Was steht in der neuen Rahmenordnung für die Priesterausbildung?

2016 hat die Kongregation für den Klerus mit der "Ratio fundamentalis" eine Grundordnung für die Priesterausbildung in Kraft gesetzt. Mehr als 10 Jahre hat es gedauert, bis die deutschen Bischöfe auf Grundlage dieser Ordnung nun auch eine neue nationale Rahmenordnung für die Priesterausbildung vorgelegt haben.
Dass die neue "Ratio nationalis" nicht nur eine kleine Revision der bisherigen Fassung aus dem Jahr 2003 ist, zeigt schon der Einstieg in die neue Ordnung: Stand am Anfang der alten Ausgabe noch eine Erläuterung von Sinn und Zweck der Rahmenordnung sowie eine Auflistung der einzelnen Elemente dieser Ordnung, steigt die neue Ratio wesentlich anders in das Thema ein.
Hier steht am Anfang eine Kontextualisierung: Die Frage "Warum Priester?" bildet den Einstieg in die neue Rahmenordnung. Während noch in der ersten Nummer dieses Abschnitts (7) auf die hierarchische Grundstruktur und die Sendung der Kirche verwiesen wird (interessanterweise ohne Nennung des Gottesvolkes als Ort, an dem sich die Sendung der Amtsträger realisiert), macht schon die folgende Nummer das Motiv der Weggemeinschaft mit Christus stark. Hervorgehoben wird die Beziehung zu Christus, die Sehnsucht der Menschen nach dieser Beziehung und den Auftrag der Kirche den Menschen diese Weggemeinschaft mit Christus zu ermöglichen.
Reife Persönlichkeiten heranbilden
Während die alte Ratio den priesterlichen Dienst noch relativ zeitlos umschreibt und auf eine konkrete Kontextualisierung verzichtet, weist die neue Ratio schon in den ersten Nummern auch auf (An-)Fragen hin, die derzeit virulent sind. Die neue Ratio erkennt, dass das Priesteramt in der heutigen Zeit kritisch angefragt und beäugt wird. Sie nennt außerdem verschiedene Herausforderungen der Gegenwart und weist ausdrücklich auf die kirchlichen Transformationsprozesse hin: "Die Kirche hierzulande wird wohl, was ihren materiellen Reichtum betrifft, erkennbar ärmer werden und deutlich weniger Mitglieder verzeichnen. Damit stellt sich neu und radikal die Frage nach dem gottgewollten Auftrag der Kirche" (21).
Das klassische Priesterseminar wie hier in Freiburg das Collegium Borromaeum soll gemäß den Richtlinien neu und offener gedacht werden.
Diese neue Situation verändert die Herausforderungen für Männer, die sich um den priesterlichen Dienst bewerben. Ausdrücklich verweist die neue Ratio auf das Problem, reife Persönlichkeiten heranzubilden, die gemäß der deutschen Seelsorgestudie "unter Priestern im Vergleich zur Gesamtbevölkerung signifikant niedriger" sind (25). Hinzu kommt der Kontext des Missbrauchs in all seinen Formen, der das Priestertum und die gesamte Kirche herausfordert.
Allein durch diese Kontextualisierung, die in den anfänglichen Nummern der neuen Ratio vorgenommen wird, nimmt die Priesterausbildung einen konkreten Ort an: "die Welt von heute". Priesterausbildung ist damit auch keine überzeitlich gültige Größe, die sich immer und überall nach denselben Maßstäben richten könnte. Sondern die neue Ratio macht ausdrücklich deutlich: Weil sich der Ort, an dem die Priesterausbildung stattfindet, durch zahlreiche Herausforderungen und Veränderungen im Gegensatz zum Jahr 2003 gewandelt hat, muss auch die Priesterausbildung an diesen neuen Kontext angepasst werden.
Was das im Einzelnen bedeutet und wie dies in den einzelnen Schritten der Ausbildung zum Ausdruck kommt, legt die neue Ratio dar, indem sie die Erkenntnisse aus dieser ersten Kontextualisierung in die einzelnen Ausbildungsschritte integriert. Somit stellt die neue Ratio eine wesentliche Weiterentwicklung der Ausbildungsordnung aus dem Jahr 2003 dar.
Priesterseminare dürfen keine rein männlich geprägten Orte mehr sein
Konkret wird das zum Beispiel bei der Einbindung von Frauen in die Priesterausbildung. Ausdrücklich mahnt die neue Ratio, das Priesterseminar dürfe kein rein männlich geprägter Ort mehr sein: "Daher muss die Ausbildung durch Teams von Frauen und Männern verantwortet werden" (101, Nr. 2). Explizit werden auch Frauen als Verantwortliche in der Priesterausbildung benannt. Damit folgt die neue Ratio einem Impuls, der sich bereits in der neuen "Ratio fundamentalis" aus dem Jahr 2016 findet.
Die neue Ausbildungsordnung betont das wechselseitige Zueinander von männlicher und weiblicher Perspektive: "Mit dem Ziel der Verbindung komplementärer Perspektiven von Männern und Frauen kann die wechselseitige, kooperative Verschränkung von Ausbildungszuständigkeiten künftig eine lohnende Maßnahme sein" (128). Doch Frauen sollen nicht nur während der Ausbildung Verantwortung tragen, sondern bereits bei der Zulassung der Kandidaten ins Priesterseminar mitwirken (268). Damit setzt die Ratio neue Maßstäbe, da noch in der Ratio von 2003 einzig die neue Stellung der Frau in Gesellschaft und Kirche Thema war. Die neue Ratio holt Frauen aus dieser Passivität heraus und macht sie zu einer aktiven Größe in der Ausbildung künftiger Priester. Das ist eine massive Ermächtigung, die mit einer gleichzeitigen Relativierung der rein männlich dominierten Ausbildung einhergeht.
