Autorin: Auch nach meinem Kloster-Austritt gehört mein Leben Gott

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Ihre Uni-Karriere als Neurobiologin musste Joanna Maria Otto wegen eines Burnouts abbrechen. Auch aus dem Orden der Dominikanerinnen ist sie am Ende wieder ausgetreten. Heute weiß sie besser, was sie wirklich will und was ihr wirklich guttut. Als Coach versucht sie jetzt, an andere weiterzugeben, wie man Gelassenheit und Gottvertrauen lernen kann. Außerdem schreibt sie Bücher über Glaube und Wissenschaft, zum Beispiel über den mittelalterlichen Mystiker Meister Eckhart. Von den vielen radikalen Umbrüchen in ihrem Leben erzählt sie im Podcast.
Frage: Ihre Karriere als Neurobiologin ging mit 30 mit einem Burnout zu Ende. Sie hatten einen Bandscheibenvorfall, einen Tinnitus und dazu Migräne. Ihr Körper hat also sehr deutlich gesprochen. Haben Sie das damals schon so verstanden, wie Sie es heute verstehen?
Otto: Nein, zu der Zeit habe ich das überhaupt nicht verstanden. Rückblickend muss ich aber sagen: Es war gut, dass mein Körper so laut geschrien hat, weil ich zu dem Zeitpunkt tatsächlich noch nichts gefühlt habe. Ich habe einfach funktioniert. Ich habe überlebt, so wie ich das 30 Jahre lang getan hatte und auch gelernt hatte, meinen Kopf zu benutzen. Es war irgendwann einmal eine bewusste Entscheidung gewesen, zu sagen: Okay, alles andere tut zu weh, ich benutze nur noch meinen Kopf. Ich hatte starke Schmerzen in der Hüfte. Ich konnte zwischendrin nicht gut laufen und habe gedacht: Das macht alles nichts, ich gehe in die Wissenschaft, da brauche ich das alles nicht! Das war für eine Zeit lang gut, aber es war nicht Gottes Plan für mich, das wäre nicht der Weg zum Heil gewesen, sondern ein sehr abgespaltener Weg, eigentlich auch ein Irrweg. Später habe ich gemerkt, dass ich wieder lernen muss, richtig bewusst zu atmen und mich auch verschiedenen Emotionen stellen muss. Dann ging die Migräne langsam weg, den Tinnitus habe ich selbst mit einer Art Bio-Neuro-Feedback irgendwann in den Griff gekriegt. Er meldet sich jetzt nur in massiven Stresssituationen, aber inzwischen passe ich immer gut auf mich auf und meide Situationen, die mich überfordern.
So geht es mir heute wieder ganz gut und ich bin wirklich froh, dass mein Körper sich gemeldet hat. Im Zuge dieses Burnouts meinte mein geistiger Begleiter damals auch: "Da hat Gott Sie ganz schön rausgehauen!" Ich habe damals tatsächlich meinen Job verloren. Das war zwar bitter, aber am Ende doch gut. Es war gut, das zu erleben und zu sagen: "Nein, das war auch nicht mein Weg." Aber ich habe schon einen ganz schönen Knüppel abgekriegt. Dazu gefällt mir ein Ausspruch von Teresa von Ávila: "Lieber Gott, wenn du so mit deinen Freunden umgehst, dann will ich nicht wissen, wie du mit deinen Feinden verfährst!" Darüber musste ich lachen. Ich weiß, was sie meint!
Frage: Umso erstaunlicher, dass Sie trotzdem in diesem Moment Gott ganz die Kontrolle überlassen haben...
Otto: Ja, wobei ich zugegebenermaßen noch nicht wusste, was da auf mich zukommt.
"Lieber Gott, wenn du so mit deinen Freunden umgehst, dann will ich nicht wissen, wie du mit deinen Feinden verfährst!": Dieser Spruch wird Teresa von Ávila zugeschrieben. "Ich weiß, was sie meint", sagt Joanna Maria Otto.
Frage: Das heißt, Sie hätten anders entschieden, hätten Sie gewusst, was kommt?
