Heiliges Land

Immer mehr Hass und Gewalt: Wachsende Sorge um Christen in Israel

Veröffentlicht am 20.05.2026 um 12:30 Uhr – Von Steffen Zimmermann – Lesedauer: 

Jerusalem ‐ Übergriffe auf Christen haben in Israel spürbar zugenommen. Geistliche und Kirchenvertreter berichten von Hass, Einschüchterung und Gewalt durch jüdische Extremisten – und werfen der Regierung Netanjahu Untätigkeit vor.

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Es waren verstörende Bilder, die eine Überwachungskamera Ende April in der Jerusalemer Altstadt aufzeichnete: Eine katholische Ordensfrau geht eine Straße in der Nähe der deutschsprachigen Benediktinerabtei Dormitio auf dem Zionsberg entlang, als ein Mann plötzlich von hinten auf sie zustürmt, sie brutal zu Boden stößt und anschließend auf die am Boden liegende Frau eintritt. Das Video des Angriffs verbreitete sich rasch – und sorgte weit über Israel hinaus für Entsetzen.

Für viele Christen im Heiligen Land war die Szene jedoch kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines gesellschaftlichen und politischen Klimas, das sich dramatisch verändert hat. "Die Anzeichen der Verrohung begegnen uns täglich", schrieb der katholische Priester und Autor Stephan Wahl, der seit acht Jahren in Jerusalem lebt, jüngst in einem Beitrag für die Wochenzeitschrift "Christ in der Gegenwart". "Es sind die verächtlichen Spuckattacken auf Geistliche, die längst kein Randphänomen mehr sind." Was von offizieller Seite früher oft als Verhalten einzelner "geistig Verwirrter" abgetan worden sei, habe sich unter der aktuellen rechtsreligiösen Regierung normalisiert.

Am helllichten Tag angespuckt

Tatsächlich berichten christliche Geistliche und Kirchenvertreter seit Jahren von Übergriffen: Priester werden bespuckt, Klöster beschmiert, Kirchen angegriffen, Friedhöfe geschändet. Besonders betroffen ist Jerusalem. Der Abt der Dormitio-Abtei, Nikodemus Schnabel, berichtete in den zurückliegenden Jahren immer wieder von Anfeindungen. "Sobald ich als Mönch sichtbar auf die Straße gehe in Jerusalem, kann ich zählen, wie oft ich angepöbelt werde", erzählte der 47-jährige Benediktiner jetzt im Deutschlandfunk über seine Erfahrungen. Früher seien solche Übergriffe eher versteckt und im Dunkeln geschehen. "Jetzt werde ich am helllichten Tag angespuckt."

Bild: ©Privat (Archivbild)

Der Priester und Autor Stephan Wahl lebt und arbeitet seit 2018 in Jerusalem.

Die Täter sind laut Schnabel in der Regel nationalreligiöse jüdische Extremisten. "Ihr Motto ist: Israel den Juden. Nichtjuden raus." Besonders angespannt sei die Lage in Jerusalem im Armenischen Viertel, auf der Via Dolorosa und dem Berg Zion, wo die Dormitio-Abtei liegt. Katastrophal sei die Situation inzwischen aber auch in Taybeh, dem letzten lebendigen christlichen Dorf in den palästinensischen Autonomiegebieten. Immer wieder kommt es dort laut Schnabel zu massiven Anfeindungen durch jüdische Siedler. "Das fängt an mit Einschüchterungen, dann werden Feuer gelegt", sagte der Abt jüngst der "Verlagsgruppe Bistumspresse". "Das Nächste ist dann körperliche Gewalt." Zudem würden die christlichen Bauern von militanten Siedlern oft daran gehindert, auf ihre Olivenhaine zu gelangen. Aus Angst hätten einige christliche Familien den Ort bereits verlassen.

Aus Sicht vieler Betroffener und Experten ist die aktuelle rechtsreligiöse israelische Regierung mindestens mitschuldig an der Entwicklung. Man erlebe eine "komplette Enttabuisierung" des Christenhasses, so Schnabel. Nach Vorfällen wie zuletzt dem Angriff auf die Ordensfrau folge vonseiten der Regierung keine empörte Reaktion. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu habe noch nie eine Solidaritätsadresse für christliche Opfer von Übergriffen abgegeben. "Da müsste der Staat klare Kante zeigen, und das sehe ich nicht." Stattdessen berichten christliche Geistliche und Kirchenvertreter vor Ort von einem von der Regierung miterzeugten Klima, in dem sich jüdische Extremisten zunehmend ermutigt fühlten.

Ein "notorischer Christenhasser" als Minister

Immer wieder fällt in diesem Zusammenhang der Name von Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir. Schnabel erinnerte zuletzt daran, dass Ben-Gvir vor ein paar Jahren als Anwalt jüdischer Extremisten aufgetreten sei, die für den Brandanschlag auf das zur Dormitio-Abtei gehörende Kloster Tabgha am See Genezareth 2015 verantwortlich gemacht wurden. "Dieser Mann, der uns Mönchen im Gerichtssaal die unflätigsten Sachen an den Kopf geworfen hat, ist heute Minister für nationale Sicherheit", so der Benediktiner, der Ben-Gvir auch aufgrund der Erfahrungen in dem Gerichtsverfahren als "notorischen Christenhasser" bezeichnet.

