Thomas Rachel: "Die Religionsfreiheit ist massiv unter Druck"
Seit genau einem Jahr ist Thomas Rachel Beauftragter der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit. Im katholisch.de-Interview spricht der CDU-Bundestagsabgeordnete und evangelische Christ über das erste Amtsjahr von Papst Leo XIV. und die Rolle des Vatikans in der internationalen Politik, über die weltweite Bedrohung der Religionsfreiheit und die Lage der Christen in Nigeria und im Heiligen Land.
Frage: Herr Rachel, vor einigen Tagen hat sich die Wahl von Papst Leo XIV. zum ersten Mal gejährt. Wie fällt Ihre persönliche Bilanz seines bisherigen Pontifikats aus?
Rachel: Ich habe Papst Leo in Rom persönlich kennengelernt und kurz mit ihm gesprochen. Beim Thema Religionsfreiheit haben wir sofort eine große Gemeinsamkeit gespürt. Er ist eine beeindruckende Persönlichkeit: klar im Blick, freundlich und den Menschen zugewandt. Gerade in den vergangenen Monaten hat er gezeigt, dass er auch in weltpolitisch sehr unruhigen Zeiten die Botschaft des Evangeliums mit einer nachdrücklichen und ruhigen Stimme zur Geltung bringt. Das ist bemerkenswert.
Frage: Hat sich aus Ihrer Sicht in diesem ersten Jahr etwas an der Rolle des Papstes und des Vatikans in der internationalen Politik verändert?
Rachel: In der jetzigen Zeit sind Persönlichkeiten besonders wichtig, die für Gerechtigkeit und Frieden eintreten – dazu gehört der Papst ganz wesentlich. Wir erleben, dass autoritäre Kräfte das Völkerrecht zunehmend missachten und militärische Gewalt in den Vordergrund rücken. Umso wichtiger sind Stimmen wie die des Papstes, aber auch etwa des Dalai Lama oder des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. Ich war dabei, als Leo XIV. und Bartholomaios I. sich anlässlich des Jubiläums von 1.700 Jahren Konzil von Nizäa getroffen haben. Ihre gemeinsame Botschaft dort ist hochaktuell: Klar warnen sie davor, Religion zur Rechtfertigung von Gewalt zu missbrauchen. Die weltpolitischen Ereignisse seither zeigen, wie richtig und wichtig dieses Signal ist.
Frage: Welche Rolle spielen Leo XIV. und der Vatikan aus Ihrer Sicht beim Thema Religionsfreiheit?
Rachel: Die katholische Kirche hat seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Religionsfreiheit besonders betont. In meinen Gesprächen im Vatikan – sowohl mit dem Außenminister des Heiligen Stuhls, Erzbischof Gallagher, als auch bei der kurzen Begegnung mit dem Papst – wurde deutlich, welch hohen Stellenwert dieses Thema dort hat. Religionsfreiheit ist ein zentrales Menschenrecht: Es geht darum, seinen Glauben frei leben und wechseln zu können oder auch gar keinen Glauben zu haben. Das ist für das Zusammenleben weltweit von herausragender Bedeutung. Auch die Arbeit des Hilfswerks "Kirche in Not", das die Lage der Religionsfreiheit regelmäßig dokumentiert, ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig.
„Die Religionsfreiheit ist massiv unter Druck. Wir sehen weltweit eine Zunahme autoritärer Staaten und Diktaturen.“
Frage: Sie selbst sind seit einem Jahr Beauftragter der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit. In welcher Verfassung befindet sich das Menschenrecht der Religionsfreiheit derzeit weltweit?
Rachel: Die Religionsfreiheit ist massiv unter Druck. Wir sehen weltweit eine Zunahme autoritärer Staaten und Diktaturen. In Ländern, in denen Menschen wegen ihres Glaubens diskriminiert oder verfolgt werden, geraten schnell auch andere Freiheitsrechte unter Druck – etwa Meinungs-, Presse- oder Gewissensfreiheit. Das ist in vielen Regionen zu beobachten und Anlass zur Sorge.
Frage: Welche Länder bereiten Ihnen diesbezüglich derzeit die größten Sorgen?
Rachel: Wir sehen massive Probleme in vielen Teilen der Welt: In China etwa sehen wir Repressionen gegen muslimische Uiguren und tibetische Buddhisten. Wir sehen auch Fälle, in denen Christen unter Druck stehen. Das "Gesetz für ethnische Einheit und Fortschritt", das im Juli in Kraft treten soll, wird die Religionsfreiheit in China weiter einschränken. In Nordkorea finden schwerste Menschenrechtsverletzungen statt. Es gibt dort keine Religionsfreiheit. Und so ließen sich leider noch viele weitere Beispiele nennen.
Frage: Sie waren kürzlich in Nigeria. Wie haben Sie die Situation dort erlebt?
Rachel: Nigeria ist ein sehr religiöses Land. Die Kirchen und Moscheen sind voll, oft beten Menschen sogar auf der Straße, weil der Platz in den Gotteshäusern nicht ausreicht. Gleichzeitig steht die Religionsfreiheit dort wegen terroristischer und krimineller Organisationen massiv unter Druck. Ich habe einen Ort besucht, in dem im vergangenen Jahr etwa 200 Christinnen und Christen brutal ermordet wurden. Ich habe mit Überlebenden gesprochen, ihre Verletzungen gesehen und gespürt, wie groß ihre Angst weiterhin ist. Daneben gibt es im Norden Nigerias regelmäßig Anschläge und Entführungen durch islamistische Terrorgruppen wie Boko Haram oder den Islamischen Staat – gegen Christen wie Muslime gleichermaßen. Hier wird Religion missbraucht, um Gewalt zu legitimieren. Das ist ein fundamentaler Widerspruch zu dem, wofür Religion eigentlich steht.