Otto: Vielleicht. Es gibt einen anderen schönen Satz, nämlich den, dass Beten sehr gefährlich sein kann. Das würde ich absolut unterschreiben, weil man nicht weiß, was kommt. Mir war damals nur klar, dass ich in meinem Job in der Wissenschaft nicht glücklich war, gleichzeitig wusste ich nicht, was ich ändern soll. Da bin ich auch sehr klar: Wenn ich noch nicht weiß, wo es hingehen soll, unternehme ich auch nichts vorschnell, sondern brauche ich erst einmal mehr Informationen. Im Zweifelsfall bedeutet das erst einmal, weiter geradeaus zu fahren, bis man irgendwo einen Abzweig findet. Wenn man unterwegs ist, macht es Sinn, sich erst einmal einen Überblick zu verschaffen. Und für mich ist das im Leben mit Gott genauso. Ich gehe ins Gebet und zu: "Gut, dann gib mir ein Zeichen."
Frage: Was für ein Zeichen hat er gegeben?
Otto: Er hat ziemlich zugehauen, als nämlich plötzlich mein Chef hinter mir stand und sagte: "Ich habe übrigens vergessen, den Antrag abzuschicken und unsere Forschungsgelder zu verlängern, und jetzt ist Ihre Stelle in zwei Monaten vorbei." In dem Moment dachte ich nur so: "Das ist mein Stichwort." Ich habe dann einerseits versucht, mir einen anderen Job zu suchen und Bewerbungen loszuschicken und andererseits mit meinem Chef zu sprechen, ob es noch Sinn macht, den Antrag nachzuholen. Dann wurde ich aus meiner Sicht ganz schön verheizt. Wir haben den Antrag nachgereicht haben, der von vorneherein zu spät war, und ich bekam Tinnitus und habe um Urlaub gebeten. Der wurde abgelehnt. Ich habe mit knapp 30 Jahren noch sehr naiv gedacht: "Oh Gott, es geht um meine Stelle, das ist das Wichtigste auf der ganzen Welt." Heute weiß ich: Nein, das ist es nicht. Das würde ich heute nie wieder so machen. Damals habe ich aber weitergearbeitet, bis mich mein Arzt mit besagtem Bandscheibenvorfall wirklich aus dem Verkehr gezogen hat. Ich wollte bloß Schmerzmittel von ihm, aber er meinte: "Nein, so geht es nicht. Ich schreibe Sie jetzt krank." So habe ich meine Stelle endgültig verloren. Als ich erfahren habe, dass mein Chef noch jemand Anderen in der Hinterhand hatte, bekam das Ganze einen ziemlich bitteren Nachgeschmack, aber so etwas kann passieren.
Da war ich nun also und habe ich mir zum Glück als Erstes eine geistige Begleitung gesucht und bei einem Dominikanerpater auch gefunden. Damit begann eine intensive Phase des Betens und Fragens und auch des Erholens. Erst einmal habe ich mich gefragt: "Was jetzt?" Und ich habe sehr viel mit Gott geschimpft, muss ich tatsächlich sagen, weil ich überhaupt nicht vorhatte, ins Kloster zu gehen. Als diese Fragen plötzlich da waren, war ich überhaupt nicht einverstanden. Es hat ein bisschen gedauert. Gott hat so sehr um mich geworben, dass ich irgendwann den Widerstand aufgegeben habe und zugeben musste: Alles, was ich an Widerständen im Kopf habe, sind nur Vorurteile. Die lasse ich jetzt einfach beiseite und gucke, was mich erwartet. Das hat mich sehr befreit und auch sehr glücklich gemacht – für eine Zeit lang.
„Auch die Stille, das Aushalten von Konflikten, die in so einem geschlossenen Konvent nicht unbedingt gut gelöst werden können, das war alles sehr belastend.“
Frage: Sie sind tatsächlich ins Kloster eingetreten und vier Jahre lange geblieben. Die erste Zeit, sagen Sie, war glücklich. Irgendwann waren Sie aber nicht mehr glücklich?
