Schwester Elisabeth Muche über das Sonntagsevangelium

"Fürchtet euch nicht!" – Der entscheidende Imperativ Jesu

Veröffentlicht am 20.06.2026 um 09:30 Uhr – Von Schwester Elisabeth Muche – Lesedauer: 
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München ‐ "Wir müssen gar nichts", sagte ein befreundeter Ordensmann einst zu Schwester Elisabeth Muche. Und doch steckt das Sonntagsevangelium voller Imperative.

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Vor einigen Jahren saß ich mit einem befreundeten Ordensmann beim Tee. Kurz nach beziehungsweise vor der Ordensausbildung interessierten wir uns weniger für Alltägliches als für das große Ganze. So führte uns das Gespräch von der psychosomatischen Klinik, in der ich gerade Praktikum machte, über den Jesuiten und Naturphilosophen Teilhard de Chardin bis zu den Textilfabriken in Bangladesch – zu alldem also, in dem wir leben, uns bewegen und sind, ohne irgendeine Lösung zu haben. Gott singen und spielen, das schien uns machbar. "Wir müssen gar nichts, Elisabeth", vermutete mein Gegenüber irgendwann: "Wir dürfen."

Ich glaube, dass das stimmt. Bis heute.

Nun finden sich im Evangelium – dem widersprechend – doch einige Imperative: "Komm!" und "Geh!". Die beiden mal vorweg. "Steh auf!", "Vergib!", "Verkaufe!", "Macht!", "Heilt!", "Tauft!". Vom "Missionsbefehl" lesen wir am Ende des Matthäusevangeliums (Mt 28). Das klingt eher nach Forderung als nach Vorschlag.

Und so auch im heutigen Sonntagsevangelium: "Redet!", "Verkündet!", "Bekennt!". Redet von dem, was ich euch im Dunklen sage. Verkündet auf den Dächern, was ich euch ins Ohr flüstere. Unwillkürlich stellt sich die Rückfrage: Wenn deine Botschaft so wichtig ist, warum flüsterst du dann? Warum verbirgst du dich, Gott, und überlässt uns die Arbeit? Warum setzt du nicht selbst die Wahrheit durch in deinen Geschöpfen?

Von Gottes edler Zurückhaltung irritiert, entsteht im kirchlichen Menschen das Gefühl verantwortlich zu sein. Für Gott. Das, logisch, überfordert. Der Erfolg der Botschaft wird zum Maßstab für mein Ego. Verbitterung keimt, Härte entsteht – gegen andere oder mich selbst. Und etwas in mir verkrampft.

Jesus selbst wählt einen anderen Weg. Er geht und redet und lebt einfach weiter. Er, der ja selbst die Botschaft ist, verschenkt sich unter die Menschen, gibt sich darin auf, lässt sich verformen, töten. Und flüstert unzerstörbar lebend durch verbarrikadierte Türen: "Fürchtet euch nicht."

Genau dieser Satz steht auch am Beginn des heutigen Evangeliums, der sich im apostolischen Eifer leicht überlesen lässt: "Fürchtet euch nicht." So wie die Spatzen in den Tag hineinleben, so soll auch euer Leben leicht sein. Getragen von meiner Wirklichkeit. Durchdrungen von meiner Weisheit. Froh, meinen Glanz zu finden, mitten in der Welt.

Gott kann der Welt nicht verloren gehen. Er kann nur in der Angst ersticken, zu wenig zu sein, zu wenig zu tun, zu viel zu müssen. Denn in dieser Angst erstickt das Brennen in der Brust, von dem auf den Dächern zu singen Gott uns schon vor der Ewigkeit berufen hat.

Von Schwester Elisabeth Muche

Evangelium nach Matthäus (Mt 10,26-33)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln: Fürchtet euch nicht vor den Menschen! Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird. Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet im Licht, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet auf den Dächern! Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann! 

Verkauft man nicht zwei Spatzen für einen Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen. Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.

Die Autorin

Schwester Elisabeth Muche gehört zur Kongregation der Helferinnen, ist in der Geistlichen Begleitung tätig und arbeitet als Psychotherapeutin in Berlin.

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