42-jährige Ordensfrau: Früher war Klausur viel strenger

Schwester Regina Greefrath ist mit 42 Jahren die Jüngste in ihrer Gemeinschaft. Als Oberin kennt sie Meinungsverschiedenheiten im Konvent. Früher waren die Regeln im Kloster strenger. Doch manche Traditionen gelten bis heute. Ein Interview.
Frage: Schwester Regina, Sie sind Oberin der Augustiner Chorfrauen in Essen. Wieviele Schwestern leben mit Ihnen zusammen?
Schwester Regina: Wir sind sechs Schwestern im Kloster. Ich mag meine kleine Gemeinschaft und möchte nicht woanders leben. Als ich eintrat, waren wir noch 19 Schwestern. Seitdem ist die Gemeinschaft kleiner und familiärer geworden. Jede Schwester trägt das zur Gemeinschaft bei, was sie kann. Wir Schwestern gestalten unseren Alltag gemeinsam und sprechen möglichst alles miteinander ab. Die jüngeren Schwestern kümmern sich um die älteren, die älteren tragen uns durch ihr Gebet und ihre Mithilfe. Es gibt immer wieder Zeiten, in denen es nicht einfach ist wie in jeder Familie. Ich setze auf einen Dialog auf Augenhöhe. Wichtig ist, dass man etwa bei Meinungsverschiedenheiten einander zuhört und sich austauscht und dann gemeinsam Entscheidungen trifft, die für alle tragbar sind.
Frage: Welche Meinungsverschiedenheiten gibt es zum Beispiel bei Ihnen in der Gemeinschaft?
Schwester Regina: Da kann eine meiner älteren Mitschwestern, die schon seit über 70 Jahren in unserem Kloster lebt, mehr dazu erzählen. Viele Dinge, die für uns jüngere Schwestern heutzutage selbstverständlich sind, waren damals, als meine Mitschwestern in unserem Alter waren, nicht denkbar. Früher war zum Beispiel die Klausur viel strenger. Die Schwestern durften nicht rausgehen, wann sie wollten. Eine Schwester hat erzählt, dass ihre leibliche Schwester geheiratet hat und sie nicht zum Fest durfte. Auch durften die Schwestern nicht einmal zur Beerdigung der eigenen Eltern das Kloster verlassen. Das wussten sie allerdings bei ihrem Eintritt. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde manches vereinfacht und gelockert.
Frage: Was ist denn zum Beispiel so eine Lockerung?
Schwester Regina: Beispielsweise gab es früher ein Gitter, das den Kirchenraum vom Schwesternchor trennte. Ein Teil des Gitters existiert heute noch als Geländer, aber der Durchgang ist offen. Heute können wir das Kloster für private Unternehmungen verlassen. Dabei achten wir darauf, dass die Gebetszeiten und das Gemeinschaftsleben nicht zu sehr darunter leiden. Ab und zu machen wir auch Konventsausflüge. Technik und die Kommunikationsmedien haben bei uns ebenso im Laufe der Zeit Einzug gehalten. Ganz früher konnte man nur von der Pforte aus telefonieren. Dort gab es eine kleine Telefonzelle, in die private Gespräche von der Pfortenschwester durchgestellt wurden, nachdem sie die gewünschte Schwester erst einmal ausfindig machen musste. Dann bekamen wir vor vielen Jahren eine neue Telefonanlage, so dass die meisten Schwestern einen eigenen Festnetzanschluss im Arbeitszimmer hatten. Ich war die erste, die vor ihrem Eintritt schon ein Handy hatte. Das ist etwas, was heute nicht mehr wegzudenken ist.
Schwester Regina Greefrath steht im Habit vor dem Eingang ihres Klosters in Essen. An der Schule nebenan, einem Gymnasium, arbeitet sie als Lehrerin.
Frage: Sie tragen ein klassisches Ordenskleid mit großem Schleier. Ist das praktisch im Alltag?
Schwester Regina: Ich empfinde es nicht als Einschränkung und trage unser Ordenskleid sehr gerne. Es zeigt nach außen, was ich lebe und wofür ich stehe. Wenn ich im Urlaub bin, bei der Haus- und Gartenarbeit trage ich aber zivile Kleidung, weil das praktischer ist. Unsere Kleidung wurde mit der Zeit angepasst. Früher trugen unsere Schwestern noch Chormäntel zum Chorgebet. Heute ziehen wir im Sommer graue Ordenskleider mit weißem Schleier an. Das wäre früher nicht möglich gewesen.