Auch Stephan Wahl sieht in Ben-Gvir einen politischen Brandbeschleuniger. Die Atmosphäre werde "durch eine Politik der maximalen Provokation" vergiftet, so der Priester. Beispielhaft nennt Wahl ein im Internet kursierendes Foto der Torte zum 50. Geburtstag Ben-Gvirs Anfang Mai. Verziert war der Kuchen mit einer goldenen Henkersschlinge und dem Satz "Manchmal gehen Träume in Erfüllung" – ein Hinweis auf ein kurz zuvor beschlossenes Gesetz zur Todesstrafe, das nach allgemeiner Einschätzung faktisch ausschließlich Palästinenser treffen würde. "Wenn ein Minister den Tod als Geburtstagswunsch feiert, ist die moralische Verrohung der Gesellschaft kaum noch aufzuhalten."

„Es geht hier um die schleichende Verdrängung einer Gemeinschaft, die seit 2.000 Jahren Teil dieser Stadt ist.“

—  Zitat: Stephan Wahl

Die anhaltende und weiter wachsende Gewalt gegen Christen führt inzwischen zu Sorgen um den grundsätzlichen Fortbestand der christlichen Minderheit im Heiligen Land. "Es geht hier um die schleichende Verdrängung einer Gemeinschaft, die seit 2.000 Jahren Teil dieser Stadt ist", so Stephan Wahl. Die christliche Minderheit in Israel ist klein. Rund 190.000 Christen, die meisten von ihnen arabischstämmig, leben derzeit im Land – etwa zwei Prozent der Gesamtbevölkerung.

Auch der Beauftragte der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Thomas Rachel, zeigt sich alarmiert. "Mit großer Sorge" blicke er auf die Situation der Christen im Heiligen Land, sagt der CDU-Politiker in einem aktuellen Interview mit katholisch.de. "Die Angriffe auf Christen nehmen spürbar zu – etwa Übergriffe in Jerusalem wie jüngst der unerträgliche Angriff auf eine katholische Ordensfrau oder Gewalt durch extremistische Siedler im Westjordanland", so Rachel. Dies sei inakzeptabel.

Religionsfreiheitsbeauftragter sieht Israel in der Pflicht

Rachel sieht den Staat Israel in der Pflicht, die Sicherheit aller Menschen zu gewährleisten. Auf die Frage, ob die Bundesregierung in dieser Frage mehr Druck auf die Regierung Netanjahu ausüben müsste, antwortet der Bundestagsabgeordnete: "Als Freunde spricht man auch schwierige Themen offen an." Auch er selbst habe die Lage der Christen bei Gesprächen mit israelischen Abgeordneten und Vertretern religiöser Parteien bei einem Besuch in Israel im vergangenen Jahr thematisiert.

Gleichzeitig warnen christliche Stimmen davor, die Lage als Konflikt zwischen Religionen zu deuten. Stephan Wahl verwies in seinem Artikel ausdrücklich auf israelische Initiativen wie "Tag Meir" oder "Rabbis for Human Rights", die sich solidarisch mit Christen zeigten und öffentlich gegen Hass aufträten. Nach dem Angriff auf die Ordensfrau in Jerusalem hätten diese Gruppen daran erinnert, "dass der Konflikt nicht zwischen den Religionen tobt, sondern zwischen jenen, die Frieden suchen, und den 'Hooligans der Religion'".

Benediktinerpater Nikodemus Schnabel
Bild: ©KNA/Julia Steinbrecht (Archivbild)

Trotz aller Probleme: Die israelische Gesellschaft will Abt Nikodemus Schnabel nicht pauschal verurteilen.

Auch Schnabel betont immer wieder, dass er die israelische Gesellschaft nicht pauschal verurteilen wolle. Israel und Palästina hätten "beide eine wunderbare Zivilgesellschaft". Viele jüdische Israelis verabscheuten die Gewalt gegen Minderheiten. Das Problem seien "die machthabenden Politiker auf beiden Seiten".

Erschrecken über schleichenden Exodus von Christen

Dennoch wächst die Sorge vieler Christen, dass ihre Präsenz im Heiligen Land immer weiter zurückgedrängt werden könnte. Rachel verweist in diesem Zusammenhang auf die Entwicklung in anderen Ländern der Region. Im Irak oder in Syrien etwa sei die christliche Bevölkerung bereits stark zurückgedrängt worden. "Das wäre auch für das Heilige Land eine Katastrophe und muss verhindert werden", so der Religionsfreiheitsbeauftragte. Entscheidend sei hierbei der interreligiöse Dialog.

Stephan Wahl beobachtet derweil "mit Erschrecken den schleichenden Exodus von Christen". Jerusalem verstehe sich als Mosaik der Religionen. "Doch ein Mosaik zerfällt, wenn eine Seite beginnt, die anderen Steine systematisch herauszubrechen", schreibt er. Wenn das christliche Erbe nur noch als Zielscheibe wahrgenommen werde, verliere Jerusalem "sein Gesicht". Seine Warnung richtet sich deshalb nicht nur an Israel, sondern auch an die internationale Gemeinschaft, die nicht länger wegsehen dürfe. "Wer glaubt, man könne das Christentum aus den Gassen Jerusalems spucken, ohne die Seele dieser Stadt endgültig zu vernichten, irrt gewaltig. Eine Stadt, die ihre Vielfalt opfert, verliert am Ende sich selbst."

Von Steffen Zimmermann