Ehemalige Priorin: Bin Frau des Gebetes, nicht der Zahlen

Über der Klosterpforte steht "Ora et labora" (bete und arbeite), aber nach dem, was da neben Schwester Maria-Regina Köser auf dem Tisch liegt, lässt sich schon absehen, was für sie gerade im Vordergrund steht: Auf der mit einem Kreuzmuster bestickten Tischdecke liegen das Festnetztelefon des Hauses und ein Smartphone. Die Benediktinerin hat viel um die Ohren: Seit zwei Wochen ist sie nicht mehr Priorin, anstelle von ihr hat nun ein Priester des Erzbistums Köln, der Offizial Peter Fabritz, als Apostolischer Kommissar die Verantwortung übernommen – dabei geht es um die Zukunft des Klosters Kreitz in Neuss, ihres Lebensraums.
"Verpflanzen Sie mal eine Jahrzehnte alte Eiche", sagt Schwester Maria-Regina. "Wenn Sie die überhaupt lebendig aus der Erde bekommen – wer weiß, ob die an einem neuen Ort überhaupt noch einmal gedeiht?" Seit über 30 Jahren wohnt sie hier im Kloster, das 1899 als Ableger des Klosters Mariahilf der Benediktinerinnen vom Heiligsten Sakrament in Bonn-Endenich gegründet wurde. Wer Benediktinerin wird, tritt nicht nur in einen Orden ein, sondern in ein ganz bestimmtes Kloster. Dort bleibt man – im Idealfall – sein Leben lang. Im Falle von Schwester Maria-Regina ist es das Kloster Kreitz: Eine neuromanische Klosterkirche, daneben die zweistöckigen weitläufigen Ziegelbauten mit den Zellen der Nonnen. Umringt wird die Anlage von Feldern, Obstbäumen und dem Schwesternfriedhof auf der einen Seite, zum Ort hin. An der Rückseite aber führt die A 46 entlang, für deren Ausbau in den 1970er Jahren die Apsis der Klosterkirche abgerissen wurde. Das Rauschen der Autos ist immer zu hören. "Ich kann hier schlafen, ich schlafe hier auch gut", sagt Schwester Maria-Regina trotzdem. Für sie ist der Eintritt in das Kloster Kreitz damals ein Wendepunkt in ihrem Leben. "Ich war mir sicher, dass ich in dieses Kloster eintreten sollte. Und die Zeit der Erprobung hat mir das dann auch bestätigt. Ich bin überzeugt, dass man einen solchen Weg nur aufgrund einer Berufung gehen kann."
Doch ist die Gemeinschaft am Ort über die Jahre immer kleiner geworden. Leben hier in den 1950er Jahren noch 70 Schwestern, sind es heute noch drei. Schwester Maria-Regina ist mit 60 Jahren die Jüngste, die beiden anderen sind 74 und 85 Jahr alt. Vor einigen Jahren waren noch eine Postulantin und eine Novizin und weitere Interessentinnen aus Uganda im Kloster. Alle sind aus unterschiedlichen Gründen wieder gegangen. Dennoch: Das geistliche Leben habe darunter nie gelitten, sagt die Nonne. "Um spirituelle Nahrung zu erhalten, helfen uns auch die modernen Medien." Zum benediktinischen Leben gehören Lesungen bei den Mahlzeiten. "Das ist heutzutage auch mal ein Hörbuch oder ein Podcast." Bis heute feiern die Schwestern jeden Tag die heilige Messe und beten das Stundengebet. "Das ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. Spirituell sind wir hier nicht verhungert."
Spirituell nicht verhungert
Dennoch: "Es war schon seit Jahren jedem klar, dass sich hier etwas verändern muss", sagt sie. "Aber das bedeutet für uns sehr viel, unsere Wurzeln hier reichen tief." Schwester Maria-Regina ist seit 2023 Priorin gewesen, damals lebten noch fünf Nonnen im Kloster, gemeinsam mit Angestellten betrieben sie eine Hostienbäckerei. Laut der vatikanischen Instruktion "Cor Orans" sind fünf Nonnen allerdings zu wenig, damit ein Kloster fortbestehen kann: "Wenn in einem autonomen Kloster nur noch fünf Schwestern mit feierlicher Profess leben, verliert die Gemeinschaft dieses Klosters das Recht, ihre eigene Oberin zu wählen." (CO 45) Schwester Maria-Regina ist also von Anfang an nur noch Priorin-Administratorin.
