Seelsorge auf See

Der Anker für die Seele – Ein Tag bei der Seemannsmission

Veröffentlicht am 06.06.2026 um 12:00 Uhr – Von Ayleen Over – Lesedauer: 

Bremerhaven ‐ Christine Freytag engagiert sich bei der katholischen Seemannsmission Bremen. Mehrmals die Woche besucht sie Seeleute auf ihren Schiffen und gibt ihnen Raum für ihre Sorgen. Auch politische Krisen sind ein Thema.

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"Ich hätte schon vor zwei Monaten nach Hause gehen sollen, aber jetzt schicken die mir nur E-Mails, dass es sich verzögert. Verdammter Iran-Krieg". Der Mann mit den schwarzen Haaren und der Schürze schüttelt wütend den Kopf. Daniel kommt von den Philippinen und arbeitet seit acht Monaten als Koch auf See, jetzt gerade sitzt er in Bremerhaven fest. Christine Freytag blickt ihn bestürzt an und setzt zur Nachfrage an, doch Daniel kommt ihr zuvor. "Wegen der gestiegenen Ölpreise werden Flüge in die Philippinen unbezahlbar. Die Reedereien wollen das nicht bezahlen. Wer weiß, wann ich nach Hause kann". Christine Freytag hört sich die Sorgen von Daniel an, sucht das Gespräch, fragt nach seiner Familie und den anderen Mitgliedern der Besatzung. Zuhören und für die Menschen auf See da sein – das macht Freytag in Vollzeit bei der katholischen Seemannsmission "Stella Maris" für Bremen und den Unterweserhäfen Bremerhavens.

Freytag blickt sich im Aufenthaltsraum des kleinen Frachters um, in dem neben Daniel noch drei weitere Seeleute sitzen. Sie beugen sich über ihr Mittagessen, sprechen dabei aber kaum miteinander und verlassen den Raum direkt nach dem Essen. Sorgen haben die Seeleute nicht wenige, erklärt Freytag. Die Schichten auf See sind hart und lang und die Menschen sind weit weg von ihren Familien. Hinzu kommen immer neue internationale Konflikte, die nicht nur die Arbeitsbedingungen erschweren, sondern auch die Psyche der Seeleute stark belasten können. "Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder, die Schiffe müssen riesige Umwege fahren – was bedeutet, dass die Zeit auf See länger wird. Oder sie fahren durch Krisengebiete. Davor haben die Menschen natürlich auch Angst", erzählt Freytag. Einmal habe ein Mann sie gebeten, für die Besatzung zu beten, da sie am Jemen vorbeifahren mussten, wo die Huthi-Rebellen immer wieder Schiffe angreifen. Aber auch Konflikte auf dem Schiff selbst können Themen sein, mit denen Freytag konfrontiert wird. "Bis heute arbeiten Ukrainer und Russen zusammen auf Schiffen. Die müssen natürlich viel ausklammern, um zusammen arbeiten zu können". Auch Frauen arbeiten an Bord, oft jedoch in Unterzahl. Erst vor kurzem traf Freytag eine junge Kadettin, die von ihrem Vorgesetzten mit harten Worten kommandiert wird. "Die war einfach froh, mit einer Frau reden zu können. Frauen sind leider wirklich rar in der Besatzung, sodass manche von ihnen monatelang alleine unter Männern sind", hebt sie hervor.

Koch Daniel auf dem Schiff im Hafen von Bremerhaven
Bild: ©katholisch.de/ayo

Daniel kommt von den Philippinen und arbeitet seit Monaten auf dem Schiff als Koch. Aufgrund gestiegener Ölpreise durch den Iran-Krieg weiß er nicht, wann er nach Hause kann.

