"Eines der wichtigsten Ereignisse in meinem Leben"

Was die Taufe für einen Erwachsenen bedeutet

Veröffentlicht am 05.06.2026 um 00:01 Uhr – Von Cornelia Huber – Lesedauer: 

Kusel ‐ Für den US-Amerikaner Kade Quarles endete in der Osternacht ein langer Weg. Gemeinsam mit einem Kommunionkind wurde er im westpfälzischen Kusel getauft – obwohl Katholiken hier eine Minderheit sind.

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Die Osternachtsfeier in der neugotischen Kuseler Kirche St. Ägidius war von zwei Taufen geprägt. In der westpfälzischen Diasporagemeinde wurden ein Kommunionkind und ein erwachsener Mann durch die Taufe in die katholische Kirche aufgenommen. Wie sich beim anschließenden Beisammensein zeigte, war die Freude der weit verstreuten Gemeinde darüber groß. Mit über 300 Quadratkilometern ist die Pfarrei Heiliger Remigius die flächenmäßig größte Pfarrei der Diözese Speyer. Auf dem Pfarrgebiet leben derzeit rund 6.300 Katholiken in über 60 Ortschaften. Nun gehört auch Kade Quarles dazu. Er ist einer von 17 Erwachsenen, die in der Osternacht im Bistum Speyer getauft wurden. Die Taufe zählt der 44-jährige US-Amerikaner zu den wichtigsten Ereignissen seines Lebens. Bis dahin war es ein langer Weg.

Kade Quarles wuchs weitestgehend ohne Bezug zum christlichen Glauben auf, denn beide Eltern waren nicht religiös. Sporadisch habe ihn die Mutter zu einer presbyterianischen Kirche mitgenommen, was aber nicht allzu oft vorgekommen sei. Als Quarles im Grundschulalter war, ließen sich die Eltern scheiden, und der Vater heiratete erneut. Mit Anfang 40 ließ sich Quarles' Vater durch den Einfluss seiner zweiten Frau taufen und besuchte mit seiner neuen Familie eine freikirchliche Gemeinde. In diese Gemeinde nahm der Vater auch seinen Sohn Kade mit, aber der Junge reagierte ablehnend. "Als Teenager wollte ich vom Glauben nichts wissen. Meine Familie hat mich dann in Ruhe gelassen", sagt Quarles. Auch als junger Erwachsener habe er keinen Zugang zum christlichen Glauben gefunden und dabei nichts vermisst.

Interesse am Glauben wuchs

Letztlich war es ein langer Prozess, bis das Interesse am christlichen Glauben allmählich wuchs: "Erst in den letzten sieben Jahren hat sich etwas in mir geändert. Irgendwie war diese Ablehnung weg", beschreibt der Neugetaufte. Nun konnte Quarles auf einmal verstehen, warum so viele seiner Kollegen gläubig waren, auch wenn er selbst noch lange nicht so weit war. Er informierte sich über das Christentum und hörte verschiedene Podcasts – meist von Jesuiten. Mehr und mehr beschäftigte er sich mit dem Glauben. Erste zaghafte Gedanken, sich taufen zu lassen, kamen auf. Die Hindernisse waren aber zu groß, um den Schritt zu wagen: "Alle meine Freunde sind nicht religiös und reagierten schon auf die Idee einer Taufe ablehnend. Ich hatte zwar Interesse, aber mir fehlte der Mut." So behielt Quarles für sich, was sich allmählich in ihm entwickelte.

Die Wende kam durch den Umzug von den Vereinigten Staaten in die Westpfalz. Die Ehefrau von Quarles ist bei der US-Armee beschäftigt und trat im Herbst 2024 eine neue Arbeitsstelle an. Quarles selbst studiert derzeit Elektrotechnik in Kaiserslautern. Dabei kommt ihm zugute, dass er fließend deutsch spricht. "Ich finde es spannend, im Leben verschiedenes auszuprobieren", sagt er. In seiner Jugend war Quarles bereits als Austauschschüler in Deutschland, außerdem studierte er vier Jahre Germanistik in Aachen. Um seine Aussichten auf einen Job zu verbessern, sattelte Quarles dann auf Krankenpflege um. Die Ausbildung, ein Bachelorstudium, absolvierte er an der University of Minnesota, einer staatlichen Universität im US-Bundesstaat Minnesota. Mehr und mehr interessierte sich der Krankenpfleger aber für die Technologie, die er auf der Intensivstation verwendete. Nach zwölf Jahren im Beruf entschied sich Quarles schließlich dazu, Elektrotechnik zu studieren.

