Florian Hammerl will kein Kleriker sein

Seelsorger auf Zugspitze: Werde öfters als "Pfarrer" angeredet

Veröffentlicht am 24.02.2026 um 00:01 Uhr – Von Madeleine Spendier – Lesedauer: 

Garmisch-Partenkirchen ‐ In weißer Albe im Schnee: Dieses Bild von Pastoralreferent Florian Hammerl wurde ein "Pressefoto des Jahres". Im Interview spricht der Seelsorger über "Oben und Unten" in der Kirche und wie er Gottesdienste feiert.

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Seit 25 Jahren ist Florian Hammerl kirchlicher Mitarbeiter in der Erzdiözese München und Freising. Und seit einiger Zeit auch Seelsorger auf dem höchsten Berg Deutschlands, auf der Zugspitze. Dort in der Kapelle erlebt er immer wieder berührende Momente. Das Foto, das ihn in einem kurzen Moment der Stille oben in den schneebedeckten Bergen zeigt, ist eigentlich per Zufall entstanden. Im Interview mit katholisch.de spricht der Tourismusseelsorger aus Garmisch-Partenkirchen darüber.  

Frage: Herr Hammerl, das Foto von Ihnen im Schnee auf der Zugspitze wurde in Bayern ein "Pressefoto des Jahres". Wie kam es dazu?

Hammerl: Das Foto entstand eigentlich aus Zufall. Ich war damals mit einer Journalistin und einem Fotografen auf der Zugspitze, weil die beiden mich einen Tag lang für eine Reportage begleitet haben. Ich bin einer von mehreren Seelsorgern, die dort oben in der Zugspitzkapelle Gottesdienste feiern. Als wir dann bei  der Kapelle ankamen, warteten wir noch ein paar Minuten. Ich bin ein paar Schritte für mich weitergelaufen und habe mir einen Moment Zeit für mich und Gott gegönnt. Das ist ein festes Ritual für mich. Immer, wenn ich da oben in den Bergen mit den Menschen Gottesdienst feiere, sammle ich mich kurz und in Stille. Als ich dann vor dieser traumhaften Bergkulisse stand, der Nebel sich senkte, kam zufällig ein Windstoß, die Sonne blitzte aus den Wolken hervor und der Fotograf drückte auf den Auslöser. Ich mag dieses Bild von mir im Schnee. Es macht mich demütig vor der mächtigen Bergkulisse und der Schöpfung Gottes.

Frage: Der Titel des Bildes lautet: "Die höchste Instanz". Sind Sie damit gemeint?

Hammerl: Nein, bestimmt nicht. Den Titel habe ich mir so nicht ausgedacht. Der Vorschlag kam von Seiten des Fotografen, der das Bild dort auf fast 3.000 Metern aufgenommen hatte. Ich finde, der Titel macht eine nette Ironie deutlich: Wer in der Kirche arbeitet, weiß, dass wir Pastoral- und Gemeindereferenten eher die letzte Instanz sind. In der kirchlichen Hierarchie kommen wir eigentlich gar nicht vor. Da zählt mehr der geweihte Stand, also die Kleriker, Priester, Diakone. Wir werden als Laienmitarbeiter zwar gebraucht, aber von der Wertigkeit her sind wir ganz unten – so wie alle anderen Gottesdienstbesucher auch. In der kirchlichen Hierarchie stehe ich also ganz unten, bei den nicht-geweihten Personen. Mir passiert es dennoch öfters, dass die Touristen auf der Zugspitze mich mit "Herr Pfarrer" oder "Father" anreden. Die verstehen die Unterschiede gar nicht, die wir in der Kirche machen.

Frage: Es gibt immer wieder in Diözesen Pastoralreferenten, die sich zum Diakon weihen lassen. Wäre das eine Option für Sie?

Hammerl: Kleriker zu werden ist nicht meine Absicht. Meine weiblichen Kolleginnen können das auch nicht. In den 1980er Jahren gab es im Erzbistum München und Freising eine Überlegung, alle männlichen Pastoralreferenten zu Diakonen zu weihen. Damals sagten die Männer aber aus Solidarität zu den weiblichen Kolleginnen: Das machen wir nicht. Das fand ich richtig. Jeder soll selbst entscheiden, ob er sich als bereits beauftragter Laie und kirchlicher Mitarbeiter weihen lassen möchte oder nicht. Meine Sache ist es nicht.

Bild: ©picture alliance/dpa/Peter Kneffel

2023 feierte Pastoralreferent Florian Hammerl gemeinsam mit der evangelischen Pfarrerin Uli Wilhelm in der Mariä-Heimsuchung-Kapelle auf der Zugspitze ein ökumenisches Requiem für den schmelzenden Gletscher Schneeferner. Eine Aktion, die für Diskussionen sorgte.

Frage: Gestalten Sie Tauffeiern, wie es in manchen Diözesen für Laienmitarbeiter inzwischen möglicht ist?

