Standpunkt

Leos Enzyklika setzt einen Impuls für Veränderungen in der Kirche

Veröffentlicht am 10.06.2026 um 00:01 Uhr – Von Stefan Orth – Lesedauer: 

Bonn ‐ Wie geht die Kirche mit ihrer eigenen Lehre um? Darüber gibt es in der Enzyklika "Magnifica humanitas" von Papst Leo XIV. Neues zu entdecken, kommentiert Stefan Orth. Er blickt auf kirchliche Diskussionsthemen.

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Die Enzyklika "Magnifica humanitas" von Papst Leo XIV. ist in jeder Hinsicht bemerkenswert. Das gilt nicht nur für das zentrale Thema Künstliche Intelligenz, das maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass das erste große eigenständige Lehrschreiben des neuen Papstes innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche so überraschend einhellig positiv aufgenommen wurde.

Die erste Enzyklika eines Papstes ist immer auch ein programmatisches Schreiben, das Auskunft über den Stil des Pontifikats gibt. So auch in diesem Fall: Leo XIV. bettet – wie angesichts der Wahl seines Names zu erwarten war – sein Thema KI in die Geschichte der katholischen Soziallehre ein. Natürlich dürfen dann auch Hinweise zur Bedeutung von mehr Synodalität für die katholische Kirche nicht fehlen, sieht der Papst doch hier Möglichkeiten, die mit Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse angemahnte Partizipation aller auch innerhalb der eigenen Entscheidungsprozesse zu stärken.

Besonders bemerkenswert sind vor diesem Hintergrund die Passagen über die sich wandelnde Bewertung der Sklaverei durch die Kirche. Leo XIV. zeigt sich selbstkritisch, gesteht ein, dass man hier viele Jahrhunderte teilweise auf der falschen Seite gestanden und sich erst spät zu einer eindeutigen Verurteilung dieser Praxis durchgerungen habe. Aus guten Gründen, weil das Hochhalten der Menschenwürde aller in der Bibel grundgelegt sei.

Die Pointe bei Leo ist seine Definition der Möglichkeit der Weiterentwicklung der katholischen Lehre. "Erst im 19. Jahrhundert finden wir eine formale, absolute und universale Verurteilung der Sklaverei, insbesondere bei Leo XIII." Dies sei, so heißt es ausdrücklich, "ein klares Beispiel für das wachsende Verständnis der Kirche hinsichtlich der ewigen Wahrheiten der Offenbarung, die sie bewahrt", heißt es in Nummer 176 von "Magnifica humanitas". Natürlich geht es also bei der Offenbarung um "ewige Wahrheiten". Aber offenkundig müssen sie manches Mal erst noch in ihrer Fülle entdeckt werden und sind nicht einfach an Evangelium und Tradition abzulesen. Es fallen einem gleich mehrere Themen ein, die mit Blick auf die gleiche Würde aller Katholikinnen und Katholiken ganz in diesem Sinne behandelt werden könnten. Leo XIV. hat hier einen bedeuten Impuls für die anstehenden Diskussionen gegeben.

Von Stefan Orth

Der Autor

Dr. Stefan Orth ist Chefredakteur der "Herder Korrespondenz".

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.