Warum junge Erwachsene neu zum Glauben finden
Auf den Spuren einer steigenden Anzahl von jungen Erwachsenen, die sich taufen lassen, hat eine Delegation der Deutschen Bischofskonferenz in der vergangenen Woche Frankreich besucht. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) hat Professorin Katharina Karl (Eichstätt) und Professor Jan Loffeld (Utrecht), die als Berater mit dabei waren, nach ihrer Bilanz der Reise gefragt:
Frage: Man hört immer wieder die Einordnung, die hohe Zahl der Erwachsenentaufen in Frankreich sei gar nicht so erstaunlich, weil dort weniger Kinder getauft werden. Was haben Ihnen Vertreter der Kirche in Frankreich dazu gesagt?
Karl: Die Kirche in Frankreich ist einerseits überrascht darüber, dass sich da etwas Neues zeigt, dass Menschen an die Türen klopfen. Unsere Gesprächspartner haben oft gesagt: Wir wissen gar nicht, wo die alle herkommen. Gleichzeitig ist völlig klar, dass der Trend der Säkularisierung sich deshalb nicht umdreht. Das ist keine Trendwende. Und trotzdem gibt es eine sehr große Zahl von Menschen, die bei der Kirche aufschlagen. Die wichtigste Frage dahinter ist: Was heißt das für die Pastoral, wie müssen sich die Gemeinden, die Bistümer darauf einstellen, dass diese Menschen mit ihren Fragen und Bedürfnissen einen Widerhall und Begleitung finden?
Loffeld: Ich hatte den Eindruck, dass diejenigen, mit denen wir gesprochen haben, die Rolle der Kirche in einer multireligiösen und multisäkularen Gesellschaft akzeptiert haben – dass sie eben nicht mehr die Mehrheit sind. Und in dieser Situation geht es ihnen um die konkrete Pastoral: Wie können wir diesen Leuten angemessen begegnen und was bedeutet das für uns und unseren Glauben.
Frage: Sie sagen, da kommen ganz viele Leute, auf die man jetzt irgendwie reagieren muss. Wo kommen die denn alle her?
Loffeld: Es wurden immer verschiedene Faktoren genannt. Natürlich spielt der Bereich der sozialen Medien eine Rolle, aber viele kommen auch noch aus christlich sozialisierten Familien. Es gibt auch sehr, sehr viele, die sich firmen lassen – Erwachsenenfirmung derjenigen, die schon getauft sind. Das sind genauso viele wie diejenigen, die nach der Erwachsenentaufe fragen. Auch die Weitergabe des Glaubens unter Gleichaltrigen spielt eine Rolle, wo die intergenerationale Weitergabe oder institutionelle Weitergabe des Glaubens schon seit ein bis zwei Generationen nicht mehr existiert. Manchmal spielen auch noch die Großeltern eine Rolle, die dann als Erinnerungspunkt angegeben werden. In diesem Jahr, als der Ramadan und die Fastenzeit am gleichen Tag begonnen haben, haben sich in Frankreich offenbar an Aschermittwoch viele gefragt: Die Muslime fangen jetzt mit ihrer Fastenzeit an – was ist denn bei uns eigentlich die Alternative, die in unserer Kultur zumindest lange gepflegt wurde?
Karl: Interessant ist, dass die Taufinteressenten in Frankreich alle sozialen Schichten durchbrechen. Es ist nicht so, dass die Kirche die prekäreren Schichten weniger erreicht – die Menschen kommen querbeet. Viele Menschen, die in Frankreich zur Kirche finden, sind auf der Suche nach Sinn. Manche auch in einer Sinnkrise: Sie fühlen sich durch vieles überfordert – und da ist dann plötzlich der christliche Glaube, der Antworten geben kann. In Frankreich besetzt die Kirche im säkularen Staat eher eine spirituelle Nische, während sie in Deutschland stärker mit den vielen sozialen Einrichtungen in Gesellschaft und Politik verwoben und wirksam ist. Die Menschen, die in Frankreich um die Taufe anfragen, suchen eine klare Ausrichtung, Sinngebung und Transzendenz. Manche berichteten, beim Gottesdienstbesuch hätten sie das Gefühl von Frieden gehabt. Mit der Erfahrung von Frieden und Ruhe finden sie eine gewisse Stabilität. Außerdem wurde uns über dezidierte Glaubenserfahrungen berichtet. Wenn Menschen mit solchen, fast schon mystischen Erfahrungen in die Kirchengemeinden kommen, müssen auch Begleiterinnen und Begleiter oft erst lernen, wie sie mit so etwas umgehen können.
