Woher kommt das Phänomen der Zungenrede?
Jedes Jahr an Pfingsten geht es um diese eine Stelle in der Apostelgeschichte, in der es heißt: "Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab." (Apg 2,4) Auf Grundlage dieser Worte entwickelte sich eine rituelle Praxis, die das Erkennungsmerkmal einer ganzen Konfession wurde. Wie die Zungenrede sich weiterverbreitet und warum es sogar auf Social Media Erklärungen zur Zungenrede gibt, erklärt der Bremer Religionswissenschaftler Yan Suarsana im katholisch.de-Interview.
Frage: Herr Suarsana, was versteht man unter Zungenrede?
Suarsana: Wenn wir über die Zungenrede sprechen, die im Kontext der heutigen Pfingstbewegung beziehungsweise im charismatischen Christentum vorkommt, geht es um eine rituelle Praxis. Dabei betet man in für Außenstehende unverständlichen Worten. Das theologische Konzept dahinter bezieht sich auf das Pfingstereignis aus der Apostelgeschichte (Apg 2,1–13). Dabei fährt der Heilige Geist in die Apostel ein und sie beginnen, in tatsächlichen Fremdsprachen zu sprechen, die sie vorher nicht beherrschten. Dieses Phänomen nennt sich Xenoglossie. Unter der Zungenrede kann man aber auch die Glossolalie verstehen. Das meint die Fähigkeit, in unbekannten Zungen zu sprechen, also nicht in wirklichen menschlichen Fremdsprachen.
Frage: Bei der Glossolalie geben die Betenden also unverständliche Laute von sich. Das passiert oft in einem ganz bestimmten Rahmen. Zum Beispiel im Gottesdienst oder zu zweit, wenn jemand für einen betet. Die Personen beschreiben oft, dass irgendwann einfach Silben aus ihnen strömen. Geht es auch darum das Geäußerte zu interpretieren?
Suarsana: In manchen Kontexten gibt es die Geistgabe der Interpretation. Dort beanspruchen Personen, die Zungenrede mithilfe des Heiligen Geistes in menschliche Sprachen zu übersetzen. Aber das ist nicht überall so. Für viele ist die Zungenrede einfach ein Zeichen dafür, dass jemand die Taufe im Heiligen Geist erfahren hat. Sie wird dann als wichtigste Geistgabe verstanden. In der klassischen Pfingstbewegung galt das Sprechen in Zungen lange als der Anfangsbeweis für den Erhalt der Geisttaufe. Das bedeutet: Nur wer in Zungen spricht, hat die Geisttaufe erhalten. Und wer das nicht tut, ist nicht im Heiligen Geist getauft.
Der Religionswissenschaftler Yan Suarsana ist an der Universität Bremen für den Arbeitsbereich Globalgeschichte des Christentums zuständig.
Frage: Wo kommt dieses Phänomen her?
Suarsana: Die Zungenrede der Pfingstbewegung und des charismatischen Christentums geht auf die Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts in Nordamerika und Europa zurück. In diesem Kontext spielt aber nicht nur die Geistgabe der Zungenrede eine Rolle. Es gibt noch weitere gleichwertige Geistgaben wie die Prophetie oder die Fähigkeit zum intensiven Gebet. In den USA bildete sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts aber eine Gruppierung heraus, die nur die Zungenrede als anfänglichen Beweis dafür ansah, dass jemand die Geisttaufe erfahren hat. Daraus wurde später die Pfingstbewegung.
Frage: Und warum gerade die Zungenrede?
Suarsana: Im 19. Jahrhundert stand die Zungenrede in der Reihe der Geistesgaben nie besonders im Fokus. Das änderte sich erst durch den US-amerikanischen Methodistenprediger Charles Fox Parham. Er begründete den Fokus auf die Zungenrede durch Erkenntnisse seines intensiven Bibelstudiums. Diese Idee trug sich über bekannte Prediger wie Joseph Seymour und sein Azusa Street Revival von 1906 weiter. Dabei ist man anfangs tatsächlich davon ausgegangen, dass Menschen, die mit dem Heiligen Geist getauft sind, in existierenden Fremdsprachen sprechen können. Das war eine wichtige Eigenschaft für die damals stark missionarisch ausgerichtete Gemeinschaft. Es hat sich aber relativ schnell herausgestellt, dass das nicht funktioniert. Im Laufe der Zeit wurde das Konzept der Xenoglossie immer mehr fallengelassen, und das Konzept der Glossolalie hat sich in der Pfingstbewegung durchgesetzt.
