"Index der verbotenen Bücher" vor 60 Jahren abgeschafft

Als die Kirche ihren Anspruch auf Wissenskontrolle aufgab

Veröffentlicht am 14.06.2026 um 12:10 Uhr – Von Christoph Arens (KNA) – Lesedauer: 

Bonn ‐ In den USA wurden 2025 Tausende Bücher aus Schulen und Bibliotheken entfernt. Dabei ist eine Kontrolle des Wissens in Zeiten von Internet und Digitalisierung kaum möglich. Der Vatikan hat schon vor 60 Jahren reagiert.

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Bücherverbrennungen? Bücherverbote? Sind das nicht Begriffe aus dunklen alten Zeiten? Glaubt man allerdings der amerikanischen Schriftstellervereinigung PEN, dann hat die Verbannung von Büchern aus Schulen und öffentlichen Bibliotheken in den USA in den vergangenen Jahren ein extremes Ausmaß angenommen.

Seit 2021 zählte der PEN etwa 23.000 Versuche von Organisationen wie der ultra-konservativen Heritage Foundation, Bücher aus Bibliotheken zu entfernen oder den Zugriff auf sie einzuschränken, vor allem in Florida, Texas und Tennessee. Die Liste der in Giftschränke verbannten Bücher umfasst mittlerweile mehr als viertausend Werke.

Auch Bibel-Lektüre eingeschränkt

Besonders betroffen: Publikationen, die sich mit Rassismus, Sklaverei, LGBTQI+ oder sozialer Gerechtigkeit befassen. Darunter auch Alice Walkers "Die Farbe Lila", J.K. Rowlings "Harry Potter", Stephen Kings Thriller "Carrie" oder A.A. Milnes "Pu der Bär". Und selbst die Bibel ist "wegen anstößiger und gewaltvoller Inhalte" teilweise erst Schülern der Oberstufe zugänglich.

Katholiken fühlen sich da gleich an den "Index der verbotenen Bücher" erinnert, mit dem ihre Kirche seit 1559 über 400 Jahre lang eine systematische Kontrolle über das Wissen und den explodierenden Büchermarkt ausüben wollte. Vor 60 Jahren, am 14. Juni 1966, setzte Papst Paul VI. die kirchliche Buchzensur dann offiziell außer Kraft.

Bild: ©KNA (Archivbild)

Auch Galileo Galilei stand auf dem Index.

Karl May fiel ebenso in den katholischen Bücherbann wie Immanuel Kant. Galilei stand genau so unter Zensur wie Sartre oder der Nazi-Ideologe Alfred Rosenberg. Selbst Päpste und Kirchenväter oder antike Schriften von Aristoteles und Platon ließen den Zensoren im Vatikan keine Ruhe. Seit 1564 wurde der Index regelmäßig aktualisiert. Wer als Katholik die gebranntmarkten Bücher las, beging eine schwere Sünde.

Dabei war die Bücherzensur kein Alleinstellungsmerkmal des Vatikans oder der Kirche: Schon im späten Mittelalter setzten Klöster und Universitäten, aber auch Kaiser und Könige Bücher unter Bann. Und schon in der Antike wurden Bücher verbrannt. Als Papst Pius V. 1559 den "Index librorum prohibitorum" veröffentlichen ließ, zentralisierte er nur eine verbreitete Praxis. Zuvor hatte Papst Paul III. 1542 sechs Kardinäle zu General-Inquisitoren ernannt und mit der Zensuraufsicht beauftragt. Ihr wichtigstes Ziel: die Verbreitung der protestantischen Lehre einzudämmen.

Für die Forschung freigegeben

Der bei Kritikern als "Lexikon der geistigen Gängelei" verschrieene Index erwies sich für die Forschung als Fundgrube über die geistigen Auseinandersetzungen der vergangenen Jahrhunderte. Es war Papst Johannes Paul II., der 1998 den Großteil der Index-Archive für die Forschung freigab. Dem Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf allerdings hatte der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger, schon 1992 erlaubt, Licht ins Dunkel der geheimnisumwitterten Archive zu bringen. Nicht nur die Listen verbotener Bücher finden sich in den Akten; auch die vielfach kontroversen Diskussionen der verantwortlichen Kardinäle und Kleriker sind dokumentiert.

"Natürlich ist das eine Geschichte des Versagens der katholischen Kirche", bilanzierte Wolf die kirchliche Buchzensur. Doch die Index-Kongregation sei keineswegs die "seelenlose und gleichgeschaltete Verdammungsmaschinerie" gewesen, wie sie von den Kritikern oft beschrieben wurde. Und keineswegs sei jedes Buch, das in Rom denunziert wurde, auch auf dem Index gelandet.

Professor Hubert Wolf ist Theologe und Kirchenhistoriker.
Bild: ©KNA/Harald Oppitz

Kirchenhistoriker Hubert Wolf forscht seit langem zu den verbotenen Büchern.

Wolf hat viele Episoden ausgegraben, die aus heutiger Sicht zum Schmunzeln anregen: So seien bis ins 19. Jahrhundert deutsche oder englische Autoren vielfach ohne Prüfung auf dem Index gelandet, weil es in Rom einfach niemanden gegeben habe, der "diese barbarischen Sprachen" verstanden habe. Im 16. und 17. Jahrhundert wurden Werke protestantischer Autoren einfach als Paket unter die verbotenen Bücher eingereiht.

Der Ordnungssinn deutscher Theologen war es dann, der um das Jahr 1900 eine tiefgreifende Reform des Index durchsetzte. Der Zensor und Redemptorist Michael Haringer erklärte, der Index sei "voller unzähliger und schlimmster Irrtümer". Er solle deshalb nur noch für Glaubensfragen zuständig sein. Das kirchliche Lehramt habe sich aus profanen Wissensbereichen zurückzuziehen.

Selbst unter vielen romtreuen Katholiken galt der Index zuletzt als alter Zopf, der abgeschnitten werden musste. Allerdings dauerte das noch bis 1966. Die letzte Ausgabe erschien 1948 mit mehr als 5.000 Buchtiteln. Papst Johannes XXIII. (1958–1963) lehnte jede weitere Indizierung von Büchern ab. Und der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Alfredo Ottaviani, erklärte, angesichts der Massen von Büchern, die täglich auf den Markt kämen, sei eine Überwachung unmöglich. Der katholische Anspruch auf ein Wissensmonopol wurde endgültig aufgegeben.

Von Christoph Arens (KNA)