Frage: Welche Kriterien haben Sie für Frauen, die sich für Ihr Kloster interessieren?
Schwester Regina: Eine Frau, die eintreten möchte, sollte das Leben mit all seinen Facetten bereits möglichst gut kennengelernt haben. Ich finde es wichtig, dass die interessierten Frauen vorher schon einmal beruflich und finanziell auf eigenen Füßen gestanden haben und für sich selbst verantwortlich waren. Eine Bewerberin muss psychisch und physisch stabil sein, denn der Eintritt in ein Kloster darf keine Weltflucht sein. Wer "in der Welt" nicht zurechtkommt, kommt im Kloster ebenso nicht zurecht. Und man sollte die Bereitschaft mitbringen, in der Gemeinschaft zu wachsen und zu reifen und unser Apostolat mitzutragen. Natürlich freuen wir uns über das Interesse an unserer Lebensform. Letztlich muss in der Gemeinschaft die Chemie stimmen: Fühlt sich die Person bei uns wohl, passt sie zu uns und kann sie bei uns ihre Berufung leben? Wenn jemand für sich erkennt, dass das Ordensleben hier nicht passt, dann ist es besser zu gehen. Dafür ist die Probezeit da. Diese Zeit ist als lockeres Kennenlernen zur Kontaktaufnahme gedacht, dann folgen weitere Schritte in eine immer größere Verbindlichkeit in die Gemeinschaft hinein. Später kommen dann das Noviziat sowie die zeitliche und ewige Profess.
Eine Klangschale im Chorgestühl der Klosterkirche der Augustiner Chorfrauen in Essen. Zur Zeit beten dort sechs Schwestern.
Frage: Wie kamen Sie selbst in Kontakt mit dem Kloster?
Schwester Regina: Ich war Schülerin an unserer Schule hier. Meine Ordensgemeinschaft ist Träger eines Gymnasiums, an dem derzeit etwa 1.320 Schüler unterrichtet werden. Wir sind von unseren Ordensgründern Pierre Fourier und Alix le Clerc beauftragt worden, uns um die Bildung und Erziehung der Jugend zu sorgen. Früher als Schülerin hätte ich mir nicht vorstellen können, ins das Kloster gleich nebenan einmal einzutreten. Ich kannte ein paar der Schwestern aus der Gemeinschaft, die in der Schule unterrichteten. Kurz vor meinem Abitur gab es das Angebot für Oberstufenschülerinnen, eine Woche lang mit den Schwestern mitzuleben. Das war die Initialzündung für mich. Nach dem Abitur habe ich Religion und Spanisch in Münster und Madrid studiert und war in den Semesterferien immer wieder im Kloster zu Besuch, um zu lernen und zu arbeiten. Dort spürte ich, wie sich die Fragen nach meiner Berufung, nach dem, was Gott mit mir vorhat, immer mehr in meinen Prüfungsstoff mischten. Ich fragte mich, ob das Leben hier in der Gemeinschaft etwas für mich wäre. Zunächst habe ich mich erschreckt, diesen Gedanken aber zugelassen. Mit 25 bin ich dann eingetreten, denn ich war fasziniert von den Gebetszeiten, dem Tagesablauf im Kloster, dem Gemeinschaftsleben und ich wollte mit den Schwestern und mit Gott leben. Heute unterrichte ich selbst Religion an unserer Schule.
Frage: Wie erging es Ihren Eltern, als sie erfuhren, dass Sie ins Kloster wollen?
Schwester Regina: Meine Eltern waren anfangs nicht so begeistert. Ich bin ihr einziges Kind, sie haben sich Enkelkinder gewünscht. Vielleicht hat anfangs bei ihnen die Vorstellung mitgeschwungen, dass man im Kloster weggesperrt wird. Heute sind sie aber zufrieden, weil sie sehen, dass ich hier glücklich bin. Ich habe meinen Weg ins Kloster bisher keinen Tag bereut. Mich trägt dieses Leben in meiner Gemeinschaft. Ich habe mich für diese Gemeinschaft entschieden und ihr Treue versprochen, in guten wie in schlechten Zeiten – ebenso wie sie mir. So etwas gibt man nicht einfach auf. In schwierigen Zeiten hilft es, sich daran zu erinnern, dass Berufung etwas Dialogisches ist und dass Gott diesen Weg mitgeht.