Egal, ob harter Ton oder Schweigen, Christine Freytag beobachtet schon seit längerem eine veränderte Art der Kommunikation zwischen den Seeleuten. "Früher war es sehr viel schwieriger für die Seeleute, mit ihren Angehörigen zu telefonieren, da Schiffe keine gute Internetausstattung hatten. Dafür verbrachten sie mehr Zeit mit ihren Kollegen, zum Beispiel, wenn sie von uns einen Film ausgeliehen haben. Heute telefonieren sie viel mehr, sprechen dafür aber auch weniger mit den Kollegen", erklärt sie. Auch die Regelung der SIM-Karten hat Freytag in Erinnerung. Erst seit 2017 gibt es eine einheitliche EU-Regelung zu Roaminggebühren, zuvor mussten die Seefahrer ständig ihre SIM-Karten wechseln. "Dann haben die sich gerade eine SIM in Rotterdam geholt, damit die in Hamburg nicht mehr funktioniert. Das war für die Seeleute teuer und sehr umständlich und hat uns in dieser Zeit zu Telefonkartenverkäufern werden lassen", erklärt Freytag. Hinzu kam, dass die Pässe der Seeleute, die für eine Registrierung der SIM-Karte notwendig waren, in der Regel beim Kapitän für offizielle Kontrollen unter Verschluss gehalten wurden. "Das hat uns fast das Genick gebrochen, das war unglaublich ätzend für alle Beteiligten".

Freytag selber kam eher zufällig zur katholischen Seemannsmission. In ihrem Studium der evangelischen Religionspädagogik hörte sie durch eine Freundin von der Deutschen Seemannsmission. "Sie erzählte immer so begeistert davon, da dachte ich, das will ich auch probieren", erzählt Freytag. Nach einem Praktikum ist sie heute hauptberuflich hier, als Evangelin. "Was zählt ist die Erfahrung, und dass man mit christlichen Prinzipien arbeiten kann. Aber katholisch musste ich nicht sein", erklärt sie. Auch die Seeleute selbst müssen nicht christlich sein, um von dem Angebot Gebrauch machen zu können. "An erster Stelle steht die Seelsorgearbeit, und die werde ich niemandem verwehren, da auch das ein christlich geprägtes Prinzip ist", so Freytag.

Seeleute freuen sich über Blumen
Bild: ©katholisch.de/ayo

Marc und zwei seiner Kollegen freuen sich über Blumen, die Christine Freytag von der katholischen Seemannsmission als Geschenk mitgebracht hat.

Vor dem Frachter hat Freytag ihren weißen Minibus geparkt, auf der Mittelkonsole liegt ein Blatt Papier, auf dem in einer Tabelle alle Schiffe gelistet sind, die sie im Laufe des Tages besuchen möchte. Ihr Finger gleitet die Liste hinab, sie murmelt etwas vor sich hin und fährt über das Gelände zum nächsten Schiff. Sie parkt den Minibus direkt an der Rampe des Schiffes, an dessen Ende ein Seemann mit einem Buch steht, in das sich Freytag mit Namen und Ausweisnummer einträgt. Der Mann sagt etwas in sein Funkgerät, wenige Minuten später wird Christine Freytag von Marc begrüßt, einem jungen Mann Ende 20, der wie Daniel auf dem Schiff zuvor ebenfalls von den Philippinen kommt. Marc führt Freytag hoch aufs Deck zum Aufenthaltsraum, in dem drei Seemänner zu Mittag essen. Sie blicken hoch, als Marc und Christine Freytag den Raum betreten, lächeln und begrüßen Freytag herzlich. "Hier, ich habe ein Geschenk für euch", sagt sie, und überreicht ihnen einen kleinen Topf Blumen. Die Seeleute nehmen die Blumen, verneigen sich als Zeichen des Danks und wünschen Freytag Gottes Segen. Sie sprechen mehr als die Männer auf dem Schiff zuvor, dennoch essen auch sie im hohen Tempo – Pausen auf See sind sehr kurz, erklärt Freytag. "Die meisten wollen essen, mit ihrer Familie sprechen und dann schlafen. Es bleibt einfach keine Zeit für andere Dinge, nicht mal für ein gemeinsames Gebet".