Kontakt zu Katholiken

Das andere Umfeld in Deutschland war eine echte Chance, denn an der Technischen Universität in Kaiserslautern lernte der Amerikaner katholische Studenten kennen. Über jene kam er mit einer internationalen Gruppe junger Katholiken in Kontakt, die "Kaiserslautern Catholic Young Adults" (KCYA). Sie treffen sich regelmäßig zu Gottesdiensten, diskutieren über die Bibel und sprechen über den Glauben. Die Veranstaltungen finden in englischer Sprache statt. Hier begegnete Quarles einem Studenten aus Malaysia, der nun zu seinem Taufpaten wurde.

Als Zeichen für die Taufe hat Kade Quarles ein weißes Gewand erhalten. Sein Taufpate Isaac hält die Taufkerze.
Bild: ©Privat

Als Zeichen für die Taufe hat Kade Quarles ein weißes Gewand erhalten. Sein Taufpate Isaac hält die Taufkerze.

Eine wichtige Rolle auf dem Weg zur Taufe spielte auch ein Urlaub in den Pyrenäen. Quarles und seine Frau machten einen Abstecher zum bekannten Wallfahrtsort Lourdes. "Es hat sich angeboten, dort eine Nacht zu verbringen" erzählt der Neugetaufte. "Und wenn man schon in Lourdes ist, schaut man sich alles genau an." In seinem Wohnort Kusel nahm Quarles dann zum ersten Mal bewusst an einem katholischen Gottesdienst teil. "Das hat mich viel Mut gekostet, weil ich niemanden kannte", erinnert er sich. Die Abläufe waren dem Amerikaner unbekannt. Er orientierte sich an den anderen Gottesdienstbesuchern.

Ein weiterer Schritt war die Teilnahme an einem Alpha-Kurs in der katholischen Gemeinde. Alpha-Kurse sind weltweit verbreitete Treffen, bei denen Menschen den christlichen Glauben in entspannter Atmosphäre entdecken. Sie finden ebenso in der katholischen wie der evangelischen und orthodoxen Kirche oder in Freikirchen statt. Nach Angaben von Alpha Deutschland e.V. haben inzwischen mehr als 24 Millionen Menschen in über 169 Ländern und 112 verschiedenen Sprachen einen Alpha-Kurs besucht. Jeder Abend besteht aus drei Teilen: auf eine Phase des Ankommens mit gemeinsamem Essen folgen Video-Impulse oder kurze Live-Vorträge zu verschiedenen Themen sowie eine offene Gesprächszeit. Hier fühlte sich Quarles wohl, er machte die Bekanntschaft mit Menschen aus der Gemeinde und lernte mehr über den Glauben. Sein Resümee: "Ich denke, man kann aus wissenschaftlicher Sicht weder beweisen noch widerlegen, dass es Gott gibt. Aber wenn man sich einmal darauf einlässt, so würde ich sagen, dann sieht man es."

Leben hat sich verändert

Allmählich wuchs der Wunsch, getauft zu werden. Nach der Vorbereitungszeit war es schließlich in der Osternacht soweit. "The most important day of your life" stand auf einem Geschenk, erzählt Quarles. "Für mich bedeutet die Taufe, dass ich ein neues Leben als Christ bekommen habe. Wie meine Hochzeit zähle ich das zu den wichtigsten Ereignissen in meinem Leben." Freunde und Kollegen in Deutschland äußerten sich positiv oder neutral, die Familie in den USA freute sich mit ihm. Quarles hörte gerührt von der Stiefmutter, dass sie schon lange für ihn gebetet habe. "Sie sagte mir, dass sie seit unserer ersten Begegnung jeden Tag dafür betete, dass ich Gott kennenlernen würde.

Im Rückblick stellt Quarles fest, dass sich sein Leben im Lauf der letzten Monate verändert hat. "Ich bete jeden Tag, und das hilft mir, die Welt ein bisschen anders zu sehen. Ich bin aufmerksam dafür, wo ich die Hand Gottes sehen kann, im Alltag, in der Welt um mich herum, in anderen Menschen." Außerdem mache er sich mehr Gedanken über die Bedürfnisse anderer und versuche zumindest, ein besserer Mensch und ein besserer Ehemann zu werden. "Wenn ich merke, dass ich negative oder verurteilende Gedanken über andere habe, stoppe ich das und versuche, Jesus im anderen zu sehen." Der Blick auf die Geschichte der Kirche stimme ihn hoffnungsvoll, trotz der allgemeinen Verunsicherung durch die kriegerischen Auseinandersetzungen und die ambivalenten Auswirkungen von KI auf die Gesellschaft.

Suchenden und Interessierten möchte der Neugetaufte folgenden Tipp mitgeben: "Ich glaube, bei vielen Leuten ist der Punkt, der am schwersten ist, zum ersten Mal alleine in die Kirche zu gehen. Es ist nicht leicht, wenn man niemanden kennt. Also sollte man erst mal Kontakt aufnehmen mit Katholiken, die einen mitnehmen können, online, über einen Kurs oder ein anderes Angebot, das sich an neue Leute richtet."

Von Cornelia Huber