Söding: Papst Leo XIV. hält noch viel offen – auch bei heißen Eisen
Papst Leo XIV. hält sich nach Ansicht des Bochumer Theologen Thomas Söding ein Jahr nach seiner Wahl noch vieles offen. Das gelte auch für die "heißen Eisen" der kirchlichen Debatten wie die Ordination von Frauen, die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare sowie die Entwicklung synodaler Beteiligungsrechte und Verantwortungsstrukturen, schreibt der Seniorprofessor für Neues Testament in einem Beitrag für die "Herder-Korrespondenz" am Donnerstag. Manchmal scheine es, Leo XIV. spiele auf Zeit. "Zur Klugheit seines Pontifikatjahres gehört, dass er nicht auf Eskalation setzt. Auf Dauer wird es aber nicht möglich sein, Entscheidungen zu vertagen", so Söding weiter.
Die anstehenden Entscheidungen seien in der katholischen Kirche nicht einfach. Als Weltkirche kenne sie alle kulturellen Auseinandersetzungen um Sex und Gender wie alle anderen Weltorganisationen auch. "Sie will aber zusammenhalten. Dafür hat sie den Papst", betont Söding. Er erinnert an die Beiträge des damaligen Kardinals Robert Prevost während der Weltsynode. Der heutige Papst war damals Präfekt des Bischofsdikasteriums. In einem Redebeitrag hatte er betont, die Einheit der Kirche mache sich auch heute dort fest, wo sie anfangs gebildet worden sei: "an der Lehre der Apostel, an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten". Diese Konzentration würde guttun, urteilt Söding. "Sie würde relativeren, was in der Tradition nie so aufgeladen wurde, aber heute Debatten zu beherrschen droht: geschlechtliche Identität, sexuelle Praxis, traditionelle Rollenmuster."
Debatte um Segensfeiern
Aktuell steht in Deutschland vor allem die Position des Vatikans zu Segensfeiern für Paare, die nicht heiraten können oder wollen, in der Diskussion. Nachdem bekannt wurde, dass der Münchner Kardinal Reinhard Marx den Seelsorgern seines Bistums die auf Grundlage des Synodalen Wegs ausgearbeitete Segens-Handreichung zur Anwendung empfohlen hat, erneuerte Glaubenspräfekt Víctor Manuel Fernández das Nein des Vatikans zu derartigen Segensfeiern. In diesem Kontext machte der Vatikan deutlich, dass er zu keinem Zeitpunkt die Vorgehensweise in Deutschland unterstützt hatte. Die Segenshandreichung wurde von der Gemeinsamen Konferenz der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken (ZdK) beschlossen, der Söding als Zdk-Vizepräsident angehört.
Der gebürtige US-Amerikaner Kardinal Robert Francis Prevost wurde am 8. Mai 2025 im vierten Wahlgang zum Papst gewählt. Mit seinem Papstnamen bezog er sich auf seinen Vorgänger Leo XIII., der mit der Sozialenzyklika "Rerum novarum" auf die soziale Frage des 19. Jahrhunderts reagierte und die Tradition der päpstlichen Sozialverkündigung begründet hat. Für Mitte Mai wird am Jahrestag von "Rerum novarum" die erste Enzyklika von Leo XIV. erwartet, die sich unter anderem dem von ihm schon früh in seinem Pontifikat als soziale Frage unserer Zeit identifizierten Umgang mit "Künstlicher Intelligenz" widmen wird. (fxn)
