Andacht für Todesfahrt-Opfer – "Leipzig trauert, aber steht zusammen"

In Leipzig haben hunderte Menschen zusammen mit Spitzenvertretern aus Politik, Kirchen und Gesellschaft in der Nikolaikirche am Dienstagabend der Opfer der Todesfahrt durch die Fußgängerzone gedacht. Drei Augenzeugen berichteten bewegt im Gottesdienst von ihren Eindrücken des Vorabends. Sachsens evangelischer Landesbischof Tobias Bilz mahnte, die Bilder der Tragödie dürften nicht die Oberhand behalten. Bei der mutmaßlichen Amokfahrt starben am Montag zwei Menschen, sechs weitere wurden verletzt.
Bischof Heinrich Timmerevers betonte: "Gott stellt sich an die Seite der Trauernden und Verzweifelten. Er stellt sich dagegen, dass Trauer, Verzweiflung und Bitterkeit das letzte Wort haben." Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) sagte: "Leipzig trauert, aber Leipzig steht zusammen." Er übermittelte die Anteilnahme von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). "Die Wunden, die der gestrige Tag geschlagen hat, werden nicht schnell heilen. Aber es wird etwas leichter, wenn man nicht allein ist", so Jung. Er verspreche: "Wir werden die Erinnerung an die Opfer wachhalten und die Betroffenen so lange begleiten, wie sie es brauchen."
Ministerpräsident und diverse Minister
Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), der mit mehreren Landesministern am Gottesdienst teilnahm, betete in den Fürbitten: "Gott, halte mit aus, was nicht auszuhalten ist. Und halte die, die nicht mehr halten können." Der leitende Nikolaikirchen-Pfarrer Sebastian Feydt sagte: "Wir denken an alle, die innerlich und äußerlich getroffen sind. Mitten in dem tragischen Geschehen gestern konnten wir aber auch eine große Nähe und riesengroße Hilfsbereitschaft erleben – das zeichnet unsere Stadt aus."
Bereits am Dienstagmittag hatte eine Gedenkandacht in der Universitätskirche am Augustusplatz mit hunderten Teilnehmenden stattgefunden. Die Innenstadtkirchen bieten seit gestern Abend Raum zum Trauern, für Gespräche und um Kerzen anzuzünden.
Am Montagabend fuhr ein 33-jähriger Mann mit einem Auto in eine Fußgängerzone, zwei Menschen kamen ums Leben.
Bischof Timmerevers sagte der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA): "Das ist alles sehr erschütternd. Ich spüre auch, wie die Menschen das Ganze doch sehr, sehr unsicher macht. Es ist unbegreiflich: Wie kann so etwas geschehen?" Er hoffe, dass die Betroffenen Hoffnung und Trost fänden. "Die Nikolaikirche ist für viele Menschen immer ein Ort der Hoffnung gewesen, und ich wünsche mir, dass das heute auch hier erlebbar und erfahrbar wird."
Am frühen Montagabend war ein 33-jähriger Mann mit einem Auto vom Augustusplatz mehrere Hundert Meter durch die Fußgängerzone bis zum Thomaskirchhof gerast. Dabei starben eine 63-jährige Frau und ein 77-jähriger Mann. Unter den sechs Verletzten sind laut Polizei zwei Schwerverletzte. Mehr als 80 weitere Menschen seien aufgrund der Eindrücke des Erlebten betreut worden. Den Fahrer konnten die Einsatzkräfte unmittelbar nach der Tat festnehmen.
Beschuldigter ohne Vorstrafen
Staatsanwaltschaft und Polizei ermitteln wegen Mordes und versuchten Mordes. Den Angaben zufolge handelt es sich wohl um einen Einzeltäter mit deutscher Staatsbürgerschaft. Nach bisherigen Erkenntnissen gehen die Behörden nicht von einem politischen oder religiösen Motiv aus. Der Tatverdächtige habe keine Vorstrafen, sei aber dieses Jahr polizeilich wegen Bedrohung sowie ehrverletzender Delikte im sozialen Umfeld in Erscheinung getreten. Im Zuge dessen sei er am 17. April in ein psychiatrisches Fachkrankenhaus aufgenommen und dort bis zum 29. April behandelt worden. (KNA)