Ehemaliger Anglikaner-Primas gründet Unternehmen für Mediation

Der ehemalige Anglikaner-Primas Justin Welby will künftig als Mediator arbeiten und international Konflikte schlichten. Aus dem britischen Handelsregister geht hervor, dass Welby bereits im vergangenen August das Unternehmen mit dem Namen "JPW Mediation Services Limited" gegründet hat. Zuerst berichtete die britische Zeitung "The Telegraph" darüber. Die Anteile an Welbys Unternehmen gehören zu gleichen Teilen ihm und seiner Frau Caroline, Welby fungiert als Direktor. Welby trat 2024 von seinem Amt als Erzbischof von Canterbury und damit Primas der anglikanischen Gemeinschaft zurück, nachdem ihn ein Untersuchungsbericht belastet hatte.
Laut den Ergebnissen des "Makin Review" hat die Kirche von England beim Umgang mit dem Serien-Missbrauchstäter John Smyth versagt. Welby hat dem Bericht zufolge seit 2013 über den jahrzehntelangen Missbrauch durch einen Helfer in kirchlichen Jugendcamps Bescheid gewusst. Dennoch sei nichts unternommen worden, um zur Aufklärung beizutragen. Betroffene werfen Welby vor, sich ihnen gegenüber unangemessen verhalten zu haben. Gegenüber dem "Telegraph" zeigte sich ein Betroffener Smyths empört über die Firmengründung: "Ich finde es erstaunlich, dass Welby eine Schlichtung in Betracht zieht, obwohl er sich weigert, den Opfern von John Smyth ein Friedensangebot zu unterbreiten, und es nach seinem regelrechten Manipulationsspiel keine Versöhnung gibt."
Friedensarbeit seit Jahren Schwerpunkt Welbys
Bisher hat sich der ehemalige Erzbischof nicht zu seinen Plänen mit dem Unternehmen geäußert. Während seiner Amtszeit gehörte die internationale Friedensarbeit zu den Schwerpunkten Welbys. Dazu gründete er das "Reconciling Leaders Network", ein Institut, das Führungskräfte im Bereich Frieden und Versöhnung fortbilden soll. Welby ist außerdem Mitglied des Beirats der Vereinten Nationen für Mediation, der 2017 von UN-Generalsekretär António Guterres eingerichtet wurde, um bei der Beilegung internationaler Konflikte zu beraten. Außerdem soll Welby zwischen Prinz Harry und der britischen Königsfamilie vermittelt haben.
Der 1956 geborene Welby war zunächst Finanzmanager in der Erdölindustrie. 1993 wurde er zum anglikanischen Priester geweiht. Zu seinen Stationen gehörten neben der Pfarrseelsorge eine Tätigkeit am International Centre for Reconciliation in Coventry. 2011 wurde er Bischof von Durham und bereits 2013 Erzbischof von Canterbury. Nach der Ankündigung seines Rücktritts Ende 2024 zog er sich zunächst weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. In der anglikanischen Kirche darf er sein Priesteramt nicht ausüben, nachdem ihm sein zuständiger Diözesanbischof die Erlaubnis zu priesterlichen Diensten ("permission to officiate") nach dem Rücktritt nicht erteilt hatte. Ende Oktober 2026 wurde Sarah Mullally zur Nachfolgerin Welbys als erste Frau auf dem Stuhl des Erzbischofs von Canterbury gewählt. (fxn)