Seminarist zur neuen Rahmenordnung

Priester werden heute: "Wir müssen Brückenbauer sein"

Veröffentlicht am 02.05.2026 um 00:01 Uhr – Von Felix Neumann – Lesedauer: 

Bonn ‐ Die neue Rahmenordnung zur Priesterausbildung macht Synodalität zum Kern der Ausbildung. Seminaristen-Sprecher Jan Lierz erklärt, was Seminaristen davon halten – und wie sie Priester sein wollen.

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Die deutschen Bischöfe haben die nationale Rahmenordnung für die Priesterausbildung nach mehr als 20 Jahren aktualisiert: Größere Flexibilität, mehr Beteiligung von Frauen in der Ausbildung, ein stärkerer Fokus auf persönliche Reifungsprozesse. Am direktesten betrifft das die Seminaristen selbst. Jan Lierz ist einer von ihnen. Der Vorsitzende der Deutschen Seminarsprecherkonferenz freut sich im Interview mit katholisch.de darüber, dass nun endlich klar ist, wie es weitergeht – und er hofft darauf, dass die Ordnung dabei hilft, Synodalität in die Priesterausbildung zu bringen.

Frage: Herr Lierz, die neue nationale Rahmenordnung stellt die Frage "Warum Priester?" ganz an den Anfang. Was ist Ihre Antwort auf die Frage?

Lierz: Wir befinden uns natürlich in einer gesellschaftlichen und kirchlichen Situation, die einige Anfragen an uns als Kirche und konkret auch an Priester und an werdende Priester stellt. Priester spielen in der Konstitution der Kirche eine ganz zentrale Rolle, gerade was die Spendung der Sakramente angeht. Im Kern geht es aber darum, für die Menschen da zu sein, den Menschen in der Welt ganz konkret zu dienen – vor allem in Momenten, in denen es ums Ganze geht, in Krisen sind Priester und andere Seelsorgerinnen und Seelsorger gefragt. Als Priester kann man ein Mensch sein, der den Menschen das Evangelium verkündet und durch die Sakramente nahebringt und ihnen dadurch hilft, zu Gott in Beziehung zu kommen, ihn zu entdecken und die Freundschaft mit Jesus Christus zu vertiefen.

Frage: Eine große Herausforderung in einer immer säkularer werdenden Gesellschaft.

Lierz: Ja, viele Menschen erreichen wir nicht mehr einfach so. Viele haben keinen selbstverständlichen Zugang zu unserer Kirche und zu unserem Glauben. Da ist es umso wichtiger, dass Personen glaubwürdig und nahbar sind – das ist eine Aufgabe von Priestern. Und das ist dann eine der Antworten auf die Frage "Warum Priester?": Priester müssen Brückenbauer zwischen Gott und den Menschen, aber eben auch zwischen unserer Kirche und der Gesellschaft sein. Das heißt nicht, dass Priester mit der Weihe alles wissen oder die Weisheit gepachtet haben. Es geht primär darum, sich auf einen Weg einzulassen, auf dem man im synodalen Hören aufeinander mit anderen Christinnen und Christen innerhalb der Kirche und auch außerhalb immer weiter lernt, immer weiter wächst auf diesem Weg.

Porträtfoto von Jan Lierz
Bild: ©privat (Montage katholisch.de)

Jan Lierz ist seit 2023 Priesterkandidat im Erzbistum Köln, studiert derzeit Theologie an der Universität Bonn und ist seit 2025 Vorsitzender der Deutschen Seminarsprecherkonferenz.

Frage: In der Rahmenordnung wird von zwei Seiten Verständnis erwartet: von Priestern eine Sensibilität für das Volk Gottes, zu dem sie gehören, und von den Gläubigen ein Verständnis für die sakramentale Struktur der Kirche. Auf welcher Seite sehen Sie da mehr Arbeit?