Frage: Das Phänomen der Zungenrede taucht irgendwann auch in anderen christlichen Konfessionen auf – auch in der katholischen Kirche. Wie kam es dazu?
Suarsana: Ab den 1950er-Jahren breitete sich die Zungenrede auch außerhalb der Pfingstbewegung aus. Das hat verschiedene Gründe. Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde der Grundstein für einen pfingstlich-katholischen Dialog gelegt. Allgemein gab es nach dem Zweiten Weltkrieg eine weltweite Ausbreitungswelle US-amerikanischer Kultur und Lebensart. Dadurch breiteten sich allmählich auch Formen US-amerikanischer Spiritualität aus. Ein weiterer Faktor war die Dissertation des Schweizer Pfingstlers Walter Hollenweger Ende der 1960er-Jahre, der später Professor in Birmingham wurde. Er beschreibt die Pfingstbewegung nämlich nicht als eine eigene Konfession, wie sie nach historischem Verständnis eingeordnet wurde. Für ihn ist die Pfingstbewegung eine charismatische Frömmigkeit, die überkonfessionell ist. Hollenwegers Forschungsarbeit wurde breit rezipiert und begründete damit das bis heute bestehende Fachgebiet der "Pentecostal Studies" – zu Deutsch: Pfingstliche Studien – an vielen Universitäten. Ab dieser Zeit entstand dann auch die sogenannte charismatische Bewegung, durch die pfingstliche Frömmigkeit in klassische konfessionelle Kirchen getragen wurde. Das passierte in der katholischen Kirche vor allem in Lateinamerika, aber auch in Deutschland bildeten sich charismatische katholische Gruppierungen. Und da taucht je nach Kontext die Zungenrede mal mehr und mal weniger auf. In den 1980er-Jahren breitete sich schließlich pfingstliche Frömmigkeit in zahllose unabhängige Kirchen vor allem im globalen Süden aus, was manchmal als 'dritte Welle des Heiligen Geistes' oder auch als neocharismatische Bewegung bezeichnet wird.
„Klassische Pfingstler vertreten die Ansicht, dass jeder, der nicht in Zungen spricht, nicht im Geist getauft ist. Das widerspricht der katholischen Theologie.“
Frage: Wie bewertet die Kirche die Zungenrede?
Suarsana: Klassische Pfingstler vertreten die Ansicht, dass jeder, der nicht in Zungen spricht, nicht im Geist getauft ist. Das widerspricht der katholischen Theologie, die die Zungenrede nur als eine von mehreren Geistesgaben kennt. Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat sich diese pfingstliche Theologie aber teilweise aufgeweicht. Ökumenisch orientierte Pfingstler wie David du Plessis vertreten die Ansicht: "Man muss nicht in Zungen reden, um im Heiligen Geist getauft zu werden, aber man wird es." Dadurch wurde es möglich, die pfingstliche Zungenrede in der katholischen Kirche zu praktizieren.
Frage: Auf Social Media finden sich etliche Anleitungen zur Zungenrede. Warum taucht das Phänomen heute gerade dort auf?
Suarsana: Die Pfingstbewegung war medial schon immer sehr progressiv. Im 20. Jahrhundert nutzte sie zur Verkündigung Zeitschriften, später Radio, Fernsehen und das Internet. Gerade die großen pentekostalen Gemeinschaften haben eine stark professionalisierte Medienarbeit. Hinzu kommt noch ein weiterer Punkt: Die Entfremdung von klassischen Kirchen schreitet voran, das freikirchliche Milieu wächst hingegen. Viele suchen eine stark individuelle und erfahrungsbezogene Frömmigkeit. Die Zungenrede als rituelle Praxis passt genau da rein: Sie holt den Glauben in das eigene Leben und macht ihn konkret erfahrbar. Diese körperlichen und emotionalen Aspekte machen die Zungenrede seit Jahrzehnten so populär.
