Liturgiewissenschaftler: Stehen ist liturgische Grundhaltung

"Lasst uns niederknien vor dem HERRN, unserem Schöpfer!" Der aus Psalm 95 entnommene Titel des Hirtenbriefs von Sydneys Erzbischof Anthony Fisher deutet schon auf seinen Inhalt hin: Der Geistliche will in seiner Erzdiözese die Bedeutung des Kniens wieder mehr fördern. Der Innsbrucker Liturgiewissenschaftler Liborius Olaf Lumma beschäftigt sich mit Körperhaltungen in der Liturgie. Im katholisch.de-Interview spricht er darüber, warum in der Messe eher weniger gekniet werden sollte.
Frage: Herr Lumma, der Erzbischof von Sydney hat in einem Hirtenbrief die knieende Gebetshaltung sehr hervorgehoben. Welche Bedeutung hat das Knien in der katholischen Frömmigkeit?
Lumma: Es hat eine sehr große Bedeutung und eine große Tradition. Es ist aber ein vergleichsweise spätes Phänomen, das sich erst gegen Ende des ersten Jahrtausends so verbreitet hat, wie wir es heute kennen.
Frage: Das Knien hat aber eine biblische Grundlage. Auch Jesus hat sich zum Gebet niedergeworfen.
Lumma: Das stimmt, es gibt da eine biblische Tradition – es gibt aber eine andere, noch viel stärkere biblische Tradition. Und diese besteht darin, dass der Mensch im Stehen betet und sich dabei mit dem Blick und mit Hand- und Armhaltung zum Himmel ausstreckt. Der aufrechte Gang ist etwas typisch Menschliches und die biblische Bilderwelt – wie viele andere religiöse Traditionen auch – verortet Gott oben, im Himmel, mehr noch: über den Himmeln. So wird das Stehen sozusagen zur biblischen Standardhaltung beim Gebet: Der Mensch streckt sich in seiner Leiblichkeit zwischen Erde und Himmel aus. Zudem ist mit dem Niederknien in der Bibel nicht die Gebetshaltung gemeint, die wir heute in der katholischen Kirche kennen. Damit ist vielmehr gemeint, dass man sich mit dem ganzen Körper flach auf den Boden wirft oder zumindest den Körper ganz zu Boden neigt – ähnlich, wie wir das in den Ostkirchen und im Islam heute noch kennen, während es in römisch-katholischen Liturgien eher selten vorkommt. In biblischen Erzählungen ist dieser Gestus des Niederwerfens ganz speziellen Gelegenheiten vorbehalten, zum Beispiel Erfahrungen von Schuld, Trauer und Verzweiflung oder wenn ein Mensch von einem überwältigenden Ereignis im wahrsten Sinne des Wortes zu Boden geworfen wird.
Körperhaltungen in der Liturgie gehörten zu seinem Fachgebiet: Liborius Olaf Lumma arbeitet am Institut für Bibelwissenschaften und Historische Theologie der Universität Innsbruck. Er ist zudem Studiendekan der Katholisch-Theologischen Fakultät.
Frage: Was ist denn der Grund dafür, dass das Knien in der lateinischen Kirche eingeführt wurde?
Lumma: Meines Wissens gibt es keine Quelle, die das eigens rechtfertigt oder begründet. Wir können aber rekonstruieren, dass besonders in der Karolingerzeit im 8. und 9. Jahrhundert, als das westeuropäische Christentum immer stärker die Ausdrucksformen germanischer Völker annahm, die Vorstellung verbreitet war, dass Knien eine besonders angemessene Haltung gegenüber Gott sei. Wenn sich der Mensch klein macht, bezeugt er die Größe Gottes und betet Gott an. Es ist dann offenbar sehr wichtig gewesen, so oft wie möglich zu knien. Es gibt aus dieser Zeit kirchliche Ordnungen, die das Knien zum Beispiel bei den Einsetzungsworten in der Messe vorschreiben – aber nicht am Sonntag.
Frage: Warum?