Lierz: Die Grundessenz ist, dass es hier einen Dialog braucht. Es handelt sich ja nicht um zwei entgegengesetzte Seiten, sondern um die Frage nach einem guten Miteinander. Wir gehen einen gemeinsamen Weg. Wie das gelingt, ist eine Aufgabe, die gut vor Ort geklärt werden kann. Die nationale Rahmenordnung wird in den Diözesen jeweils durch eine "Ratio localis" ergänzt. Darin kann geklärt werden, wie Synodalität in der Ausbildung verankert werden kann und was sich Menschen von Priestern konkret erhoffen.

Frage: Der Vorsitzende der Regentenkonferenz, der Fuldaer Regens Dirk Gärtner, berichtet, dass sich viele Seminaristen unverstanden fühlen – in der Gesellschaft wie in kirchlichen Debatten. Teilen Sie den Eindruck?

Lierz: Das ist sicherlich so. Als Vorsitzender der Deutschen Seminarsprecherkonferenz sehe ich oft die Grundhaltung in Deutschland, dass zwar häufig über uns Seminaristen gesprochen wird, aber selten mit uns. Das war auch bei den Diskussionen beim Synodalen Weg so, und nicht nur dort. Ich weiß von vielen Mitbrüdern, dass ein ernstzunehmendes Interesse daran besteht, an solchen Prozessen mitzuwirken, uns dort einzubringen und dabei auch voneinander zu lernen.

Frage: Die Seminarsprecherkonferenz wurde bei der Entstehung der Rahmenordnung nach Rückmeldungen gefragt. Jetzt da das fertige Papier da ist: Wie arbeiten Sie damit weiter?

Lierz: Zunächst einmal begrüßen wir, dass wir mit diesem Dokument eine gute Arbeitsgrundlage haben. Wir können jetzt beide Dokumente, die römische Grundordnung und die nationale Rahmenordnung, zusammen anschauen. Wir haben lange auf die Ordnung gewartet. Das hat natürlich die Arbeit an anderen Dokumenten etwas gehemmt, vor allem an den lokalen Ordnungen zur Priesterausbildung in den verschiedenen Bistümern. Die Rahmenordnung ist damit ein Startschuss, um gut vor Ort weiterarbeiten zu können. In meinem Heimatbistum Köln wurde auf dieser Grundlage bereits eine eigene lokale Ordnung entwickelt, die sich an einer noch vor der offiziellen Veröffentlichung vorliegenden Fassung der "Ratio nationalis" orientierte. Die Erarbeitung erfolgte in gemeinsamer Verantwortung von Ausbildungsleitung und Seminaristen und führte zu einer abgestimmten Ordnung, die derzeit dem Erzbischof zur Inkraftsetzung vorliegt.

Frage: Was ist Ihnen wichtig dabei?

Lierz: Ein wichtiger Gedanke ist, dass die Ausbildung, die Formatio nichts ist, das nur von oben kommt, wie es vielleicht früher einmal gedacht wurde. Formatio ist ein organischer Prozess an vielen Orten: An Universitäten, in pastoralen Praktika, in der gemeinsamen Ausbildung mit anderen pastoralen Berufen und auch – aber nicht nur – im Priesterseminar. Dieser Formationsbegriff, das Heranreifen in die priesterliche Lebensform, wird jetzt weiter gefasst. Damit können wir einen deutlich reflektierteren Weg gehen und besser in die Rolle hineinwachsen, auf die wir uns als Seminaristen vorbereiten.

Stellwand mit dem Logo des Synodalen Wegs und Teilnehmer unscharf im Vordergrund
Bild: ©KNA/Bert Bostelmann (Symbolbild)

Warum braucht es heute noch Priester? Dass und wie beim Synodalen Weg diese Frage gestellt wurde, hat viele Seminaristen verunsichert.

Frage: Wird durch die neue Rahmenordnung tatsächlich etwas anders? Das Vorgängerdokument stammt zwar aus dem Jahr 2003, aber seither ist die Zeit ja auch in den Seminaren nicht stehengeblieben, vieles in der neuen Ordnung wird schon so gelebt.

