TV-Reportage zu Marienerscheinungen: Was der Glaube Menschen gibt

"Mir ist klar, dass das ein bisschen crazy ist und für manche Leute total fern." Dominic meint damit nicht, dass seine Familie im Sommer manchmal der Profi-Fußballmannschaft des FC Schalke 04 ins Trainingslager hinterherreist. Der Pastoralreferent aus dem rheinland-pfälzischen Alzey glaubt an Marienerscheinungen. Auch allen Anfechtungen selbst aus der kirchlichen Bubble zum Trotz. Gerade packen seine beiden Töchter Marie-Bernadette und Carlotta letzte Sachen in einen Campingvan. Denn gleich bricht Dominic mit ihnen auf. Ihr Ziel: der bekannte Marienwallfahrtsort Lourdes in den französischen Pyrenäen.
Doch sie sind nicht allein unterwegs. Begleitet werden sie von Kira Gantner und Tobias Henkenhaf. Die beiden Filmjournalisten wollten sich in mit dem Phänomen der Marienerscheinungen auseinandersetzen – und zwar aus einer etwas anderen Perspektive. Herausgekommen ist eine 45-minütige TV-Reportage mit dem Titel "Holy Mary – Wer glaubt an Marienerscheinungen?". Sie verbindet Roadmovie, persönliche Glaubensgeschichten und wissenschaftliche Einordnung. Am 1. Mai, zum Auftakt des Marienmonats, wird sie um 9.15 Uhr im BR-Fernsehen gezeigt. Schon von diesem Dienstag an ist sie in der ARD-Mediathek abrufbar.
Reise von Vater und Töchtern
Dominic war zuletzt vor 27 Jahren in Lourdes. Die damalige Reise war, das wird schnell deutlich, bedeutsam für seine (Glaubens-)Biografie. Nun will er seinen Töchtern zeigen, warum Lourdes ihn seit seiner Kindheit nicht loslässt. Marie-Bernadette – sie ist nach der Seherin von Lourdes benannt – und Carlotta sind grundsätzlich offen für diesen Glauben, ziehen ihren Vater aber manchmal mit seiner Begeisterung und Emotionalität bei diesem Thema auf. Sie erzählen von den Vorbehalten und dem Unverständnis ihrer Klassenkameraden, wollen sich aber auf solche Erfahrungen einlassen. Dominic hofft, sie spüren, dass man es an einem Ort wie Lourdes "gut mit ihnen meint".
Lourdes ist eines der großen Zentren der katholischen Marienfrömmigkeit. 1858 berichtete die damals 14-jährige Bernadette Soubirous von insgesamt 18 Erscheinungen der Jungfrau Maria. Heute pilgern jährlich Millionen Menschen dorthin, viele in der Hoffnung auf Heilung, Trost oder eine spirituelle Erfahrung. Lourdes erhielt rasch die offizielle Anerkennung des Vatikans als Marienwallfahrtsort.
Dominic und seine Töchter Marie-Bernadette und Carlotta an der Grotte von Massabielle in Lourdes
Die Dokumentation fängt die besondere Atmosphäre in Lourdes, die Dominic und seine Töchter erleben, ein. Die Familie besucht die berühmte Grotte, an der Maria erschienen sein soll. Dazu kommt die abendliche Lichterprozession, wenn tausende Kerzen ein eindrucksvolles Lichtermeer bilden. Oder das persönliche Gebet der Familie, in das sie spontan eine krebskranke Frau einschließen, der sie zuvor begegnet sind. "Glaubst du, dass sie durch ihren Besuch hier jetzt gesund wird?", fragt eine der Töchter Dominic. "Das wäre schön", antwortet er.
Autorin Kira Gantner kennt Dominic von einer früheren Recherche. "Ich habe mich sehr gut mit ihm verstanden. Irgendwann hat er mir dann ganz offen erzählt, dass er an Marienerscheinungen glaubt", sagt sie im Gespräch mit katholisch.de. Das habe sie überrascht – und dazu gebracht, manche eigenen Vorurteile zu hinterfragen. "So entstand schließlich die Idee, ihn bei einer Reise zu einem Marienwallfahrtsort zu begleiten." Dazu bringt sie eine persönliche Nähe zum Thema mit: In ihrem Heimatort Marpingen im Saarland gab es selbst Berichte über Marienerscheinungen, die sie immer spannend fand.
