So gelingt der Einsatz von KI in der Kirche
KI-Werkzeuge verbreiten sich in einem Tempo, das Institutionen überfordert. Während die Gremien noch beraten, werden in der Bildung und im Sekretariat KI-Tools schon längst regelmäßig genutzt. So entsteht eine Schatten-KI, wie der nicht genehmigte und nicht regulierte Einsatz von KI-Werkzeugen innerhalb einer Organisation bezeichnet wird.
Während KI neue Chancen eröffnet, stellt sie kirchliche Einrichtungen und Gemeinden vor komplexe Herausforderungen und damit auch diejenigen, die sie täglich anwenden. Einige Diözesen entwickeln derzeit ihre eigenen KI-Lösungen. Hier kann man beobachten, dass ein Teil der Mitarbeitenden der Verwendung von KI-Tools ablehnend gegenübersteht. Grund hierfür ist oft der Ruf der Tools als „Jobkiller“, aber auch die ungeklärte Verantwortlichkeit bei fehlerhaften Ergebnissen oder schlichtweg fehlendes Vertrauen. Häufig spielen jedoch auch Unsicherheit bei der Anwendung und mangelndes Wissen eine große Rolle. Kompetenz und Reflexion mit dem Tempo der Nutzung in Einklang zu bringen und dabei alle mitzunehmen, bleibt die herausfordernde Aufgabe.
Aufgabe kirchlicher Medienbildung
Genau hier kann kirchliche Medien- und KI-Bildung ansetzen. Es geht nicht darum, Technologie zu verteufeln oder haltlos zu bejubeln, es geht darum, eine Entscheidungsgrundlage zu schaffen. Wo kann die Technologie Arbeitsabläufe vereinfachen, unterstützen oder beschleunigen, wo dient sie dem Menschen und wo liegen ethische, rechtliche oder technische Risiken, die nicht vollständig überblickt werden können?
Die Einsatzfelder in der Kirche reichen von praktischen Alltagsaufgaben bis hin zu theologisch und seelsorglich sensiblen Bereichen. In Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit sind KI-Assistenten längst Normalität. Sie formulieren Pressemitteilungen, unterstützen die Erstellung von Social-Media-Beiträgen oder fassen lange Texte zusammen. Gerade hier, ebenso wie auf dem Gebiet KI-generierter Kunst und Musik, stellt sich die Frage nach Autorschaft und Urheberrecht.
Papst Leo XIV. hat Künstliche Intelligenz als die große Herausforderung für die Soziallehre der Kirche im 21. Jahrhundert identifiziert
In der Bildungsarbeit werden KI-Tools eingesetzt, um differenziertes Unterrichtsmaterial, Quizformate für den Religionsunterricht oder Prüfungsaufgaben zu erstellen. Sensibler wird es in der Pastoral. Einige Bistümer experimentieren mit Chatbots auf ihren Websites als Anlaufstelle außerhalb der Bürozeiten oder zur Unterstützung der Telefonseelsorge. Hier wird intensiv diskutiert, in welchem Rahmen ein Angebot, das menschliche Nähe simuliert, ethisch vertretbar und zulässig ist.
Was wir wissen müssen
Je mehr man KI nutzt, umso deutlicher werden strukturelle Risiken und dringende Fragestellungen im kirchlichen Kontext: Datenschutz bleibt hier eines der relevanten Themen: Wer seelsorgerliche Gesprächsnotizen, Erstkommunionlisten oder Daten vulnerabler Gruppen an ein kommerzielles KI-System aushändigt, gibt diese Daten möglicherweise zur Weiterverarbeitung frei. Kirchliche Träger haben zusätzlich zum gesetzlichen Datenschutz moralische Verantwortung gegenüber Menschen, die auf die religiöse Institution vertrauen.
Urheberrecht ist ein weiteres, vielen Nutzer:innen nicht bewusstes Minenfeld. KI-Bildgeneratoren wie Midjourney, DALL-E oder Stable Diffusion wurden auf Millionen urheberrechtlich geschützter Bilder trainiert, häufig ohne Einwilligung der Urheber. Wer mit diesen Werkzeugen Bilder für Pfarrblatt, Webseite oder Gottesdienstprogramm erstellt, bewegt sich in einer rechtlichen und ethischen Grauzone. Hinzu kommt: Viele KI-generierte Bilder reproduzieren westlich eurozentrische Vorstellungen und verbreiten so einseitige Bildsprachen.
Sprachmodelle sind Wahrscheinlichkeitsmaschinen. Sie erzeugen plausibel klingende Texte, aber nicht unbedingt wahre. Wenn ein KI-Assistent eine Predigt formuliert, eine theologische Frage beantwortet oder einen Taufspruch empfiehlt, dann auf Grundlage statistischer Muster in Trainingsdaten, aber nicht aus Glaubenserfahrung, Gebetsanliegen oder theologischer Verantwortung heraus.
Dies und unsere Praxistipps für einen verantwortungsvollen KI-Einsatz im kirchlichen Kontext zielen darauf ab, bei der Nutzung von KI-Anwendungen ein Bewusstsein für die aktuellen Problemstellungen zu fördern und den Blick für kritische Aspekte zu schärfen.