Frage: Was folgt aus Ihren Eindrücken für die Politik der Bundesregierung gegenüber Nigeria?
Rachel: Deutschland unterstützt in Nigeria schon jetzt beispielsweise Dialogformate wie das "Centre for Humanitarian Dialogue", das verfeindete Gruppen an einen Tisch bringt. Solche Ansätze sind sehr wichtig. Auch ich selbst habe in Nigeria Vertreter verschiedener Religionen zusammengebracht. Daraus sind konkrete Gesprächsprozesse entstanden. Entscheidend ist, das Gemeinsame zu betonen: die Würde jedes Menschen. Christen und Muslime haben zudem nicht nur in Nigeria letztlich auch einen gemeinsamen Gegner – den Terrorismus. Deshalb müssen wir die gesellschaftliche Widerstandskraft stärken, auch gemeinsam mit religiösen Akteuren.
Die Situation der Christen im Heiligen Land (im Bild: Jerusalem) betrachtet Thomas Rachel mit "großer Sorge".
Frage: Blicken wir ins Heilige Land. Wie gucken Sie auf die aktuelle Situation der Christen dort?
Rachel: Mit großer Sorge. Ich war selbst im vergangenen Jahr in Israel und im Westjordanland und habe dort mit Vertretern verschiedener Religionsgemeinschaften gesprochen. Die Angriffe auf Christen nehmen spürbar zu – etwa Übergriffe in Jerusalem wie jüngst der unerträgliche Angriff auf eine katholische Ordensfrau oder Gewalt durch extremistische Siedler im Westjordanland. Das ist inakzeptabel. Der Staat Israel ist in der Pflicht, die Sicherheit aller Menschen zu gewährleisten.
Frage: Muss Deutschland hier mehr Druck auf die israelische Regierung ausüben?
Rachel: Als Freunde spricht man auch schwierige Themen offen an – das geschieht auch. Auch ich habe diese Fragen bei meinem Besuch im vergangenen Jahr in Gesprächen mit israelischen Abgeordneten thematisiert, auch mit Vertretern religiöser Parteien. Es geht um eine gemeinsame Verantwortung: Niemand darf wegen seines Glaubens diskriminiert oder angegriffen werden.
Frage: Sehen Sie die Gefahr, dass die christliche Präsenz im Heiligen Land irgendwann ganz verschwinden könnte?
Rachel: In anderen Ländern der Region – etwa im Irak oder in Syrien – ist die christliche Bevölkerung bereits stark zurückgedrängt worden. Das wäre auch für das Heilige Land eine Katastrophe und muss verhindert werden. Der interreligiöse Dialog ist hier entscheidend. Oder, um es mit Hans Küng zu sagen: Kein Weltfrieden ohne Religionsfrieden.
Frage: Sehen Sie nach einem Jahr im Amt auch positive Entwicklungen?
Rachel: International überwiegen derzeit leider die negativen Entwicklungen. Aber mit Blick auf unsere Regierungsarbeit sehe ich einen entscheidenden Fortschritt: Das Thema Religion spielt in unserer Außenpolitik seit dem Regierungswechsel wieder eine größere Rolle. Das ist wichtig, denn für rund 80 Prozent der Weltbevölkerung ist Religion ein zentraler Bestandteil ihrer Identität. Diese Dimension muss in der Außenpolitik noch stärker berücksichtigt werden. Religiöse Akteure sind oft wichtige Ansprechpartner – gerade in Regionen, in die staatliche Strukturen kaum noch hineinreichen.
„Es bleibt natürlich immer eine Herausforderung, wirtschaftliche Interessen und den Einsatz für Religions- und Weltanschauungsfreiheit zusammenzubringen.“
Frage: Wie gehen Sie mit dem Spannungsfeld um, dass wirtschaftliche Interessen Deutschlands oft mit Ländern bestehen, in denen die Religionsfreiheit eingeschränkt ist?
Rachel: Es bleibt natürlich immer eine Herausforderung, wirtschaftliche Interessen und den Einsatz für Religions- und Weltanschauungsfreiheit zusammenzubringen. Aber ich sehe das als zwei Seiten einer Medaille: Wirtschaftliche Zusammenarbeit bietet auch die Möglichkeit, Menschenrechte und Religionsfreiheit anzusprechen. Umgekehrt trägt wirtschaftliche Entwicklung dazu bei, Perspektiven für Menschen zu schaffen. Man muss diese Themen zusammendenken.
Frage: Eine zentrale Aufgabe Ihres Amtes ist es, dem Bundestag alle zwei Jahre einen Bericht zur weltweiten Lage der Religions- und Weltanschauungsfreiheit vorzulegen. Der letzte Bericht wurde Ende 2023 veröffentlicht. Wann werden Sie liefern?
Rachel: Die Vorbereitungen für den Bericht laufen bereits, mit dem Ziel, ihn zum Jahresende vorlegen zu können.
Frage: Wird sich Ihr Bericht von den bisherigen Berichten unterscheiden?
Rachel: In der Grundstruktur wird vieles ähnlich bleiben, aber natürlich verändert sich die Welt. Neue Länder und Themen werden stärker in den Blick rücken. Wichtig ist aber vor allem, dass der Bericht eine breite Debatte im Bundestag und auch in der Öffentlichkeit anstößt und die Aufmerksamkeit für die Religions- und Weltanschauungsfreiheit stärkt. Denn es geht nicht nur um ferne Regionen und Religionen – es geht um Menschen und letztlich auch um uns.