Priesterlicher Dienst und Macht
Auch Missbrauch wird in der neuen Ratio zu einem vorherrschenden Thema. Explizit wird dabei mehrmals auf den Missbrauch von Macht aufmerksam gemacht. Ziemlich ausführlich stellt die neue Ratio die Verbindung von priesterlichem Dienst und Macht dar und weist zugleich auf die Gefahren dieser Verbindung hin. Schon in der Ausbildung sollen die angehenden Priester daher lernen, Selbstrelativierungen als elementaren Bestandteil ihres Dienstes einzuüben: "Da die seelsorglichen Beziehungen von Priestern in der Regel ein Machtgefälle aufweisen, ist es wichtig, dass die Bereitschaft zur Selbst- und Fremdkorrektur in der Ausbildung gestärkt und kultiviert wird" (63). Damit werden zugleich alle Getauften gestärkt: Es gibt keine verabsolutierte Macht mehr, die im priesterlichen Dienst kulminiert, sondern die Macht, die der Priester innehat, ist immer eine relative Macht. Mit diesem Gedanken nimmt die neue Ratio einen roten Faden auf, den schon das Priesterdekret des Zweiten Vatikanischen Konzils entwickelt hat: "Presbyterorum ordinis" macht nämlich deutlich, dass das Priesteramt immer in der Spannung zum gesamten Gottesvolk steht, welches ein Korrektiv zur Macht des Priesters bildet. Wird diese Perspektive schon in der Ausbildung der Priester gestärkt, könnte diese eine Möglichkeit sein, um Machtmissbrauch vorzubeugen.
In Pfarrgemeinderäten arbeiten Priester direkt mit Laien zusammen, die Verantwortung für die Kirche tragen. Das Miteinander zwischen Geweihten und den anderen Getauften soll von gegensätzlicher Wertschätzung geprägt sein.
Auffallend ist auch, wie sich in der neuen Ratio die Perspektive auf das Priesterseminar als Ort der Ausbildung verändert. War in der Ratio von 2003 das Priesterseminar noch der originäre Ausbildungsort, stellt die neue Ratio diese absolute Vorgabe infrage. "Vor dem Hintergrund der skizzierten Unterscheidung von Ziel und Mittel einerseits und der Notwendigkeit ergänzender gemeinschaftlicher Ausbildungsformen andererseits wird es weiterhin ein wichtiger und zumindest für eine bestimmte Phase der verbindliche Ort der Ausbildung bleiben" (112).
Das Priesterseminar soll nicht mehr der einzige und ausschließliche Ort für die Priesterausbildung sein. Außerdem wird das Seminar nicht mehr statisch als bloßes Gebäude verstanden, sondern dynamisch als Erfahrung von Gemeinschaft. Das Priesterseminar ist in dieser Logik nicht mehr an das Priesterseminar-Gebäude gebunden, sondern kann auch an anderen Orten "in der Welt von heute" konkrete Formen annehmen.
Umsetzung bleibt Herausforderung
Die neue "Ratio nationalis" stellt eine wesentliche Weiterentwicklung der Ratio aus dem Jahr 2003 dar. Besonders mit der Kontextualisierung der Priesterausbildung in der gegenwärtigen Zeit gewinnen die Leitlinien für die Ausbildung neue Konturen. Das ist wichtig und zeigt, dass Priesterausbildung immer auch auf konkrete Herausforderungen der jeweiligen Zeit reagieren muss. Dennoch bleibt die Umsetzung dessen, was die neue Ratio sagt, nun selbst eine Herausforderung.
Es bleibt abzuwarten, inwiefern Frauen wirklich in die Ausbildung eingebunden werden und ob ihre Stimme wirklich genauso gehört werden, wie die Stimmen priesterlicher Kollegen. Es bleibt abzuwarten, wie viel Kreativität die einzelnen Diözesen nun an den Tag legen, um eine über Jahrzehnte gewachsene Ausbildung aufzubrechen und die Priesterausbildung nicht mehr allein vom Gebäude des Priesterseminars her zu denken.
Und es bleibt abzuwarten, ob es wirklich gelingt, Priesterkandidaten so zu bilden, dass sie ihre spätere Machtposition durch die Getauften relativieren lassen. Die gegenwärtigen Beobachtungen zeigen jedenfalls: Die Herausforderungen sind groß. Und man darf schon heute gespannt sein, ob und wie sich die neue Ratio in der Praxis bewähren wird.
Im Volltext: Rahmenordnung für die Priesterbildung
Die "Ratio Nationalis Institutionis Sacerdotalis" ist die nationale Ordnung der Deutschen Bischofskonferenz für die Priesterausbildung.
Die Rahmenordnung formuliert verbindliche Standards für die Priesterausbildung in den deutschen Diözesen. Ihre Ausführungen reichen über den Charakter bloßer rechtlicher Regelungen hinaus. Sie zielen auf die Persönlichkeitsentwicklung der Kandidaten und berücksichtigen den kulturellen und kirchlichen Kontext in Deutschland.
Die "Ratio Nationalis" versteht den Ausbildungsweg der Priester als ständige, ganzheitliche, gemeinschaftliche und missionarische Bildung. Die lebenslange Priesterbildung schließt die ganze Existenz ein, kann nur in Gemeinschaft, d. h. in einem Netz von vielfältigen Beziehungen realisiert werden und vollzieht sich als gelebtes Zeugnis für Jesus Christus und seine Botschaft.