Theologin: Marienverehrung kann Frauen unter Druck setzen
Marienverehrung hat laut der Theologin Annette Jantzen auch problematische Seiten. Wenn die Gottesmutter zum unerreichbaren Ideal stilisiert werde, "zugleich jungfräulich, sündlos und Mutter", könne daraus eine Abwertung realer Frauen entstehen, sagte sie am Mittwoch im "Kirche und Leben"-Interview. "Solche Konstruktionen werden theologisch aufgeladen und als Maßstab gesetzt – mitunter mit toxischen Folgen, weil sie Lebensrealitäten ausblenden", ergänzte sie.
Die biblischen Bilder seien ursprünglich deutlich offener und vieldeutiger. Insgesamt werde es schwierig, wenn symbolische Sprache wörtlich verstanden werde. So sollte auch die Jungfrauengeburt aus ihrer Sicht nicht "biologisch missverstanden" werden: "Solche Erzählmotive waren in der Antike verbreitet, um die besondere Bedeutung einer Person auszudrücken."
Biblische Texte seien nicht dazu gedacht, naturwissenschaftliche Erklärungen zu liefern, sondern zu erklären, welche Rolle diese Frau in der Geschichte Gottes mit den Menschen spielt. Jantzen warnt: "Wird stattdessen gefragt, ob alles 'genau so passiert' ist, verschiebt sich die Ebene." Das führe häufig zu Missverständnissen und Druck auf Gläubige, die solche Vorstellungen mit ihrem eigenen Leben abgleichen sollen.
Maria als tröstliche Figur
Marienverehrung habe auch positive Seiten, wenn Maria den Menschen als tröstliche Figur begegne, die Nähe, Vertrautheit und Geborgenheit vermittele. "Religiöse Bilder wirken nicht nur intellektuell, sondern auch emotional und existenziell. Entscheidend ist, wie sie gedeutet werden, ob sie stärken oder einengen", so die Theologin.
Sie empfiehlt, sich die Wahrnehmung von Marias "Mut, ihrer Klugheit und ihrer Eigenständigkeit", stärker an den biblischen Texten zu orientieren. Schließlich erkenne Maria laut dem Lukas-Evangelium klar, "dass Gottes Handeln gesellschaftliche Umbrüche hin zu mehr Gerechtigkeit bedeute". So werde Maria zu einer vielschichtigen, widersprüchlichen und lebendigen Persönlichkeit. (KNA)