Um der Situation zu begegnen, beauftragen die Schwestern einen Berater, der sich auf Klöster spezialisiert hat, um gemeinsam einen Weg in die Zukunft auszuarbeiten. "Das war ein Prozess, der uns alle sehr gefordert hat – und uns gezeigt hat, wo wir stehen." Die Nonnen stehen dabei vor allem an einem Ort: in Kreitz. "Wir haben in diesem Prozess gemerkt, wie sehr wir an diesem Ort hängen und dass wir noch nicht so weit gewesen sind, von hier wegzugehen. Dabei müssen Sie auch bedenken: Die vielen Schwestern auf dem Friedhof, von denen sind hier auch überall noch Dinge." Die Nonnen kümmern sich also zunächst um andere Baustellen. Der Berater schaut in die Bücher der Hostienbäckerei und stellt fest: Sie rechnet sich für die Schwestern nicht mehr. Also fällen die Schwestern gemeinsam die Entscheidung, die Bäckerei zum Ende des Jahres 2025 zu schließen und die Mitarbeiter zu entlassen entsprechend ihren Fristen und neuen Arbeitsmöglichkeiten.
Das Kloster Kreitz in Neuss gibt es seit 1899.
Dann geht es im Klostergebäude weiter: Räume des bisherigen Gästehauses des Klosters werden an die St.-Augustinus-Gruppe vermietet, einen lokalen sozialen Träger. Heute wohnen dort jeweils zeitlich befristet Auszubildende und Arbeitskräfte im Anerkennungsjahr.
Auch für die Gemeinschaft an sich steht eine große Veränderung an: Zwei der fünf Nonnen sind sehr krank und pflegebedürftig. "Da mussten wir uns irgendwann eingestehen, dass wir die Pflege einfach nicht mehr selbst leisten können. Dafür fehlt uns die Kraft." Die beiden pflegebedürftigen Mitschwestern ziehen also in Heime. "Das macht schon etwas mit einer Gemeinschaft, wenn zwei auf einmal nicht mehr da sind", sagt Schwester Maria-Regina.
Nun stehen noch zwei große Aufgaben vor den Nonnen: Was geschieht mit der großen Anlage und was mit den Schwestern?
Die Klostergebäude haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich: Ende des 19. Jahrhunderts gebaut, im Zweiten Weltkrieg zu einem Teil zerstört, danach wieder aufgebaut und ergänzt, wegen der Autobahn wieder beschnitten. "Wir haben hier immer wieder renoviert", sagt Schwester Maria-Regina. "Immerhin ist alles in einem so guten Zustand, dass wir direkt vermieten konnten." Im Zuge des Beratungsprozesses der letzten Jahre hatten die Schwestern schon durchgeplant, wie man die Gebäude umnutzen und auslasten könnte. Dann der große Schock: Das Land, auf dem das Kloster seit über 125 Jahren steht, ist kein Bauland. Bevor also irgendetwas umgebaut werden könnte, müsste das Gelände erst einmal umgewidmet werden. Zu viel für die Nonnen. "Ich bin eine Frau des Gebetes, nicht der Zahlen", sagt Schwester Maria-Regina. Auch die Ordensföderation fühlt sich nicht in der Lage, dem Konvent hinreichend zu helfen.
Schaffen wir das noch?
Die Schwestern stehen hier – wie bei ihren pflegebedürftigen Mitschwestern – vor der Frage: Schaffen wir das noch? Im Prozess mit dem Berater zeichnet sich dann ab: Einen derart aufwendigen Prozess können die drei Nonnen nicht allein auf die Beine stellen. "Da stand dann irgendwann im Raum, ob wir uns Unterstützung holen. Zum Beispiel durch einen Kommissar." Doch Schwester Maria-Regina zögert: "Ich habe längere Zeit gezögert, da das eine mir völlig unbekannte neue Konstellation sein würde. Letztendlich aber habe ich das Amt niedergelegt, so waren das Erzbistum und die Föderation frei, einen Apostolischen Kommissar in Rom zu beantragen und vorzuschlagen“, sagt sie.
