Theologe: Christlicher Antisemitismus wird zu wenig reflektiert

Nach Ansicht des Aachener Bibelwissenschaftlers Simone Paganini greift der heute grassierende Antisemitismus auf Motive aus der Kirchengeschichte zurück. Christliche antisemitische Stereotype wirkten "nicht mehr primär als Theologie, sondern als kulturelle Tiefenstruktur und kulturelles Reservoir von Deutungsmustern, die in neuen Kontexten oft unreflektiert wieder aktiviert werden", sagte Paganini der österreichischen Nachrichtenagentur Kathpress.
Christlich-antisemitische Motive wie etwa jene, dass "die Juden" Jesus getötet hätten oder Kinder töteten, seien weiterhin relevant, auch in aktuellen Konflikten und deren medialer Darstellung, etwa im Gazastreifen. "Sie wirken heute weniger als explizite Lehre, sondern als implizite Denkfigur, die sich mit anderen politischen oder ideologischen Motiven verbindet." Zugleich sei es "erschütternder", dass dem Thema Antisemitismus "in der christlichen Reflexion und insbesondere in der akademischen Theologie bis heute kaum eine Relevanz zukommt".
Biblische Probleme
Antisemitische Narrative fänden sich sowohl in der Antike als auch heute. Während die hebräische Bibel auch Widerstand und Hoffnung thematisiere, enthalte das Neue Testament nach Paganinis Einschätzung Passagen mit antijüdischer Stoßrichtung, deren Wirkungsgeschichte verheerend gewesen sei.
Juden würden aufgrund ihrer vielschichtigen religiösen, kulturellen und gesellschaftlichen Stellung immer wieder zur "Projektionsfläche", "die je nach Kontext unterschiedlich gefüllt werden kann". In Krisenzeiten würden komplexe Probleme auf einfache Schuldzuweisungen verkürzt.
Gazakonflikt
Der seit dem Hamas-Überfall auf Israel aufflammende Antisemitismus ist laut Paganini daher "kein neues Phänomen", sondern mache eine über Jahrhunderte konstante Form der Judenfeindschaft erneut sichtbar. Die zugrundeliegenden Mechanismen folgten einem "zeitlosen" Muster, darunter Kollektivierung, stereotype Zuschreibungen, die Konstruktion eines bedrohlichen "Anderen", Verschwörungsmythen, Sündenbockmechanismen, Dehumanisierung sowie Diskriminierung und Verfolgung.
Paganini betonte: "Antisemitismus entsteht nicht primär aus dem, was Juden tun oder sind, sondern aus Bedürfnissen und Strukturen innerhalb der Gesellschaften, in denen er auftritt. Es geht dabei immer um Vereinfachung, um Projektion, um die Konstruktion eines kollektiven Gegenübers, das für das eigene Unbehagen verantwortlich gemacht werden kann." (KNA)