Genauso wie der Koch Daniel auf dem Schiff zuvor erzählen auch die Seemänner dieses Schiffs von den Sorgen vor den Konsequenzen des Iran-Krieges. Auch sie wissen nicht, wann sie nach Hause können, sie müssen länger arbeiten, die Ablöse kommt nicht – den Reedereien seien die Flüge zu teuer. Eine weitere Sorge kommt hinzu: "Wenn es so weitergeht, bekommen wir keine Folgeverträge, weil die Kosten, uns zu beschäftigen, zu hoch werden. Dann suchen die Reedereien lokal nach Arbeitern, wir hätten keine Arbeit mehr", erklärt Marc. Auch er ist sauer. "Warum wurde dieser Krieg überhaupt gestartet? Meine Familie kann sich trotz meines Geldes kaum mehr etwas leisten. Ich bin momentan einfach froh, nicht im Nahen Osten festzustecken, sondern hier, wo es sicher ist, mit guten Kollegen", erzählt er resigniert, der Rest der Besatzung nickt zustimmend.

Einsatz bei der katholischen Seemannsmission in Bremerhaven
Bild: ©katholisch.de/ayo

Christine Freytag besucht mehrmals die Woche Schiffe im Hafen (links). Als Geschenk hat sie Rosenkränze mitgebracht, die aus Spenden stammen (mitte). Um sich in den Gängen nicht zu verirren, wird sie von Marc abgeholt (rechts).

Christine Freytag steht auf, es wird Zeit, zu gehen. "Wollt ihr noch Rosenkränze haben?", fragt sie in die Runde, die Männer nicken energisch und lächeln breit. Sie holt eine Plastiktüte raus, in ihr sind zahlreiche, einzeln verpackte Rosenkränze in verschiedenen Farben und unterschiedlich geformten Kreuzen sowie ihre Visitenkarte. Die Rosenkränze stammen aus privaten Spenden und sind, ebenso wie Strickmützen, bei der Seemannsmission sehr erwünscht. Freytag ist froh, den Männern diese Spenden weitergeben zu können, und auch die Seemänner betrachten die Rosenkränze in ihren Händen mit Stolz. Viele der Seemänner sind katholisch, erklärt Marc, aber Zeit zum Beten und um zur Ruhe zu kommen haben sie kaum. "Nur an Feiertagen wie Ostern und Weihnachten nehmen wir uns etwas mehr Zeit, sitzen zusammen und singen Lieder, beten oder machen sogar mal eine kleine Prozession. Die Köche bereiten dann meistens auch ein passendes Menü vor", erzählt Marc und lacht.

Obwohl die Themen oft hart sind und Freytag keine Lösungen anbieten kann, sind es diese Seelsorgegespräche, die ihren Berufsalltag bereichern. Dennoch bekommt sie manchmal auch Zweifel. "Ich besetze die einzige Vollzeitstelle bei Stella Maris, da kann es schnell einsam werden. Manchmal lassen mich die zuständigen Personen nicht an Bord, mit der Begründung, es seien gerade alle am Arbeiten und ich würde sie stören oder sie wollen in ihren Pausen nicht mit mir sprechen. Vor allem in solchen Fällen frage ich mich manchmal, was ich eigentlich mache. Aber sobald ich mit den Leuten rede und merke, dass es ihnen total hilft, fühlt sich das sehr gut an und motiviert mich, weiterzumachen". Ihr persönlicher Glaube sei dabei eine zusätzliche Stütze. "Ich arbeite mit einem christlichen Menschenbild. Ich sehe also jeden Menschen einfach als Menschen, egal woher er kommt, welche Position er auf dem Schiff und welche Religion er hat. Es hilft mir, jedem offen zu begegnen und Hilfe anbieten zu können", betont sie.

Von Ayleen Over