Herrgottskinder – Die Elternkolumne

Bange Stunden des Wartens und eine Kerze der Hoffnung

Veröffentlicht am 15.06.2026 um 19:00 Uhr – Von Steffen Zimmermann – Lesedauer: 

Berlin ‐ Die kleine Tochter von Steffen Zimmermann musste vor Kurzem operiert werden. Für die Ärzte war das Routine, für die Familie dagegen eine große Belastung. Wie Menschlichkeit und eine Kerze durch bange Stunden trugen.

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Als vor einigen Wochen klar wurde, dass unsere kleine Tochter im Herzzentrum der Berliner Charité operiert werden muss, haben meine Frau und ich etwas getan, was Eltern in solchen Situationen vermutlich oft tun: Wir haben versucht, unsere Sorgen wegzuorganisieren. Wir sammelten Informationen, wir stellten den Ärzten Fragen. Und wir hörten zu, als sie erklärten, dass das Risiko gering sei. Dass die Operation Routine sei. Dass man die angeborene Fehlbildung besser jetzt behebe als irgendwann später, wenn sie möglicherweise Probleme verursache. All das war vernünftig. Doch all das half nur begrenzt.

Denn irgendwann steht man als Eltern vor einer Entscheidung, die zwar medizinisch richtig erscheint, sich emotional aber trotzdem falsch anfühlt. Unsere Tochter hatte keinerlei Beschwerden. Sie tobte, spielte und lachte wie jedes andere Kind. Und dennoch sollten wir sie in einen Operationssaal bringen lassen, damit Chirurgen an ihr herumschneiden konnten.

Hoffen, beten und eine Kerze

Am Tag der Operation wurde aus der abstrakten Sorge Realität. Der Eingriff, so viel war vorher klar, sollte mehrere Stunden dauern. Stunden, in denen meine Frau und ich nichts tun konnten. Oder genauer gesagt: nichts tun konnten, was Einfluss auf den Verlauf der Operation hatte. Also liefen wir über das weitläufige Klinikgelände. Wir tranken Kaffee. Wir lasen. Wir schauten immer wieder auf die Uhr.

Vor allem aber saßen wir lange in der Krankenhauskapelle. Dort zündeten wir eine Kerze für unsere Tochter an. Ich weiß, dass manche Menschen mit solchen Gesten wenig anfangen können. Eine Kerze verändert keine medizinischen Befunde, sie verkürzt keine Operationszeit und ersetzt keine hochqualifizierten Chirurginnen und Chirurgen. Und trotzdem war sie für uns wichtig. Vielleicht, weil sie sichtbar machte, was wir in diesem Moment nicht mehr selbst in der Hand hatten. Vielleicht, weil sie uns daran erinnerte, dass Hoffen und Beten manchmal das Einzige ist, was noch bleibt.

Bild: ©Tobilander/Fotolia.com (Symbolbild)

Während im Operationssaal Ärzte, Pfleger und Schwestern ihre Arbeit machten, saßen Steffen Zimmermann und seine Frau in der Krankenhauskapelle und vertrauten darauf, dass ihre Tochter gut aufgehoben war.

Während im Operationssaal Ärzte, Pfleger und Schwestern ihre Arbeit machten, saßen wir in der Kapelle und versuchten darauf zu vertrauen, dass unsere Tochter gut aufgehoben war – in menschlichen Händen und in Gottes Hand. Und tatsächlich ging zum Glück alles gut. Die Operation verlief erfolgreich und die Genesung ging sogar schneller als erwartet. Schon nach wenigen Tagen war unsere Tochter wieder erstaunlich fit. Wer Kinder hat, weiß: Wenn sie anfangen, die Krankenhauswelt jenseits ihres Zimmers entdecken zu wollen und über das Essen zu meckern, ist das oft ein gutes Zeichen.

Mindestens ebenso beeindruckt hat mich aber noch etwas anderes. In den Tagen auf der Intensiv- und später auf der Normalstation begegneten wir vielen Menschen: Ärztinnen und Ärzten, Pflegekräften, Therapeutinnen und Therapeuten, Reinigungspersonal. Sie alle hatten unterschiedliche Aufgaben. Gemeinsam hatten sie, dass sie freundlich waren, geduldig und ansprechbar. Gerade in einer Situation, in der man sich als Eltern oft unsicher fühlt, macht das einen enormen Unterschied. Ein erklärendes Gespräch. Ein aufmunterndes Wort. Die selbstverständliche Bereitschaft, auch die dritte Nachfrage noch freundlich zu beantworten.

Licht in einem dunklen Moment

Im Alltag bezeichnen wir Menschen, die etwas Gutes tun, ja gerne mal als "Engel" – manchmal vielleicht vorschnell. Aber wenn Menschen so professionell und menschlich ihre Arbeit machen, wie unsere Familie das im Krankenhaus erlebt hat, dann bekommt man eine Ahnung davon, wie Nächstenliebe ganz praktisch aussehen kann.

Unsere Tochter ist inzwischen wieder zu Hause – gesund und munter. Der Alltag hat uns zurück. Wir sind sehr erleichtert und dankbar. Und wenn ich heute an die Stunden der Operation zurückdenke, erinnere ich mich nicht nur an die Angst. Ich erinnere mich auch an die kleine Kerze in der Krankenhauskapelle – und daran, wie viel Licht sie meiner Frau und mir in einem dunklen Moment gespendet hat.

Von Steffen Zimmermann