Wie die Bamberger Michaelskirche nach 14 Jahren wieder öffnete
Rückblick: Es ist November 2012. Während die Hügel Bambergs in dichten Nebel gehüllt sind, lösen sich im Gewölbe der Kirche St. Michael der ehemaligen Benediktinerabtei auf dem Michelsberg faustgroße Putzbrocken im Gewölbe. Die Steinbrocken fallen zu Boden – nachts, als die Kirche geschlossen ist und sich keine Besucher darin befinden. Glück im Unglück: Denn die herausgebrochenen Brocken sind nur Symptom für ein größeres Problem. Die Kirchendecke mit ihrem weit über die Stadtgrenzen Bambergs hinaus bekanntem Himmelsgarten ist akut einsturzgefährdet. Man hört, dass die Kirche auseinanderzubrechen drohe, weil die Gewölbe auf die Außenmauern drücken. Was folgt ist eine Odyssee: Für die Öffentlichkeit wird die Kirche sofort gesperrt.
Es folgen zahlreiche Gutachten von unterschiedlichen Expertinnen und Experten. Das Ergebnis ist ernüchternd. Eigentlich besteht an allen Ecken und Enden Handlungsbedarf, die Kirche ist ein vollständiger Sanierungsfall. Kein Mensch weiß zu diesem Zeitpunkt, wann und ob die Kirche wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sein wird. Herrlich leuchtet die Frühlingssonne, als sich an diesem Samstag ein Zug aus zahlreichen Geistlichen und Bischöfen in Bewegung setzt. Der Bamberger Erzbischof Herwig Gössl klopft mit seinem Bischofsstab dreimal an das schwere Portal, bevor sich die massiven Eichentüren auftun. Domorganist Markus Willinger zieht alle Register der generalüberholten Orgel und das Geläut der elf Glocken verkündet die frohe Botschaft dieses Tages: Nach 13,5 Jahren werden die Pforten der ehemaligen Klosterkirche, in der auch der Bistumsheilige Otto bestattet ist, wieder geöffnet sein!
Sanierung war Mammutprojekt
Was sich in der Zwischenzeit getan hat, kann man mit Fug und Recht als Mammutprojekt bezeichnen. Denn in fast 14 Jahren Bauzeit musste vieles getan werden. Die Restaurierungsarbeiten betrafen nicht nur den Innenraum der Kirche, sondern auch die gesamte Fassade. Über viele Jahre war letztere durch ein Gerüst verdeckt, das bereits zum Ende des vergangenen Jahres stückweise rückgebaut wurde. Ebenfalls kehrte schon im vergangenen Sommer der Namensgeber der Abtei zurück: Eine Sandsteinfigur des Erzengels Michael wachte seit 1699 über der Westfassade der Kirche. Im Zuge der Restaurierungsarbeiten wurde diese abgenommen und schließlich aus konservatorischen Gründen durch eine 650-Kilogramm schwere Reproduktion ersetzt. Golden glänzen seither die Flügel des Erzengels in der Sonne.
Dass die Sanierung der Michaelskirche ein Mammutprojekt war, lässt sich auch an den Zahlen ablesen: Die Gesamtkosten belaufen sich auf rund 43 Millionen Euro, 32 Gewerke und 74 Fachfirmen waren beteiligt, 12000 Quadratmeter Gerüst wurden Fassaden und Wände benötigt, 1,1 Kilogramm Gold kam zum Einsatz. Wohl um die 100.000 Euro kosteten dabei auch sechs neue Glocken, die im Sommer vergangenen Jahres durch Erzbischof Gössl geweiht wurden. Obwohl bereits fünf Glocken in den Türmen der Klosterkirche vorhanden waren, wollte man durch die Neuanschaffung weiterer sechs Glocken das ursprüngliche Geläut, das aus elf Glocken bestand, wiederherstellen.
Eine Reliquie des heiligen Bischofs Otto wurde beim Pontifikalamt mit in die Kirche getragen. Dort wird es fortan zur Verehrung ausgestellt sein
Doch all die Mühe war notwendig, erklären die Verantwortlichen, um nicht beim Verfall der Kirche zuschauen zu müssen, sondern sie auch für die nächsten zweihundert Jahre zu erhalten. Und damit ein Denkmal zukunftsfähig zu machen, das für viele Bambergerinnen und Bamberger ein Stück Heimat ist. Denn immer wieder konnte man beim Gottesdienst zur Wiedereröffnung hören, wie wichtig diese Kirche den Menschen ist, weil sie dort getauft wurden, ministriert haben oder getraut wurden. Auch damit wird deutlich, dass Kirchengebäude für viele Menschen nicht belanglose Bauten sind, sondern ein Stück Leben bedeuten.