Katharina Karl ist Professorin für Pastoraltheologie an der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU).
Loffeld: Auf einem internationalen Kongress im April zu diesem Thema habe ich gelernt, dass die Coronazeit in diesem Kontext auch eine diffuse Rolle spielt. Während der Lockdowns war Zeit, sich mit Sinnfragen auseinanderzusetzen – anders als im sonst hektischen und getakteten Alltag. Viele Taufbewerber haben außerdem eine lange Zeit hinter sich, in der sie sich mit Glaubensfragen beschäftigt haben, bevor sie in einer Gemeinde ankommen. Meist gibt es eine Vorphase, die die bzw. der Einzelne mit sich selber ausmacht. Dann gibt es eine Art Durchbruch. Diese Phasen können unterschiedlich lang sein.
Frage: Taufbewerber kommen zur Kirche über Social Media, vielen ist die Welt zu komplex und sie sind auf der Suche nach einfachen Antworten. Werden Menschen mit dieser Motivation nicht eher von evangelikalen Kirchen angesprochen als von der katholischen Kirche?
Karl: Das ist eine Spannung, die wir auch noch nicht ganz auflösen konnten. Einerseits ist eine klare Identität und ein Profil gesucht, aber mit einer maximalen Freiheit. Und interessanterweise empfinden die Menschen tatsächlich, dass der Katholizismus ihnen am ehesten diese Freiheit bietet. Einige haben verschiedene andere Konfessionen angeschaut – aber ihr Gefühl sagte: Hier sind meine Wurzeln. Im Spannungsfeld zwischen Identität, Klarheit und der persönlichen Freiheit und Entwicklungsmöglichkeit scheint für viele das Modell der katholischen Kirche attraktiv zu sein.
Loffeld: Für uns mag das erstmal komisch wirken, weil wir die Kirche hierzulande mit anderen Attributen verbinden, aber ich kenne genau das aus Holland. Die katholische Kirche besitzt hier auch aufgrund ihrer globalen Struktur mittlerweile für manche Jüngere nochmal eine eigene Attraktivität.
Frage: Sie sagten, was die Entwicklung mit den Gemeinden macht, sei eigentlich die Frage. Was haben Sie da erfahren und worauf müssen wir uns vorbereiten?
Karl: Die französische Kirche hat in den Katechumenatsstrukturen vorgesehen, dass es kleine Gruppen gibt, in denen die Menschen gesammelt werden. Für die Gemeinden ist das eine Herausforderung, weil nicht alle dafür offen sind. Da kommt vielleicht jemand Neues und wird gar nicht wahrgenommen. In Frankreich wird sehr viel mit den Riten und mit Symbolen gearbeitet. Mancherorts bekommen neue Leute eine bestimmte Ecke in der Kirche zugewiesen oder einen bestimmten Schal geschenkt, der als Erkennungszeichen dienen kann. Für jeden Bewerber, jede Bewerberin, gibt es eine Begleitperson. Da liegt natürlich die große Challenge: Wie werden die vorbereitet und begleitet? In Frankreich gibt es nicht viele Theologen und Theologinnen, weil die Kirche ganz anders strukturiert ist und übers Ehrenamt funktioniert.
