Ex-Vatikanbank-Chef: Inkompetenz kostet die Kirche Millionensummen
Der langjährige Aufsichtsratsvorsitzende der Vatikanbank IOR, Jean-Baptiste de Franssu, sieht Inkompetenz als Hauptursache für finanzielle Millionenverluste der katholischen Kirche und des Vatikans. Dem französischen Wochenmagazin "Le Point" sagte er: "Die Kirche verliert jedes Jahr Hunderte Millionen durch Inkompetenz, schlechtes Management und Machtstreben." Der französische Banker äußerte sich Ende April anlässlich seines Ausscheidens aus dem Amt.
De Franssu leitete die Vatikanbank IOR von 2014 bis Ende April 2026. Unter der Führung des Franzosen konnte die Vatikanbank ihre Gewinne laut der am Montag veröffentlichten Bilanz auf 51 Millionen Euro steigern.
Schwächen der Kirche werden ausgenutzt
De Franssu sagte, Finanzvermittler profitierten von der Schwäche religiöser Orden und Bistümer und zögen sie in komplexe und verlustreiche Immobiliendeals hinein. Die Vatikanbank sei vor allem deshalb jetzt erfolgreich, weil sie "Experten an Stellen einsetzte, wo bis dahin Inkompetenz herrschte".
Die Verluste, die das vatikanische Staatssekretariat vor einigen Jahren unter Kardinal Angelo Becciu mit einem Immobilien-Investment in London erlitten hatte, bezifferte de Franssu auf 100 bis 150 Millionen Euro. Der Skandal sei vor allem deshalb aufgedeckt worden, weil die Vatikanbank sich geweigert habe, die überteuerte Finanzierung durch einen Kredit abzudecken.
"Ein absoluter Skandal"
Die Verluste entstünden durch "schlechtes Management, undurchsichtige Investitionen und finanzielle Manipulationen". Das Urteil des Bankiers: "Das ist das Geld der Gläubigen, es ist ein absoluter Skandal". Über die Vatikanbank berichtete de Franssu, das IOR habe noch im Pontifikat von Johannes Paul II. (1978–2005) mit Diplomatenkoffern voller Bargeld erst die Kirche in Polen und später in Kuba in ihrem Kampf gegen die kommunistischen Herrschaftssysteme unterstützt. Das seien legale, aber geheime Operationen gewesen. Diese "Phase der Intransparenz" sei endgültig vorbei.
Auch sei das IOR inzwischen kein Steuerparadies und kein Ort für Geldwäsche mehr. Noch 2012, am Ende des Pontifikats von Papst Benedikt XVI. (2005–2013), sei das Institut wegen seines angeschlagenen Rufs "de facto aus dem globalen Finanzsystem ausgeschlossen" gewesen. Einzig die Deutsche Bank habe den Heiligen Stuhl noch unterstützt. Heute arbeite die Vatikanbank mit mehr als 40 Banken zusammen und habe beste Ratings im internationalen Überwachungssystem Moneyval. (KNA)
