

Segnung eines homosexuellen Paars
Bild: ©KNA/Rudolf Wichert (Archivbild)

Segnungen für Liebende gehören zu den kontroverseren Themen bei der Entwicklung des neuen Benediktionale.

Frage: Gibt es außer Liebe noch andere kontroverse Themen?

P. Johannes: Nein, das ist das heikelste Thema. Waffen zu segnen steht gar nicht zur Debatte, so etwas wird nicht aufgenommen. Ansonsten denke ich nicht, dass im neuen Benediktionale ein Formular ist, das Anstoß erregt. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch Aspekte gibt, die kritisch diskutiert werden: Wir erproben bereits ein Formular zur Segnung von Babys. Da war es in den Rückmeldungen kontrovers, ob wir von "kleinen Kindern" oder so wie geplant von "Babys" sprechen.

Frage: Das klingt nicht nach einem kontroversen Thema. Was ist denn das Problem mit Babys?

P. Johannes: Das Formular zielt auf die Segnung von neugeborenen Kindern bis etwa ein Jahr ab. Manche wollten eher ein allgemeines Formular für Kindersegnungen. Eines speziell für Babys braucht es aus unserer Sicht, weil es immer häufiger so ist, dass Kinder erst sehr spät getauft werden, etwa weil die Eltern wollen, dass ihr Kind das schon selbst entscheiden kann. Für solche Situationen braucht es eine kirchliche Feier, auch weil es auf dem "freien Markt" Rituale zum Lebensbeginn gibt. Der Zuspruch zu Beginn des Lebens ist nichts, was die Kirche allein freien Ritualbegleitern überlassen darf.

Frage: Vor allem freie Trauungen und Beerdigungsredner gibt es viele, die Nachfrage danach scheint zu wachsen. Lassen Sie sich davon inspirieren? Holen Sie deren Erfahrungen in Ihre Arbeit hinein?

P. Johannes: Wir sind im Austausch mit einigen freien Rednern. Viele von ihnen waren ja früher selbst im kirchlichen Dienst. Es ist uns ein Anliegen, zu lernen, wie diese freien Redner ihre Feiern vorbereiten, was sie dabei sagen, und welche Rituale und Symbole sich dort entwickeln. Das ist etwas, von dem wir auch das eine oder andere möglicherweise in unsere Segensformulare aufnehmen können.

Frage: Wie ökumenisch kann ein katholisches Benediktionale sein?

P. Johannes: In erster Linie handelt es sich um ein katholisches liturgisches Buch. Für ökumenische Segensfeiern gibt es eigene Vorlagen, aber nicht im katholischen Benediktionale. Es ist uns aber bewusst, dass gerade bei den öffentlichen Anlässen wie bei einer Sportplatzsegnung Leute anwesend sind, die nicht der katholischen Kirche angehören. Diese Menschen spricht man bei der Einführung besonders an, um sie mit ins Boot zu holen oder sie können in den Fürbitten mit in den Blick genommen werden.

Frage: Welcher Segen bedeutet Ihnen persönlich besonders viel?

P. Johannes: Der Kindersegen als Einzelsegnung. Das bringt zum Ausdruck, wie Jesus im Evangelium mit den Kindern umgegangen ist: Sie sollen zu ihm kommen, er stellt sie in die Mitte und segnet sie. Das habe ich selbst als Kind bei meinen Eltern und Großeltern erlebt, wie sie mich gesegnet haben, etwa vor Schularbeiten oder wenn man in den Urlaub gefahren ist. Das ist auch bei uns im Kloster noch so üblich, dass wir, wenn wir länger nicht da sind, uns den Segen vom Erzabt abholen.

Von Felix Neumann