Mehrdimensionalität
Dominic ist zwar ein tiefgläubiger Mensch, aber kein entrückter Frömmler. Er sei nicht nur jemand mit einem "ungewöhnlichen Glauben", sondern ein Mensch mit ganz vielen Facetten, betont Autor und Kameramann Tobias Henkenhaf gegenüber katholisch.de. "Diese Mehrdimensionalität wird bei solchen Menschen oft übersehen, stattdessen heftet man ihnen einfach ein Label an." Auch wenn er den Marien-Glauben nicht teile, könne er nach der Reise nachvollziehen, was er anderen gebe, so der Filmemacher. "Für Dominic ist Maria eine Art Dialogpartnerin, eine Instanz, an die er sich wenden kann. Der Glaube gibt ihm Orientierung und Kraft."
Eine Szene ist für Henkenhaf besonders eindrücklich: Im Film wird nämlich gezeigt, wie Dominic im Bernadette-Geburtshaus den Pfosten ihres Bettes küsst. "Danach hat er zu mir gesagt: 'Du hältst mich jetzt bestimmt für vollkommen verrückt.'" Henkenhafs Antwort darauf sei gewesen: "Ja, aber ich habe dich jetzt kennengelernt und verstanden, warum es dir so wichtig ist."
Viele Kranke pilgern nach Lourdes und hoffen auf Heilung
Einen Seitenblick richtet die Reportage auf Medjugorje in Bosnien-Herzegowina. Lea (25) aus Ulm, Studentin der mathematischen Biochemie, wird dort bei einem Jugendfestival mit rund 70.000 Teilnehmern begleitet. Hier zeigt sich ein anderer Zugang zum Glauben als in Lourdes: weniger ritualisiert, stärker gemeinschaftlich geprägt, oft vermittelt über soziale Medien. Lea betont, ihr Glaube sei nichts, was sie anderen aufdrücke. Dennoch wünscht sie jedem, die Stimmung in Medjugorje einmal zu erleben.
In dem Ort in Bosnien-Herzegowina soll Maria erstmals 1981 zu sechs Bauernkindern gesprochen haben – und es bis heute tun. Die Kirche tat sich lange schwer damit und hat die dortigen Erscheinungen nie eindeutig anerkannt. Den Pilgerströmen indes tat dies nie einen Abbruch. Vor zwei Jahren änderte der Vatikan schließlich seine Kriterien für die Anerkennung eines Marienwallfahrtsorts. Entscheidend ist seither weniger die objektive Echtheit der Erscheinungen als deren pastorale "Früchte". Die Glaubensbehörde prüft primär, ob von dem Ort positive Auswirkungen auf das geistliche Leben ausgehen. Medjugorje erhielt in diesem Zuge das "Nihil obstat", den römischen Stempel, dass nichts im Wege steht.
Keine Debatte befeuern
Das Thema Marienerscheinungen polarisiert – teilweise auch innerhalb der katholischen Kirche. Diese Debatte wollen die Autoren mit dem Film nicht befeuern. "Mir war wichtig, in dem Film nicht wertend zu sein", sagt Kira Gantner. "Deshalb haben wir bewusst auf einen Sprechertext aus dem Off verzichtet." Für die Einordnungen oder eher Erläuterungen sorgt die Grazer Religionswissenschaftlerin Nicole Bauer, die über die historischen Hintergründe und die Entwicklung des Phänomens der Marienerscheinungen spricht. Manche kritischen Aspekte blendet sie dabei nicht aus. Beispielsweise die Anfälligkeit des Erscheinungsglaubens für Betrügereien – oder spirituellen Missbrauch.
Der Film will jedoch in erster Linie die Menschen zeigen, die an Marienerscheinungen glauben – und was dieser Glaube für sie bedeutet. Dominic selbst zieht dabei eine Parallele zur Fußball-Leidenschaft: "Beides ist bedingungslose Liebe. Beides kann dem Leben einen Sinn geben." Wobei für ihn klar ist, dass der Glaube an Marienerscheinungen auf einer deutlich höheren Stufe steht. Und offenbar hat die Reise auch etwas mit seinen Töchtern gemacht, wie sich ganz am Ende des Films zeigt.
Reportage "Holy Mary"
Der Film ist ab sofort in der ARD-Mediathek abrufbar.