Hammerl: Nein, als Pastoralreferent spende ich keine Sakramente, dafür gibt es im Kirchenrecht feste Regelungen. Die Erzdiözese München und Freising müsste dazu erst den seelsorglichen Notstand ausrufen, um solche Taufbefähigungskurse zu erlauben. Das ist bisher nicht passiert. Dennoch sind wir Laienmitarbeiter von der Diözesanleitung hier in unserer Diözese sehr wertgeschätzt und erfahren großen Zuspruch bei dem, was wir tun. Ich bin seit über 25 Jahren Pastoralreferent und sehr glücklich mit meinem Beruf. Also ich will kein Kleriker sein, sondern ein Mensch für andere Menschen. Für mich hat sich diese Frage geklärt. Deshalb trage ich auch "nur" eine Albe im Gottesdienst.

Frage: Das Tragen einer weißen Albe im Gottesdienst ist für manche bereits ein klerikales Zeichen …

Hammerl: Das sehe ich nicht so. Ich finde, dem Gottesdienstbesucher hilft es, wenn vorne in der Kirche jemand steht, der als Leiter der Liturgie erkennbar ist. Durch die Albe zeige ich, dass ich durch den Gottesdienst führe. Für mich hat es mehr eine Signalwirkung. Wenn ich in den Bergen einmal im Monat einen Gottesdienst feiere, trage ich währenddessen immer die weiße Albe. In der Tourismusseelsorge haben meine Kollegen und ich darüber diskutiert, ob wir vielleicht statt einer Albe lieber eine Weste mit einer Aufschrift "Seelsorge" anziehen. Aber die Albe passt für uns besser. So sind wir als Seelsorger erkennbar.

Frage: Wie viele Menschen kommen zu den Gottesdiensten in die Kapelle auf der Zugspitze?

Hammerl: Das ist ganz unterschiedlich. Vor zwei Jahren an Palmsonntag war niemand da. Selbst ein Paar aus Amerika, das zuvor in der Kapelle gesessen hatte, ging hinaus, weil sie dachten, sie stören den Gottesdienst. Ich blieb allein zurück. Ich bin dann einfach mit meiner Albe eine Weile in der Kapelle gesessen – dabei kam ich dann mit 30 Leuten ins Gespräch. Es war ein anderer Gottesdienst, anders als geplant. Es hat mich dennoch sehr angerührt, wie wenig Kommunikation es braucht, dass die Leute spüren, hier können sie sich öffnen und erzählen, was sie bedrückt und was für Themen sie belasten. Seelsorge bedeutet für mich, einfach da zu sein und zuzuhören. Es ergeben sich immer wieder gute Gespräche da oben in den Bergen, vielleicht weil die Leute dort in der hochalpinen Landschaft feinfühliger sind und leichter über ihre Lebensthemen ins Gespräch kommen. Es genügt manchmal, eine Tür etwas offen zu lassen, für den, der noch etwas nachfragen will. Daher lasse ich die Tür der Zugspitzkapelle, solang ich dort oben bin, meist geöffnet.

Frage: Können Sie sich an eine berührende Geschichte erinnern?

Hammerl: Einmal war ein Ehepaar bei einem Gottesdienst in der Zugspitzkapelle. Die beiden sind mir aufgefallen, weil sie sich gut auskannten und viel mitbeteten. Der Mann schien während der Feier sehr bewegt, er hatte Tränen in den Augen. Nach dem Gottesdienst habe ich ihn angesprochen und er hat mir gesagt, dass er sich hier endlich wieder einmal daheim in seiner Kirche gefühlt hat. Das fand ich berührend. Wieder bei einem anderen Gottesdienst hat mich eine Frau in der Kapelle um einen Segen für sich und ihren Sohn gebeten. Ich habe die beiden gesegnet und der Frau spontan gesagt, dass sie ohnehin schon gesegnet sei, mit ihrem Sohn neben sich. Die Frau hatte Tränen in den Augen und erklärte mir, dass sie bisher nur zivil mit ihrem Mann verheiratet sei, sie das aber belaste, weil sie zusammen ja ein Kind haben. Mein Segen habe ihr nun eine große Erleichterung gegeben, wie sie mir dann sagte. Ich merkte, wie sensibel Seelsorge sein kann. Es sind berührende Momente da oben, die mir da geschenkt werden.

Frage: Haben Sie ein besonderes Ritual bei den Gottesdiensten auf der Zugspitze?

Hammerl: Ja, bevor ich zu einem Gottesdienst auf die Zugspitze aufbreche, nehme ich immer Brot mit, das ich selbst gebacken habe. Den Teig bereite ich schon am Abend davor zu, lasse ihn gehen und backe das Brot dann am Morgen fertig. In dem Brot steckt für mich viel Sonne drin, und Regen, und Wind und all das, was ich als Familienvater mitbringe und das, was die Menschen mir dort oben aus ihrem Leben erzählen. Wenn wir dann in der Kapelle in den Bergen das Brot miteinander teilen und essen, verbindet uns das untereinander, mit der ganzen Welt und mit Gott. All unser Glück, all unser Schmerz, das alles hat im Gottesdienst seinen Platz, getragen von der guten Hoffnung, dass wir es in Gottes Hände legen können und dass es hierher gehört. Egal, ob die Menschen oben in den Bergen oder unten im Tal mit dem Himmlischen in Berührung kommen, es ist immer ein großes Geschenk.

Von Madeleine Spendier