Meteorologie und Klimawandel spielen hinein

Warum die Eisheiligen in Erklärungsnot kommen

Veröffentlicht am 28.04.2026 um 00:01 Uhr – Von Christoph Paul Hartmann – Lesedauer: 

Bonn ‐ Sind die Eisheiligen durch, kann man unbekümmert pflanzen – sagt so manche Bauernregel. Aber ganz so einfach ist es mit dem Wetter nicht. Das liegt auch am Klimawandel.

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"Mamertius, Pankratius, Servatius bringen oft Kälte und Verdruss." Bauernregeln wie diese sind für zahlreiche (Hobby-)Gärtner altbekannt: Denn wer empfindliche Pflanzen zu früh sät, dem macht ein plötzlicher Kälteeinbruch im Frühjahr im schlimmsten Fall die Ernte kaputt. Orientierung bieten da die Eisheiligen Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius und Sophia. Sind ihre Namenstage vorbei, kann man beruhigt ans Werk gehen, so heißt es. Doch nicht nur durch den Klimawandel haben die Eisheiligen an Wirkkraft verloren.

Mit dem Wetter haben die Heiligen selbst erst einmal gar nichts zu tun. Mamertus war im fünften Jahrhundert Bischof von Vienne in Frankreich, Pankratius starb im dritten oder vierten Jahrhundert als Märtyrer, Servatius war im vierten Jahrhundert Bischof von Tongern im heutigen Belgien, Bonifatius und Sophia starben ebenfalls als Märtyrer im dritten oder vierten Jahrhundert. Zusammengekommen sind die fünf durch ihre Namenstage zwischen dem 11. und dem 15. Mai – wobei je nach Region unterschiedlich gezählt wird: Im Norden beginnt man mit Mamertus am 11., im Süden erst mit Pankratius. Sophie als einzige Frau in der Reihe (und Namenstag am 15. Mai) wird hin und wieder ausgelassen. Das hat tatsächlich mit dem Wetter zu tun: Denn wenn die kalte Luft kommt, kommt sie aus dem Norden – und erreicht erst zeitversetzt den Süden.

Gemeinsam ist den Eisheiligen, dass um ihre Namenstage herum inmitten des Frühlings noch einmal ein paar kalte Tage kommen können – im Ernstfall sogar mit frostigen Nächten. Das hat meteorologische Gründe: Denn wenn der Frühling kommt und es wärmer wird, wird es nicht überall gleich schnell gleich warm. Durch die großen Temperaturunterschiede zwischen warmen und kalten Gebieten können Tiefdruckgebiete entstehen, die kalte Polarluft auf den europäischen Kontinent ziehen. Dieses Phänomen nennen Metereologen eine Singularität, also eine Wetterlage, die immer wieder vorkommt. "Kaltlufteinbrüche im April und Mai sind etwas ganz normales, treten aber eher zufällig auf und mit sukzessiv abnehmender Wahrscheinlichkeit mit fortschreitender Jahreszeit", sagt Tanja Netz vom Deutschen Wetterdienst (DWD) gegenüber katholisch.de.

Zehn Tage von heute auf morgen weg

Dass nach der "kalten Sophie", wie die heilige Sophia auch genannt wird, alles gut ist und man sicher aussäen kann, funktioniert so einfach allerdings nicht. Das hat gleich mit mehreren Faktoren zu tun. Da ist zum einen der Kalender: Die Bauernregeln um die Eisheiligen beziehen sich wahrscheinlich auf die Zeit vor der Kalenderreform 1582 vom julianischen auf den gregorianischen Kalender. Zehn Tage wurden damals ersatzlos aus dem Kalender gestrichen. Die Namenstage der Heiligen blieben aber, wo sie waren. Das heißt: Eigentlich müsste die überraschende Kälte zehn Tage später datiert werden, die Eisheiligen wären in ihrer jetzigen Form passé.

„Selbst wenn man der Kalenderreform Rechnung trägt und die Zeiträume großzügiger wählt, trafen die Eisheiligen in den vergangenen 100 Jahren in nur rund einem Drittel der Fälle ein, was für eine Singularität recht wenig ist.“

—  Zitat: Tanja Netz

Doch selbst dann gäbe es noch Probleme: Denn die Gültigkeit der Eisheiligen ist sehr umstritten, sagt Tanja Netz. Eine besondere Häufung von Kaltluftausbrüchen ließe sich in dem Zeitraum nicht ausmachen. "Selbst wenn man der Kalenderreform Rechnung trägt und die Zeiträume großzügiger wählt, trafen die Eisheiligen in den vergangenen 100 Jahren in nur rund einem Drittel der Fälle ein, was für eine Singularität recht wenig ist", erklärt Netz. "Das Weihnachtstauwetter zum Beispiel tritt in mehr als zwei Drittel der Fälle ein." Zahlen des DWD belegen das.

Das Wetter hat sich vor allem in den vergangenen Jahren ganz entscheidend verändert – Grund ist der Klimawandel und die Erderhitzung. Doch in Sachen Eisheilige ist die Situation komplex: "In den letzten Jahrzehnten lässt sich – noch – kein signifikanter Trend in der Anzahl dieser Kaltlufteinbrüche ausmachen, der Klimawandel scheint dahingehend also – noch – keinen großen Einfluss zu haben", sagt Netz. "Dennoch wird es natürlich im Zuge des Klimawandels prinzipiell immer wärmer, sodass die Vegetation früher in Gang kommt." Durch generell wärmeres Wetter blühen etwa Obstbäume früher – und damit in einer Zeit, die viel frostanfälliger ist als spätere Monate. "Frostschäden sind demnach trotz oder gerade wegen des Klimawandels immer noch ein großes Thema." Doch genau der gleiche Effekt sorgt auch für eine gegenteilige Wirkung, so Netz: "Im Umkehrschluss ist die Obstblüte aber auch immer früher verblüht, sodass die Eisheiligen in ihrer ursprünglichen Definition Mitte Mai ihren Schrecken sogar eher verlieren."

Eisheilige weiter im Bewusstsein

Dennoch: Die Eisheiligen bleiben im allgemeinen Bewusstsein – auch, weil das Phänomen größer ist als fünf Tage im deutschen Mai. Singularitäten wie unerwartete Kälteeinbrüche gibt es einerseits auch an anderen Stellen. So kann es im Juni auch nochmal vorübergehend kalt werden, die sogenannte Schafskälte tritt vor allem um den 11. Juni auf. Sie ist benannt nach den dann bereits geschorenen Schafen, die unter den plötzlich fallenden Temperaturen zittern.

Andererseits kennen auch andere Sprachräume die Eisheiligen: Seien es die "Saints de glace" in Frankreich, die "Zimni ogrodnicy" in Polen oder die "Ice Saints" im englischsprachigen Raum – Weisheiten wie "Die Kalte Sophie macht alles hie" werden noch lange weitererzählt.

Von Christoph Paul Hartmann