Kilometerlange Fäden im Kirchenraum

Erstmals große Kunstinstallation im Freiburger Münster

Veröffentlicht am 26.04.2026 um 12:00 Uhr – Von Volker Hasenauer (KNA) – Lesedauer: 

Freiburg ‐ In der Freiburger Kathedrale zieht eine Künstlerin Hunderte Baumwollfäden durch den Kirchenraum. Die Installation "Sichtbar-Unsichtbar" soll ein Kunstwerk sein, das Raum, Licht und Spiritualität neu erfahrbar macht.

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Vorsichtig lehnt Elke Maier die Leiter an die drei Meter hohe Sandsteinverzierung. Jetzt kann sie an der Balustrade weitere weiße Fäden festknoten, ihre Spannung überprüfen. Wie Lichtstrahlen fallen die dünnen Fadenlinien vom fast 30 Meter hohen Deckengewölbe hinunter in den Kirchenraum. Ein Zelt? Ein Netz? Was hängt an diesen Fäden?

"Je feiner das Garn, desto spannender und intensiver ist die Wechselwirkung mit dem Licht. Meine Installation will über gewohnte Dimensionen hinausgehen und nach Transzendenz und Spiritualität fragen", sagt Künstlerin Maier.

Aufbau bis Pfingsten – Besichtigen bis September

Erstmals entsteht im Freiburger Münster mit Maiers Fadengewebe eine große, zeitgenössische Kunstinstallation. Ausgehend vom Chorraum vor dem Marien-Hochaltar von Hans Baldung Grien werden die Gespinste in den kommenden vier Wochen bis Pfingsten in den gesamten Kirchenraum hineinwachsen. Der Projekt-Etat liegt bei etwa 43.000 Euro.

Geplant ist auch, Fäden horizontal durch das etwa 120 Meter lange Kirchenschiff zu spannen. Aufwendige technische Planungen sind dafür nötig; auch um die wertvolle Bausubstanz nicht zu beschädigen. "Ich habe kein exakt vorausgeplantes Konzept; die genauen Linienführungen entwickeln sich erst im Dialog mit dem Raum", so die Künstlerin. In den kommenden Wochen können Münsterbesucher sie dabei beobachten.

Schon seit dem Aufspannen der ersten Fäden trifft die Installation auf großes Besucherinteresse. Handys werden gezückt. "Was für ein besonderes Licht", sagt eine italienische Touristin beim Betreten des Münsters beeindruckt – bevor sie erkennt, dass es keine Lichtstrahlen, sondern feine Bündel von Baumwollfäden sind.

Lange Fäden hängen von der Decke im Freiburger Münster.
Bild: ©KNA/Volker Hasenauer

Die langen Fäden gehören zur Kunst-Installation "Sichtbar-Unsichtbar" der Künstlerin Elke Maier.

Münsterpfarrer Alexander Halter bringen die Fäden zum Nachdenken: "darüber, woran mein Leben hängt und woran ich mich festhalte. Deshalb passt diese Installation so gut in unsere Kathedrale." Im Deckengewölbe kann Maier kleine Öffnungen – sie spricht von "Augen" – benutzen, um ihre Garnrollen vorsichtig hinunterzulassen. Geduld und Präzision sind nötig, damit sie sich nicht verknäulen oder verwickeln.

Wenn bis 22. Mai alle Fäden – zusammen werden es Hunderte oder gar Tausende mit Dutzenden Kilometer Länge sein – an der für Maier richtigen Stelle gespannt sind, bleibt die Installation "Sichtbar-Unsichtbar" bis Ende September im Münster zu erleben. Je nach Lichteinfall und vor allem auch je nach Standpunkt der Betrachter im Raum wird sich die Wirkung stark verändern.

Susanne Czech-Lepold leitet das Münsterforum, das Führungen und Veranstaltungen im und rund ums Münster organisiert. Sie ist überzeugt, dass Elke Maiers Gegenwartskunst Besucher auf besondere Weise berühren wird – "auch wenn viele vielleicht zuerst sagen, nichts mit Kirche, Religion und Spiritualität anfangen zu können".

Idee entstand in den Bergen

Maier hat ähnliche Installationen schon in anderen berühmten Kirchen wie dem Wiener Stephansdom oder dem Bamberger Dom verwirklicht. Entwickelt hat sie ihre Ideen ursprünglich unter freiem Himmel; im Gebirge, wie sie erzählt. Im benachbarten Münsterforum läuft bis Juni eine Fotoausstellung mit Bildern früherer Arbeiten von ihr.

Kuratorin Katharina Seifert spricht von einer intensiven, stillen und zugleich sehr spirituellen Arbeit. Die Installation lade zum Nachdenken über Gott und das über die sichtbare Welt Hinausgehende ein. "Elke Maier gelingt es, mit dem eigentlich unverfügbaren Licht zu arbeiten. Je nach Tageszeit und Lichteinfall werden neue Sinneseindrücke möglich."

Bis Pfingsten wird die Baumwollgarn-Künstlerin noch Hunderte Arbeitsstunden brauchen, um alle Fäden zu knüpfen; und noch viele Leitersprossen auf- und absteigen. Doch schon jetzt wird deutlich, dass Maier im Münster neue Raumerlebnisse möglich macht.

Von Volker Hasenauer (KNA)