Lierz: Die Rahmenordnung vollzieht vor allem die Entwicklung der Kirche in Deutschland nach und reflektiert diese Rahmenbedingungen. 2003 wurde viel weniger darüber nachgedacht, in welcher gesellschaftlichen Situation eigentlich Priesterausbildung stattfindet. Die Sensibilität für sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch in der Kirche war damals noch nicht zentral – mit den Lernerfahrungen, die wir als Kirche seither gemacht haben, musste sich das ändern. Deshalb legt die Rahmenordnung einen so großen Wert auf Persönlichkeitsentwicklung und die persönliche Bindungsfähigkeit, auf psychologische Expertise in der Ausbildung und auf die Reflexion der eigenen Rolle mit Blick auf Macht und Machtstrukturen. Dazu kommt, dass nicht erst seit 2003 die Seminare viel kleiner geworden sind – kein Seminarist lebt in Deutschland mehr mit 60 anderen Seminaristen im Seminar. Daraus zieht die Ordnung unter anderem die Konsequenz, Ausbildung weniger in starren Strukturen und viel stärker dynamisch zu denken. In den letzten Jahren kam dann dazu, dass der Gedanke der Synodalität stärker entdeckt wurde, was auch Auswirkungen auf die Rolle und das Bild von Priestern hat. Das alles ist bereits jetzt Teil der Ausbildung; die neue Rahmenordnung sorgt jedoch durch ihre Systematisierung dafür, dass klare Strukturen und verbindliche Ziele festgelegt werden.

Frage: Wird Priesterausbildung damit individueller?

Lierz: In der Rahmenordnung gibt es die Formulierung, dass der Seminarist nie bloßes Objekt der Ausbildung ist, sondern Subjekt bleibt. Das ist ein zentrales und wichtiges Prinzip. Wichtig ist auch, dass die Ausbildung des Priesters nicht mit der Weihe endet, sondern dass Bildung ein lebenslanger Prozess ist. Mein Eindruck ist, dass die Ausbildung sich damit weniger allgemein auf das Amt, sondern konkret auf die Person bezieht, die dieses Amt übernehmen soll, und wie diese Person zu einer gereiften und reflektierten Persönlichkeit werden kann.

Frage: Zur Realität gehört auch, dass Sie sich auf ein geistliches Amt vorbereiten, mit dem aber in einer hierarchischen Kirche zugleich auch Leitungsaufgaben verbunden sind. Priester stehen vor der Aufgabe, nicht nur Seelsorger zu sein, sondern auch Managementaufgaben wahrzunehmen. Wie geht man damit um?

Lierz: Es ist eine verständliche Sorge, dass die Verwaltungsaufgaben überhandnehmen. Im Gespräch mit vielen Seminaristen höre ich heraus, dass man sich eigentlich nicht in dieser Rolle sieht und auch kein Manager werden möchte. Das Leitbild, das viel mehr anspricht, ist das des missionarischen, seelsorglichen Priesters, der den Kern seiner Berufung im Dienst am Menschen sieht.

Frage: In der Rahmenordnung kommt das Thema Verwaltung nur sehr knapp vor, damit befasst sich gerade einmal ein Absatz im Abschnitt über die zu vermittelnden Kompetenzen.

Lierz: Das ist etwas, was in den lokalen Ordnungen ausgeführt werden muss. Ich bin im Gespräch mit Seminaristen anderer Bistümer immer wieder erstaunt, welche Vielfalt an Verwaltungs- und Leitungsmodellen es gibt. Da wäre es sehr schwer, die genauen Anforderungen auf nationaler Ebene festzulegen.

Frage: Welcher Punkt in der Rahmenordnung hat Sie persönlich besonders angesprochen?

Lierz: Die Grundhaltung der Synodalität. Die Rahmenordnung formuliert klar, dass dieser Weg der Ausbildung gewollt ist: Dass Priesterausbildung ein gemeinsamer Prozess ist, dass man den Weg gemeinsam geht – mit den anderen Seminaristen, mit den Ausbilderinnen und Ausbildern, mit anderen Berufsgruppen und mit den Menschen vor Ort.

Von Felix Neumann