Loffeld: Was mich beeindruckt hat, war, wie das Bewusstsein wächst, dass der Katechumenat nicht nur eine Vorbereitung auf die Taufe ist, sondern insgesamt auf ein christliches Leben hin gedacht wird. Hier passiert durch die erwachsenen Taufbewerber eine katechumenale Transformation: Zwei Taufbewerber würden etwa in einer Pfarrgemeinde einfach so mitlaufen. Wenn das aber auf einmal 25 wären, dann kann man das nicht mehr ignorieren. Dann ändern sich Strukturen, denn dann braucht man viel mehr Menschen, die sich eine Begleitung von Taufbewerbern zutrauen. Für die Seelsorgerinnen und Seelsorger, die wir gesprochen haben, war klar: Entweder wir machen jetzt diese katechumenale Transformation, die von unten kommt, mit und lassen uns durch den Anruf Gottes, der dahintersteht, transformieren – oder wir vertun diese Chance. Außerdem: Ich glaube, auch in Deutschland können wir lernen, die Menschen offen zu fragen: Was ist eigentlich deine Sehnsucht?, wie es uns ein Seelsorger erzählte. Und nicht von vornherein zu sagen: Wir wissen schon vorab, was deine Sehnsucht genau ist.
Jan Loffeld ist Professor für Pastoraltheologie an der Fakultät für katholische Theologie der Universität Tilburg im Nebenstandort Utrecht.
Frage: Was bedeuten ihre Erfahrungen für die Kirche in Deutschland? Die Zustände sind, wie Sie schildern, nicht komplett vergleichbar.
Karl: Für mich war das Interessante, Einzelbeobachtungen fruchtbar zu machen. Dazu gehört die Arbeit an einer Willkommenskultur in Gemeinden und an anderen pastoralen Orten. Das betrifft ja nicht nur Menschen, die sich für die Taufe interessieren, sondern auch andere. Gemeinde als Lebensraum zu verstehen, in dem man Erfahrungen teilt – ich glaube, es braucht eine Sensibilität für den Ausdruck von verschiedensten Glaubenserfahrungen noch mal anders thematisiert. Wir sollten die Frage nach Katechumenatswegen neu zustellen. Die deutschen Diözesen haben bewährte Stellen für Glaubensorientierung. Oft kommt hier eine ähnliche Frage auf, wie in Frankreich: Was passiert nach der Taufe mit den Menschen? Es kann vorkommen, dass sich jemand, der als Erwachsener getauft wird, danach sehr schwertut, in der Kirche eine Heimat zu finden – dabei geht es bei vielen, die sich bei der Kirche melden, gerade um eine Suche nach Beheimatung.
Wir diskutieren ja manchmal das Gegenteil, also dass wir merken, Pfarrgemeinden sind gerade nicht mehr Heimat, sondern lösen sich auf und können nicht mehr allein als pastorale Orte angesehen werden. Oder man kritisiert nicht ganz zu Unrecht eine Engführung oder Milieuverengung. Im Blick auf die Menschen mit ihren Anliegen sollte die Frage aber eigentlich sein: Was suchen die Leute, die kommen und in welcher Art und Weise kann darauf reagiert werden?
Loffeld: Was mich vor allen Dingen beeindruckt hat, ist die Erkenntnis, für wie viele neue oder ankommende Katholikinnen und Katholiken die örtliche Pfarrei der wichtigste pastorale Ort ist. In Frankreich haben wir gelernt, dass diese alten Strukturen jetzt für diese neuen Phänomene eine neue Funktion erhalten. Diese alten Strukturen funktionieren in Frankreich vielleicht in vielen Momenten nicht mehr – aber sie ganz abzuschreiben, wäre, wie das Kind mit dem Bade auszuschütten. Auch in Deutschland müssen wir gut gucken: Wie strukturieren wir unsere Pastoral so um, dass wir vor Ort antreffbar bleiben, auch für Leute, die völlig unwissend kommen. Ich erinnere mich an eine Geschichte, die von einem Taufbewerber erzählt wurde, der wochenlang um eine Kirche herumgelaufen ist, bis er irgendwann mal reingegangen ist. Was bedeutet das für unsere pastoralen Umstrukturierungsprozesse, dass wir natürlich digital und überörtlich, aber eben auch weiterhin analog und vor Ort antreffbar sein sollten?