1015 gegründet
Doch wie kam es überhaupt dazu, dass auf dem Michaelsberg eine derartig prächtige Anlage errichtet wurde? Das Kloster auf dem Michaelsberg wurde bereits im Jahr 1015 durch den ersten Bamberger Bischof Eberhard gegründet. Die Ansiedlung von Benediktinermönchen war eine Idee von Kaiser Heinrich II., der nur wenige Jahre zuvor das Bistum Bamberg aus der Taufe gehoben hatte. 1021 fand die Konsekration einer ersten Klosterkirche statt; neben Kaiser Heinrich II. waren auch die Erzbischöfe aus Mainz und Köln zugegen. Die Klosterkirche wurde unter das Patronat des Erzengels Michael gestellt, dessen Verehrung in den Jahrhunderten des Mittelalters zu einem Höhepunkt gelangt war. Als am 3. Januar 1117 ein Erdbeben Norditalien erschütterte, reichten die Auswirkungen bis nach Norden: Auch das Kloster auf dem Michaelsberg und die Kirche waren vom Einsturz bedroht. Zumindest muss die Kirche in der Folge so schwer beschädigt gewesen sein, dass es zu einem Neubau kam. Maßgeblicher Förderer war der damalige Bamberger Bischof Otto I.
Am 27. April 1610 suchte ein weiteres Unglück den Michaelsberg heim: Ein unvorsichtiger Dachdecker führte einen Brand herbei, der die Kirche so massiv beschädigte, dass Langhaus und Türme neu errichtet werden mussten. Die barocke Kirchenfassade und die vorgelagerte Terrasse wurden dabei von den Bamberger Baumeistern Leonhard und Johann Dientzenhofer ausgeführt. Ein besonderes Highlight in der Kirche ist der Himmelsgarten: Sämtliche Gewölbe des Gotteshauses sind mit verschiedenen Blüten und Früchten ausgemalt.
An die 600 einheimische, aber auch seltene und eher unbekannte Arten sind an der Decke der Klosterkirche dargestellt. Unter ihnen auch Ananas, Granatapfel oder Tabak, in der damaligen Zeit eher exotische Gewächse. Vermutlich ist das Herbarium, das auch mehrere Papageien und Singvögel zeigt, schon kurz nach der Wiedererrichtung des Langhauses nach der Brandkatastrophe entstanden. Vermutlich wollten die Künstler einen Ausblick auf das Paradies darstellen. Und diese Vorstellung malte man sich eben mit den außergewöhnlichsten Pflanzen und Tieren aus.
Der Orgelprospekt wurde kurz nach dem Brand der Klosterkirche 1610 errichtet und ist bis heute ein bedeutendes Werk.
Sehenswert ist außerdem das Hochgrab des heiligen Otto: Er wurde 1102 zum Bischof von Bamberg ernannt und machte sich vor allem als Missionar einen Namen. Zwei Reisen führten Otto nach Pommern, wo er das Evangelium verkündete und so viele Menschen zum christlichen Glauben führte. Schon zu Lebzeiten verfügte Otto, dass seine sterblichen Überreste im Kloster auf dem Michaelsberg beigesetzt werden sollen. Dort ruht Otto, der 1189 heiliggesprochen wurde, heute in einem Hochgrab.
"Es ist eine Pracht"
Mit der Säkularisation wurde die Abtei aufgehoben. Das Eigentum des Klosters wurde von staatlicher Stelle beschlagnahmt und die letzten verbliebenen Mönche vertrieben. Seither gehört die Klosteranlage der Bürgerspitalstiftung der Stadt Bamberg. „Es ist eine Pracht“, betonte Erzbischof Herwig Gössl in seiner Predigt zur Wiedereröffnung der Kirche. Doch noch ist die Pracht nicht vollends: So sind bis 2031 noch weitere Instandhaltungsmaßnahmen geplant. Noch ist zum Beispiel die Heilig-Grab-Kapelle geschlossen, in der unter anderem der berühmte Bamberger Totentanz dargestellt ist. Auch einige Epitaphien, die auf Anordnung von König Ludwig I. bei der Purifizierung des Doms entfernt und in die Michaelskirche gebracht wurden, sind noch verhüllt und warten auf ihre Restaurierung. Dazu kommen weitere Bauarbeiten im Zuge der Generalsanierung der Klosteranlage.
Wenngleich die Öffnungszeiten der Kirche in diesem Jahr noch von Freitag bis Sonntag begrenzt sind, überwiegt bei vielen Menschen die Freude, dass die Sanierung der ehemaligen Abteikirche nach fast 14 Jahren zu einem erfolgreichen Ende gekommen ist. Und was ist schon dieser sehr begrenzte Zeitraum, wenn im Gegenzug in den kommenden zweihundert Jahren tatsächlich keine Baumaßnahmen mehr anstehen sollten?