Lumma: Anders als im Deutschen gibt es in den biblischen Sprachen keinen Unterschied zwischen "Aufstehen" und "Auferstehen". Deswegen ist das aufrechte Stehen sozusagen ein leiblicher Ausdruck des Auferstehungsglaubens. Das erste Konzil von Nizäa im Jahr 325 hat daher das Knien an Sonntagen und in der gesamten Osterzeit verboten. Der Hintergedanke war, überspitzt formuliert, dass jemand, der kniet, den Auferstehungsglauben nicht ernst nimmt. Trotzdem hat das Knien dann, wie gesagt, nach und nach doch in der westlichen Welt Einzug in die Liturgie gehalten, auch am Sonntag. In ostkirchlichen Liturgien ist das Knien aber bis heute unüblich, vor allem in der Eucharistiefeier, weil diese immer die Erlösung des Menschen feiert, der im Auferstehungsglauben aufgerichtet wird. Sich hinzuknien oder sich zu Boden zu werfen ist eher ein persönlicher, mehr spontaner Gebetsgestus, in der gemeinsam gefeierten Liturgie kommt er nur zu speziellen Gelegenheiten vor.
Frage: Sind die unterschiedlichen Körperhaltungen unterschiedlich "wertvoll"? Ist Knien würdiger als beispielsweise Sitzen?
Lumma: Es gibt in der katholischen Kirche auch heute die Tendenz, das Knien als besonders angemessene, möglichst oft einzunehmende Haltung gegenüber Gott anzusehen. Ich würde da aber nicht von wertvoll oder weniger wertvoll sprechen, sondern eher von unterschiedlichen Gewohnheiten und Selbstverständnissen im Umgang mit dem eigenen Körper.
„Das Knien ist – so überraschend das in unseren Breiten sein mag – in der Messe nicht verpflichtend. Die Messe wird im Stehen gefeiert.“
Frage: Aber wie sieht die Kirche das? Ist das Knien in der Liturgie heute denn optional oder gibt es auch Stellen, wo das Knien verpflichtend ist?
Lumma: Das Knien ist – so überraschend das in unseren Breiten sein mag – in der Messe nicht verpflichtend. Die Messe wird im Stehen gefeiert. Das ist die liturgische Grundhaltung. Zu bestimmten Gelegenheiten ist das Sitzen vorgesehen, das dem ruhigen Zuhören dient, beispielsweise bei den Lesungen und der Predigt. Es gibt dann aber die Bestimmung, dass man zu den Einsetzungsworten knien soll, wobei man "aus vernünftigen Gründen" auch stehen bleiben kann. Die neueste Version des Messbuchs in lateinischer Sprache formuliert diese Soll-Bestimmung deutlich energischer und weitet sie bis zum Ende des Hochgebetes aus, aber nur, wenn das ortsüblich ist. Aber das Knien über den kurzen Moment der Einsetzungsworte hinaus neu einzuführen oder gar durchgängig während der Messe zu knien, ist nicht gewollt.
Frage: Warum gibt es denn in der Liturgie überhaupt unterschiedliche Körperhaltungen?
Lumma: Liturgie ist ein dynamisches Geschehen mit einer eigenen inneren Logik. Die Liturgie hat Zielpunkte, auf die sie hinsteuert, zugleich gibt es in der Liturgie ruhigere Phasen. All dies wird mit dem Körper ausgedrückt und erlebt. Wir sind nun einmal Menschen mit Leib und Seele, Äußeres und Inneres stehen in Beziehung zueinander. Das kann man nicht voneinander trennen. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) hat ausdrücklich gefordert, dass bei der Liturgiereform auch die Körperhaltungen geordnet werden sollen. Gemeinsam eingenommene Körperhaltungen sind leiblicher Ausdruck der Gemeinschaft im Glauben. Übrigens verlangt die Liturgie eigentlich mehr Platz für Bewegung, als in traditionellen Kirchenbänken oft möglich ist.
Frage: Was meinen Sie damit?
