Leo XIV. setzt in Spanien politische Akzente

Schöne Bilder, klare Worte: Der Papst zwischen Gaudí und Migranten

Veröffentlicht am 12.06.2026 um 17:44 Uhr – Von Sabine Kleyboldt (KNA) – Lesedauer: 

Madrid ‐ Während die EU ein neues Asylsystem in Kraft setzt, verneigt sich Papst Leo XIV. auf den Kanaren vor der Würde von Migranten. Auch dieses Thema seiner Spanienreise geht er differenziert an – und beeindruckt.

  • Teilen:

Leicht befangen stehen die jungen Afrikaner vor ihren einheitlich bezogenen Stockbetten. Einer nach dem andern reicht dem Papst die Hand. Der lächelt jeden kurz an, während er durch das Zelt des Zentrums "Las Raíces" auf Teneriffa schreitet. Hier erhalten Menschen einen Schlafplatz, die es über die riskante Atlantikroute aus Afrika auf die Kanaren und damit nach Europa geschafft haben.

Just an dem Tag, als sich die EU mit einem einheitlichen Asylsystem gegen irreguläre Zuwanderung wappnet, würdigt Leo XIV. am Hotspot Kanaren Migranten und jene Menschen, die ihnen bei Aufnahme und Integration helfen. Seine Visite auf den beliebten Urlaubsinseln nutzte der Papst für klare politische Botschaften. Bei den Begegnungen in Gran Canaria und Teneriffa forderte er, Migranten so aufzunehmen, dass "der Fremde von gestern der Bruder und Nachbar von heute sein kann".

Papst: Keine Parallelgesellschaften bilden

Umgekehrt appellierte Leo XIV. an die Männer und Frauen aus Westafrika sowie aus Lateinamerika oder von den Philippinen, keine Parallelgesellschaften zu bilden: Sie sollten die Sprache lernen, Gesetze respektieren, am gemeinsamen Leben teilnehmen und ihre Talente einbringen.

Bild: ©KNA/Vatican Media/Romano Siciliani

Die Rede von Papst Leo XIV. vor dem spanischen Parlament war ein politischer Meilenstein.

"Jede Aufnahmegesellschaft hat Pflichten gegenüber den Ankommenden; und wer aufgenommen wird, entdeckt seinerseits, dass die als Recht anerkannte Würde dann zur Entfaltung kommt, wenn sie zu Verantwortung und zum aufrichtigen Wunsch wird, gemeinsam mit den anderen etwas aufzubauen", sagte der Papst. Zuvor hatte er an mehreren Orten Berichte von oft erschütternden Migrantenschicksalen gehört. Von Zwangsprostitution, von Ausbeutung durch Menschenhändler – die er mit besonders scharfen Worten geißelte und zur Umkehr aufrief.

Auch dürften Politik und Gesellschaft angesichts der vielen ertrunkenen Migranten nicht gleichgültig bleiben, betonte der Papst. "Jedes Leben, das auf diesen Routen verloren geht, ist ein Versagen der Menschheitsfamilie." Nach UN-Angaben starben seit Jahresbeginn über 1.270 Migranten auf dem Seeweg nach Europa. Im Andenken an sie warf Leo XIV. am Donnerstag am "Hafen der Schande" auf Gran Canaria ein Blumengebinde in die Wellen.

Eindrückliche Bilder auch in Madrid und Barcelona

Eindrückliche Bilder gab es auch in Madrid und Barcelona: die große Fronleichnamsmesse am Sonntag in Madrid, zu dem mit der spanischen Königsfamilie 1,2 Millionen Menschen kamen. Die Gebetsnacht am Samstagabend mit 600.000 jungen Menschen, bei denen der Papst besonders vital auftrat. Die Begegnung mit Menschen aus Sport, Kultur und Gewerkschaften in der Movistar-Arena oder das ausgelassene Massenevent mit 80.000 Katholiken im Bernabéu-Stadion.

Ein politischer Meilenstein war die Rede vor dem spanischen Parlament. Als erster Papst warb Leo XIV. für Versöhnung und Respekt in dem politisch tief gespaltenen Land. Und das, obwohl die Kirche dort gerade Gegenwind wegen ihrer nur schleppenden Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt erlebt. Am Ende erhielt Leo XIV. stehende Ovationen aller Fraktionen – sieben Minuten lang. So lang wurde in den Cortes Generales noch nie applaudiert.

Papst Leo XIV. besucht Kloster Montserrat
Bild: ©KNA/Vatican Media/Romano Siciliani

Papst Leo XIV. bei seinem Besuch im Bergkloster Montserrat.

In Katalonien, wo er zur Freude der Katalanen immer wieder die Regionalsprache nutzte, weihte Leo XIV. den höchsten Kirchturm der Welt ein – den 172,5 Meter hohen Christusturm der Sagrada Família. Bei dem feierlichen Gottesdienst in Barcelona am 100. Todestag von Baumeister Antoni Gaudí erlebte der Papst eine Show aus Licht, Musik und Feuerwerk, von der man noch bis zur Fertigstellung der Kirche in vielleicht zehn Jahren sprechen mag.

Rosenkranzgebet im historischen Bergkloster

In die Höhe zog es ihn auch, als er im historischen Bergkloster Montserrat ein Rosenkranzgebet hielt. Bei einem Abendgebet mit 40.000 jungen Erwachsenen im Olympiastadion von Barcelona schließlich wurden vor ihm achtstöckige "Menschentürme" errichtet, eine akrobatische Meisterleistung, bei der sich jeder Kletterer auf den andern verlassen muss, während man in schwindelerregende Höhen steigt. 

Wo immer Leo XIV. auftauchte, ertönte die Hymne des Papstbesuchs "Alzad la mirada – Hebt den Blick nach oben", ein Ohrwurm. Auch der seit 13 Monaten amtierende Papst drehte nach einem eher verhaltenen Amtsbeginn sichtlich auf, gewann weiter an Sicherheit und Kraft. Viele beeindruckte er durch offene Herzlichkeit, ohne anbiedernd zu wirken, eine Diplomatie, die niemals nichtssagend bleibt, eine Klugheit, die nicht belehrend wirkt, und eine Frömmigkeit, die Andersdenkende nicht ausschließt.

Von Sabine Kleyboldt (KNA)