Otto: Ja, irgendwann musste ich erleben, dass meine Annahme, dass vor Gott tatsächlich nur die Hingabe zählt und nicht das, was man leisten kann oder wer man ist, dass diese Annahme zwar stimmt, in der Realität aber natürlich von Menschen umgesetzt werden sollte. Und ich musste leider erleben, dass auch im Kloster ein großer Leistungsdruck herrscht. Der ist allein durch die äußeren Umstände bedingt, weil ein riesengroßes Haus mit einem Konvent, der aus vielen alten Schwestern besteht, natürlich seinen Fokus auf die Jungen legt und an diese sehr viele Ansprüche gestellt werden. Früher gab es vielleicht 50 Novizinnen, aber jetzt waren wir nur zu zweit. Da kollidierten die Realitäten zwischen dem, was wir stemmen konnten und dem, was die Erwartungen waren. So war ich mit meiner eigenen Schwäche konfrontiert und musste sie selbst akzeptieren lernen. Ich habe wieder unter starken Schmerzen gelitten und sehr darunter, dass ich nicht mehr so viel leisten kann. Das hat mich im Klosterleben irgendwann sehr überfordert, denn auch so ein kontemplatives Leben ist wahnsinnig anstrengend. Wir sind morgens um fünf aufgestanden und der Tag ging bis abends um 22 Uhr. Auf einen Arbeitsalltag übertragen sind das im Prinzip zwei Schichten. Natürlich sind viereinhalb Stunden Gebet am Tag nicht besonders körperlich anstrengend, aber die Konzentration und allein das Wachsein von so früh bis so spät abends mit nur einer ganz kurzen Mittagspause, wenn überhaupt, das kostet schon viel Kraft.
Und auch die Stille, das Aushalten von Konflikten, die in so einem geschlossenen Konvent nicht unbedingt gut gelöst werden können, das war alles sehr belastend. Da muss man von der Konstitution her sowohl psychisch als auch körperlich schon fit sein, um das aushalten zu können.
Frage: Fühlten Sie sich denn geistlich gut aufgehoben?
Otto: Teils, teils. Anfangs schon, aber später nach und nach nicht mehr. Ich habe es zum Beispiel irgendwann sehr bedauert, dass ich nicht mehr selbst bestimmen kann, wann ich zur Beichte gehen möchte. Der Beichtvater kam nur zu einem bestimmten Termin in den Konvent – alle acht, manchmal auch erst alle zehn Wochen. Sehr lang für jemanden, der sonst niemanden zum Reden hat. Ich musste auch feststellen, dass mir ein bisschen der geistige Input gefehlt hat, weil wir Schwestern schon sehr isoliert waren. Wir haben zwar das eigene Gebet gepflegt und ab und zu kam auch jemand und hat uns einen geistigen Impuls gegeben. Aber das war mir zu wenig dafür, was ich eigentlich gebraucht hätte, um auch innerlich weiterzukommen. Natürlich hatten wir eine Bibliothek, im Noviziat hatten wir auch Unterricht. Aber das hat mir nicht gereicht.
Ein Bild von Joanna Maria Otto aus ihrer Zeit im Kloster.
Frage: Als Sie den Entschluss gefasst haben, wieder auszutreten, waren Sie 40 Jahre alt. Wie schwer ist es Ihnen dieser Austritt gefallen?
Otto: Zuerst wollte ich natürlich nicht austreten, weil ich das alles schon ernst gemeint hatte. Ich hatte bis dahin nur die zeitlichen Gelübde abgelegt, aber ich hatte durchaus vor, auch die ewigen Gelübde abzulegen. Ich finde auch, dass man den Moment, wo man bei der Profess in Kreuzesform auf dem Teppich liegt, also diesen Moment der Hingabe, nicht mehr zurücknehmen kann. Das sehe ich auch heute noch so. Auch nach dem Austritt würde ich sagen: Mein Leben gehört Gott. Ich musste einfach irgendwann anerkennen, dass es mir im Kloster nicht gut geht und dass das nicht Gottes Wille sein kann, auch wenn ich es eigentlich gerne wollte. Und dass es zwar kein Fehler war, einzutreten, dass es nun aber an der Zeit war, wieder auszutreten. Das hat mich auch zum Nachdenken darüber gebracht, was denn so ein Gelübde von lebenslang überhaupt bedeutet, sowohl im Orden, als auch in der Ehe und überhaupt. Ich habe nur gedacht, dass lebenslang ein sehr großes Wort ist. In meinem Fall war es eindeutig richtig zu sagen: "Nein, dass ich dabei kaputtgehe, das ist nicht Gottes Wille. Dann folge ich ihm jetzt, auch wenn das erst einmal bedeutet, dass ich mit nichts dastehe und überhaupt nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll‘. Diese Hingabe zu leben war für mich sehr stimmig, also einfach darauf zu vertrauen, dass er schon einen Plan für mich haben wird, auch, wenn ich den überhaupt nicht kenne. Das war dann zwar sehr schwer, aber auch stimmig.
Frage: … und wieder sehr radikal.
Otto: Und wieder sehr radikal, ja, das stimmt.