Die Nonnen feiern jeden Tag die heilige Messe.
Im März legt sie ihr Amt nieder. Dadurch wird der Vatikan eingeschaltet, der den Kölner Kirchenrichter Peter Fabritz nun zum Apostolischen Kommissar des Klosters benannt hat. Er hat jetzt alle Entscheidungskompetenzen, die vorher die Priorin innehatte. Nun muss das Erzbistum Köln schauen, was mit dem Kloster passieren soll. "Ich würde mir wünschen, dass hier wieder eine Gemeinschaft einzieht und den Ort geistlich nutzt." In einer Mitteilung des Erzbistums heißt es dazu aber schon: "Die Fortführung des geistlichen Lebens im Kloster Kreitz wäre wünschenswert, scheint aber angesichts der Größe der Anlage und der rückläufigen Zahl an Ordensberufungen derzeit leider nur wenig realistisch." Der neue Kommissar kannte das Kloster vorher überhaupt nicht und war erst einmal vor Ort. "Ich kann noch nicht abschätzen, wie die Zusammenarbeit mit ihm ablaufen wird", sagt die ehemalige Priorin. Sie ist dennoch froh, dass sie die Verantwortung für die Liegenschaft abgegeben hat. Einen Wunsch haben die Schwestern schon abgegeben: "Wir wollen, dass der Tabernakel in der Kirche bleibt."
Obwohl sie dem Kloster offiziell nicht mehr vorsteht, ganz loslassen kann Schwester Maria-Regina von ihrer Verantwortung nicht. Sie ist die Jüngste in der Gemeinschaft. "Natürlich fühle ich mich für meine älteren Mitschwestern verantwortlich, das hakt man menschlich nicht einfach so ab", sagt sie. "Ihnen fällt ein Ortswechsel noch schwerer als mir." Es ist noch nicht ausgemacht, ob die drei Schwestern gemeinsam an einen neuen Ort ziehen oder sich jede von ihnen einzeln orientiert – das steht ihnen frei. "An der Gemeinschaft liegt es nicht, wir leben gern zusammen", sagt Schwester Maria Regina. Gerade die vergangenen Jahre mit den großen Herausforderungen hätten die Gemeinschaft noch einmal gestärkt. Doch die Vorstellungen der Nonnen zum künftigen Leben gehen zum Teil weit auseinander. Deshalb soll es jetzt zunächst ein Experiment richten. "Wir machen Ferien", beschreibt es die Schwester. Die drei Nonnen ziehen für eine Woche zu den Benediktinerinnen nach Osnabrück. "Eine Schwester hat da großes Interesse dran, wir anderen beiden machen das mit", sagt die ehemalige Priorin. "Ich persönlich habe da keine Meinung zu, ich habe so viel Stress, hinter mir liegt so viel Anstrengung, ich kann mir da im Moment kein so rechtes Bild machen."
Den Stress merkt man Schwester Maria-Regina an. Immer wieder verschnauft sie im Gespräch, muss ihre Gedanken sichtlich sortieren. Sie wirkt ein wenig abgekämpft. Ihr Blick geht immer wieder durch das Fenster nach draußen in den Klostergarten mit den alten Bäumen. Die Gewissheit vor über 30 Jahren, dass hier ein Leben als Benediktinerin an diesem Ort Bestand haben würde – ist erschüttert worden. "Ich habe aber die Hoffnung, dass ich diese Sicherheit an einem neuen Ort wiederbekommen kann. Dass wir hier irgendwann wieder Ruhe finden. " Sie hat viel Zuspruch erhalten, vor allem von den Menschen vor Ort. "Dafür bin ich sehr dankbar!" Ob ihr Gottvertrauen in den vergangenen Jahren gelitten hat? "Nein, ganz im Gegenteil", sagt sie. "Der, für Den ich hier bin, Der ist immer da und immer treu. Er sieht unsere Anliegen, Nöte, Ängste, Notwendigkeiten und Bemühungen. Vielleicht ist da ja schon ein Ort, eine Tür für Neues – und ich sehe sie nur noch nicht."