Schlug zu Jesu Geburt hier tatsächlich ein Blitz ein?
Als es plötzlich hoch herging, da war sie längst eine Oma. Um 1500 muss das gewesen sein: Die ersten Menschen kamen in das einsame Tal, in dem heute Balderschwang steht, Deutschlands höchstgelegene Gemeinde, 1.044 Meter über dem Meer. Bis dahin wuchs dort, wo Bayern in Österreich übergeht, dichter Bergwald. Die Siedler rodeten ihn. Doch ein Gewächs rührten sie nicht an: die alte Eibe von Balderschwang.
"Sie war ja damals schon ein Naturdenkmal", sagt der örtliche Bürgermeister Konrad Kienle. "Wohl über anderthalb Jahrtausende alt! Das macht ehrfürchtig." Sollte Kienle recht haben, hätte die alte Eibe von Balderschwang inzwischen mehr als 2.000 Jahre auf der Borke. Andere Schätzungen gehen laut Balderschwanger Gemeinde-Homepage gar bis an die 4.000 Jahre. Vorsichtigere Vermutungen allerdings nur bis 800. So oder so: Die Eibe ist eines der ältesten Gehölze Deutschlands – und daher allemal einen Besuch wert, gerade zum Tag des Baums am 25. April.
Blick in die Schweiz
Allein der Standort: Die Eibe thront auf einem Hang über Balderschwang in etwa 1.150 Metern Höhe. Der berggesäumte Blick von dort reicht bis hinein in die Schweiz. Ganz nah kommt man der Eibe nicht, ein Zaun schützt sie vor zu viel Nähe. Doch einige Zweige reicht der Baum wie zum Gruß herüber. Dunkelgrün sind die Nadeln, und weich. Immer wieder weht der Wind in sie hinein und entlockt ihnen ein leises Brausen. An den Ästen klappern mit jeder Bö bröckelige Rindenstücke. Davon hat die Eibe einige, außerdem bemooste Stellen, schüttere Triebe, auch ein paar Löcher im silbrigen Holz. Schaut man sie an, scheint es bald, als blickte das Holz mit eigenen Augen zurück.
Trotz der Zeichen der Zeit macht die alte Dame insgesamt einen vitalen Eindruck. Und eine Dame ist sie tatsächlich, ein weiblicher Baum, so viel steht fest. Auch ihre Höhe von rund sechs Metern lässt sich klar bemessen. Doch bei der Breite wird's dann hakelig: Der Gesamtdurchmesser an der Basis beträgt 2,70 Meter, der Brusthöhenumfang um beide Teile 8,10 Meter. Beide Teile? Ja, zu sehen sind zwei Stämme. Denn es fehlt ein Mittelstück von etwa einem Meter Breite. Oder fehlt es doch nicht?
Skeptischer Experte
Womöglich sind aus einem Stamm irgendwann zwei geworden. Es könnten aber auch von Anfang zwei Stämme gewachsen sein, wenn auch aus einer Wurzel. Für die Balderschwanger ist die Sache klar, wie Konrad Kienle berichtet. "Schon als Schüler sind wir mit unserem Lehrer oft zur Eibe raufgegangen", sagt der 65-Jährige. "Er hat uns die Legende erzählt, wie zu Jesu Geburt der Blitz in den Baum eingeschlagen ist und ihn zerteilt hat."
So etwas hört Eike Jablonski mit Skepsis. Der Präsident der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft, eines Fachbunds für Gehölzkunde, meint: "In Deutschland dürfte es nach vorsichtiger Schätzung und realistischer Datenlage weniger als zehn Bäume geben, die 1.000 Jahre alt sind." Der Eibe in Balderschwang gebe er nicht mehr als etwa 800 Jahre. 2.000 Jahre? "Spekulation." Ein Alter darüber? "Eine noch gewagtere Annahme." Allein: "Eine Altersbestimmung sehr alter Bäume ist praktisch nicht möglich."
Die alte Eibe ist nicht nur ein beliebtes Touristenziel aufgrund der zahlreichen Legenden. Auch viele Ehepaare wählen sie als Hochzeitsort wegen ihrer ganz besonderen Symbolik...
Unabhängig von der Expertenmeinung ist die alte Eibe von Balderschwang für viele Menschen ein beliebtes Ziel. Bergsteiger pausieren auf dem Rastplatz neben ihr. Und immer wieder heiraten Menschen dort. "Unser Naturdenkmal bietet dafür eine tolle Symbolik", findet Bürgermeister Kienle. "Die Eibe hat eine gemeinsame Wurzel und zwei Stämme, jeder lebt einzeln, aber doch in Gemeinschaft. Sie ist immergrün, dauerhaft und fruchtbar, so wie man sich eine Ehe wünscht."
Wegen einer Hochzeit gab es auch mal richtig Aufregung in Sachen Eibe. Kienle erzählt: "Bei uns ist's Brauch, den Hauseingang zum Fest zu kränzen." Einmal sei dieser Kranz aus besonders prächtigen Eibenzweigen gemacht gewesen. Einem anwesenden Polizisten sei das verdächtig erschienen. "Der meinte, das wär von der alten Eibe. Da hat man alle verhört. Mords was los war hier!" Aber falscher Alarm: "Die Zweige kamen von einem anderen Baum, der im Sturm gefallen war."
"Das wär eine Katastrophe"
Die alte Eibe hingegen zeigt sich standfest seit Epochen. Selbst, wenn sie "erst" 800 Jahre alt sein sollte, gedieh sie schon zu Zeiten der Kreuzzüge. Gar 4.000 Jahre? Da starben gerade die letzten Mammuts aus. Am Himmel über der Eibe wehen nun Wolken heran, sie bringen Regen. Wie viele Tropfen wohl noch auf der Baum-Seniorin landen werden? Eike Jablonski bescheinigt Eiben ein Alterspotenzial von bis zu 2.000 Jahren. "Ob sie noch älter werden können, ist nicht belegt." Und Konrad Kienle meint: "Die Eibe darf mich gerne überleben! Ich möcht net der Bürgermeister sein, bei dem sie eingeht, das wär eine Katastrophe!"
Der Wind frischt derweil auf. Kaum mehr hört man den Verkehrslärm aus dem Tal. Pferdekutschen sind einst unter der Eibe vorbeigerattert, heute sausen Autos daher. Wird sie auch noch Flugtaxis erleben? Die Eibe schweigt stille. Die hölzerne Oma ist von biblischem Alter. Aber nicht der Baum der Erkenntnis.
