Pater Philipp König über das Sonntagsevangelium

Der Heilige Geist – näher als der Atem

Veröffentlicht am 23.05.2026 um 09:30 Uhr – Lesedauer: 
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Vechta ‐ Die Jünger verstecken sich – doch Jesus tritt in ihre Mitte und haucht ihnen seinen Geist ein. Eine Gemeinschaft, die wieder atmen kann. Vielleicht liegt genau darin das Wunder von Pfingsten, schreibt Pater Philipp König.

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Bei Pfingsten denke ich zuerst an Feuerzungen, an die vielen Sprachen und die große öffentliche Predigt der Apostel. So erzählt es die Apostelgeschichte. Doch ganz anders berichtet das Johannesevangelium vom "Geburtsfest der Kirche", wie Pfingsten auch genannt wird. Es spielt sich im Privaten ab, geradezu heimlich, still und leise. Die Jünger halten sich am Abend des Ostertages versteckt, so voller Angst sind sie. Den Impuls, zuzumachen und mich abzuschotten, kenne ich von mir auch: Erschöpfung, Scham, innere Verriegelungen oder Ängste halten mich bisweilen gefangen und blockieren mich. 

Doch dann tritt Jesus durch die verschlossene Tür: ohne dass die Jünger ihre Zweifel besiegt oder ihre Angst überwunden hätten. Einfach so tritt er in ihre Mitte und sagt: "Schalom! Friede sei mit euch!" Nach allem, was passiert war, nach den Schrecken des Karfreitags und der Verwirrung des Ostermorgens wartet er nicht auf einen scheinbar perfekten Augenblick, sondern spricht ihnen JETZT seinen Frieden zu. Dieser Frieden blendet die Wunden nicht aus: Jesus zeigt den Jüngern seine Hände und seine Seite. Der Auferstandene ist und bleibt der Gekreuzigte, er trägt die Spuren der Gewalt weiter an sich. Mir gibt das Hoffnung: Mein Leben muss nicht makellos sein, damit Christus darin mit seinem Frieden gegenwärtig sein kann. Im Gegenteil: Womöglich will er genau da wirksam sein, wo meine Verwundungen sind. Auch unsere Welt mit all ihren Wunden will zum Ort seines Friedens werden. 

Ich finde es spannend und berührend, dass in dieser Szene des Evangeliums womöglich Spuren früher christlicher Gottesdienste erkennbar sind: Die (noch geschlossene) Versammlung am ersten Wochentag, der Friedensgruß, die Sendung. Kirche beginnt wahrlich nicht mit perfekten Menschen, sondern damit, dass Christus in verschlossene Räume eintritt, dass er unsere Begrenzungen mit seinem Frieden überwindet. Was mir besonders gefällt: Die Jünger freuen sich, als sie den Herrn sahen! Wie schön wäre es, wenn in unseren Gottesdiensten die Freude des Auferstandenen mehr zu spüren wäre!

Das Wunder von Pfingsten

Besonders nah geht mir in dem Evangelium der Moment, in dem Jesus seine Jünger anhaucht. Intimer geht es kaum: Ich denke an Situationen, in denen man einem anderen Menschen so nahe ist, dass man dessen Atem spürt: Wenn Eltern ihre Kinder trösten, wenn kranke Menschen gepflegt werden oder wenn Liebende beieinander sind. Ich denke auch an die Schöpfungserzählung im Buch Genesis, wo Gott dem Menschen (Adam) den Lebensodem einbläst. Es ist die Gabe des Heiligen Geistes, die hier auf so intime Weise beschrieben wird: Jesus gibt seinen Geist nicht wie irgendeinen Gegenstand, sondern er teilt seinen eigenen Lebensatem mit. Vielleicht ist genau das die Erfahrung von Pfingsten: Das Gottes Geist mir genauso nahe ist, wie mein eigener Atem, vielleicht sogar noch näher! 

Verbunden damit ist die Sündenvergebung: Jesus verleiht den Jüngern die Vollmacht, Sünden zu vergeben. Was für eine gewaltige Verantwortung, die er da in die Hände von schwachen und sündigen Menschen legt! Bis heute geschieht das im Bußsakrament und als Priester kann ich oft nur staunen, wie befreiend Jesu Geist genau da immer wieder wirkt: Wenn Menschen Vergebung erfahren, erleichtert aufatmen und nicht mehr allein auf das festgelegt werden, was einmal schief gelaufen ist. 

Der Auferstandene kommt in einen Raum voller Angst und schenkt Frieden. Er haucht in einer intimen Geste seinen Geist ein. Und plötzlich wird aus eingeschlossenen Menschen eine Gemeinschaft, die frei ist, wieder atmen kann und wahre Freude erlebt. Vielleicht ist genau dies das Wunder von Pfingsten und das, wonach wir uns heute so sehr sehnen.

Aus dem Evangelium nach Johannes (Joh 20,19–23)

Am Abend des ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!

Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen.

Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!

Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.

Der Autor

Pater Philipp König gehört dem Dominikanerorden an, ist priesterlicher Mitarbeiter (Subsidiar) im pastoralen Raum Neunkirchen und schließt aktuell seine Lehramtsausbildung ab.

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