Lumma: Jede einzelne Person braucht eine gewisse Fläche, auf der sie sich hin- und herbewegen und den Blick und den ganzen Körper in verschiedene Richtungen wenden kann. Wenn der Bischof mit den liturgischen Diensten durch das Hauptportal einzieht, sollten sich alle Versammelten zu dieser Einzugsprozession hinwenden können. Bei der Predigt sollen sich alle dem Ambo zuwenden, beim Hochgebet dem Altar und so weiter. Kirchenbänke lassen solche Bewegungen oft aber überhaupt nicht zu.
Will das Knien wieder ins Zentrum rücken: Erzbischof Anthony Colin Joseph Fisher aus Sydney. "Manche Menschen halten das Knien für erniedrigend, für das Kriechen eines Sklaven", schreibt er in seinem Hirtenbrief. Doch es sei ein Zeichen der Ehrfurcht, Dankbarkeit, Anbetung und des Vertrauens.
Frage: Erzbischof Anthony Fisher sprach sich in seinem Hirtenbrief dafür aus, die Kniebänke dort wieder einzurichten, wo diese nicht mehr vorhanden sind …
Lumma: Es ist aus meiner Sicht ein ökumenischer Rückschritt, wenn man das wieder breit etablieren will, nachdem wir doch gerade das Stehen als Grundhaltung wiederentdeckt haben. Diese Haltung war besonders der frühen Christenheit wichtig, lange bevor es zur Spaltung zwischen westlichen und östlichen Kirchen gekommen ist. Fest installierte Kniebänke schränken auch die Bewegungsmöglichkeiten des Körpers in der Liturgie ein. Wirklich gebraucht würden sie doch nur in den kurzen Momenten der Einsetzungsworte, und warum sollte man dann nicht direkt auf dem Boden knien, was dem ursprünglichen Sinn des Niederwerfens ohnehin viel besser gerecht wird? Die Entwicklung sollte aus meiner Sicht in eine andere Richtung gehen.
Frage: Sollten Katholikinnen und Katholiken also nicht mehr knien, so wie der Erzbischof in Sydney sich das wünscht?
Lumma: Ich finde, Katholikinnen und Katholiken sollten vor allem in der Messe in erster Linie das Stehen wiederentdecken, weil das die Möglichkeit gibt, mit dem eigenen Körper und der eigenen Existenz an so viele biblische Erzählungen vom aufrecht stehenden, aufgerichteten Menschen anzuschließen. Außerdem ist das Stehen in der Liturgie ausgehend vom ersten Konzil von Nizäa das gemeinsame ökumenische Erbe aller großen Kirchen. Das halte ich für den größeren Wert, der unbedingt wiederentdeckt werden soll. Ich will das Knien damit aber keineswegs schlechtreden. Es hat seinen Platz dort, wo man sich in einer konkreten Situation der eigenen Schwäche und Bedürftigkeit bewusst wird und Gott in seiner überwältigenden Größe anbetend oder bittend gegenübertritt. Das kann beim persönlichen Gebet zuhause oder in der Kirche sein, dann kann auch gemeinschaftlich bei der eucharistischen Anbetung sein oder bei einem Bußgottesdienst oder einem Segensritus. Es gibt allerdings eine Entwicklung in der katholischen Kirche, die ich eher unglücklich finde.
Frage: Welche denn?
Lumma: Ich finde es sehr bedauerlich, dass in vielen Gemeinden ausgerechnet beim Hochgebet so viele unterschiedliche Haltungen eingenommen werden. Dadurch tritt das Gemeinsame in den Hintergrund und das Ganze wird zu einer Art Demonstration persönlicher Frömmigkeit. Genau das wollte das Konzil aber vermeiden. Wie man das lösen kann, wird wahrscheinlich von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich ausfallen. Jedenfalls ist es schade, wenn ausgerechnet im Zentrum der Liturgie ein Nebeneinander, manchmal sogar Gegeneinander verschiedener Gesten entsteht, anstatt Einheit zu stiften, die auch in der Körperhaltung erfahren wird.