Praxistipps
- Keine personenbezogenen oder sensiblen Daten in öffentliche KI-Systeme
Sensible Daten gehören nicht in ChatGPT, Gemini oder vergleichbare Dienste. Diese Systeme speichern Eingaben standardmäßig und nutzen sie, je nach Einstellungen, für das Nachtraining. Wer sensible Daten benötigt, sollte auf lokale KI-Lösungen zurückgreifen. - Urheberrechtsfragen beachten
Beim Einsatz von Bildgeneratoren sollten kirchliche Stellen zuerst folgende Fragen klären: Welche Lizenz gilt für KI-generierte Bilder laut den Nutzungsbedingungen des Anbieters? Wer gilt als Urheber – der Mensch, der den Prompt eingegeben hat, oder niemand? In Deutschland ist ein nicht von einem Menschen geschaffenes Werk grundsätzlich nicht urheberrechtlich schutzfähig, was aber auch bedeutet, dass die erzeugende Organisation selbst keine exklusiven Rechte hat. Empfehlenswert: Lizenzfreie Bildplattformen wie "Unsplash" oder "Pixabay" nutzen, eigene Fotos einsetzen oder die Nutzungsbedingungen der jeweiligen KI-Plattform gewissenhaft lesen. - KI-Texte immer überarbeiten, niemals ungefiltert veröffentlichen
Sprachmodelle halluzinieren. Sie erfinden Bibelstellen, zitieren Kirchenväter falsch, verwechseln Jahreszahlen und geben falsche Quellen an. Jeder generierte Text muss deshalb vor der Veröffentlichung überprüft und überarbeitet werden. KI ist ein Entwurfswerkzeug, keine Redakteurin. Die inhaltliche Verantwortung liegt unverändert beim Menschen. Wer Predigtvorbereitungen vollständig auslagert oder KI-Texte unhinterfragt als eigene Reflexion ausgibt, verliert den Kern persönlicher und kirchlicher Verantwortung. KI kann Inspiration geben und Entwürfe beschleunigen. Aber sie kann nicht empfinden, nicht zweifeln und nicht glauben. - Pastorale Anwendungen nur mit klaren Grenzen
Seelsorgliche Begleitung kann durch KI-Bots als Wegweiser unterstützt werden. Sie dürfen aber nicht als Ersatz für menschliche Begleitung inszeniert werden. Jeder kirchliche Chatbot muss eine prominente Weiterleitung zu echten Ansprechpartner:innen bieten und klar kommunizieren, dass er ein automatisches System ist und kein qualifizierter Mensch. - Interne Nutzungsregeln formulieren
Pfarreien und kirchliche Einrichtungen sollten eine einfache Richtlinie für den KI-Einsatz formulieren: Welche Werkzeuge sind erlaubt? Was ist verboten? Wer ist zuständig für Anfragen? Eine solche Regelung schützt Mitarbeitende und schafft Sicherheit. - Auf Diversität und Bildsprache achten
KI-Bildgeneratoren reproduzieren statistisch häufige Muster in ihren Trainingsdaten. Das bedeutet: Jesus erscheint meist weiß und europäisch, Heilige folgen westlicher Ikonographie, Gläubige sind jung und gesund. Wer KI-Bilder für kirchliche Kommunikation nutzt, sollte aktiv gegensteuern durch präzise Prompts, die Vielfalt einfordern, durch redaktionelle Auswahl und durch kritische Reflexion der erzeugten Bilder. - Den gesellschaftlichen Diskurs mitgestalten
Kirchliche Institutionen haben in Fragen von Ethik und Menschenwürde eine Stimme und sind aufgefordert, sie zu erheben. Papst Leo XIV. hat seine Namenswahl bewusst in die Tradition von Leo XIII. und dessen Sozialenzyklika Rerum Novarum gestellt, als Signal, dass die KI-Revolution ähnlich tiefgreifende gesellschaftliche Fragen aufwirft wie die Industrialisierung. Die Kirche begreift diese Frage als wesentliche Aufgabe.
Unterstützung durch kirchliche Akteure: KI-Challenge von medienkompetenz CONNECT
Große Sprachmodelle (LLMs) imitieren menschliche Kommunikation, ohne menschlich zu sein. Sie formulieren Glaube, ohne zu glauben. Sie sind ein Spiegel menschlicher Sprachmuster und damit lehrreich, nützlich und zugleich begrenzt. Die Zukunft kirchlicher Arbeit entscheidet sich deshalb nicht allein durch die Technologie, sondern vor allem durch die Medien- und KI-Kompetenz der Menschen, die sie gestalten.
Wer diese Kompetenzen stärken will, findet bei kirchlichen Akteuren konkrete Unterstützung:
- medienkompetenz CONNECT – ein Angebot des Katholischen Filmwerks – bietet kostenfreie Materialien, Fortbildungen und die "KI-Challenge" für kirchliche Mitarbeitende, Lehrkräfte und Ehrenamtliche, einen Online-Kurs nach Blended-Learning-Prinzip. Die Anmeldung zur KI-Challenge ist ab sofort möglich.
- Der Blog der Referent:innen der Internetseelsorge und der Pastoral im Internet digitalpastoral – „Das Portal mit Ideen für Glaube und Kirche“ beschäftigt sich mit Pastoral im Netz.