In Deutschland treffen wir außerdem auch "getaufte Katechumenen" in der Sakramentenpastoral an. Also Leute, die formell getauft sind, aber die eine ähnliche Unwissenheit über das Ganze haben, wie diejenigen, die noch nicht getauft sind. Ich merke das immer selber, wenn ich Taufen feiere, wie groß dieser kulturelle Gap schon ist: Wenn man Menschen gut begleiten muss, dass sie beim Glaubensbekenntnis nicht etwa "ich widersage" antworten, weil für sie völlig inhaltsleer ist, was da abgefragt wird. Eben weil es nichts mehr mit ihrem eigenen Leben und Erleben zu tun hat. Das heißt, es könnte eine Herausforderung auch für uns sein, Sakramentenpastoral katechumenaler zu denken. Wir sollten mehrere Generationen mit einbeziehen, und stark von einer religiösen Unberührtheit ausgehen. Das haben wir in Frankreich gelernt. Interessant ist, dass auch schlechte Erfahrungen, die frühere Generationen zum Beispiel mit dem Beichtsakrament gemacht haben, heute einfach nicht mehr da sind.
„Ich hatte den Eindruck, dass diejenigen, mit denen wir gesprochen haben, die Rolle der Kirche in einer multireligiösen und multisäkularen Gesellschaft akzeptiert haben – dass sie eben nicht mehr die Mehrheit sind.“
Karl: Es ist eben nicht so, dass wir jetzt in Frankreich waren und jetzt ist klar: Das und das nehmen wir einfach rüber – das wäre illusorisch und das würde für Deutschland nicht passen. Wir sollten anerkennen, dass es in Deutschland in Zukunft mindestens zwei Formen geben kann: die einen, bei denen die Kinder getauft sind und die dann zur Erstkommunion gehen – und auf der anderen Seite die, die den Katechumenatsweg gehen.
Loffeld: Ich glaube, in Aus- und Fortbildung darf man Seelsorgerinnen und Seelsorger auch darüber, was der Katechumenat ist, nochmal informieren. Nicht, um sie auf einen Boom vorzubereiten, aber um zu sehen, dass es da in anderen Ländern etwas gibt, das einen transformativer Prozess erfordert.
Frage: Als weiteren Anknüpfungspunkt für Taufbewerber in Frankreich haben Sie die sozialen Medien genannt. Ist da in Deutschland noch Nachholbedarf?
Karl: Soziale Medien bedienen am stärksten ein Schwarz-Weiß-Schema und werfen die Frage auf, wie Influencer mit den Verantwortlichen in der Pastoral vernetzt werden können. Ich kann noch nicht absehen, inwieweit sich das tatsächlich als pastorales Mittel umsetzen ließe, denn das Phänomen von Influencing hat ja etwas stark grassrootmäßiges. Da gibt es noch viel zu entdecken – diese Dynamik entwickelt sich gerade noch.
Loffeld: Ja, und in dem Moment, wo es kirchlich eingemeindet wird, sind die Klickzahlen nicht mehr so hoch. Das heißt, Influencing lebt auch von einer gewissen Freiheit. Irgendwann melden sich von sogenannten christlichen Influencern angesprochene Leute nicht selten auch in der Pfarrei, zum Beispiel mit Fragen, die sie aus dem Bereich haben: Was davon ist wahr und was nicht? Sich darauf vorzubereiten, dass durch Jugendseelsorge oder offizielle Kanäle nochmal ein Check passiert, wenn verunsicherte Menschen widersprüchliche Sachen gehört haben, das wäre wichtig. Zum Beispiel bei Bibeldeutungen, die einerseits viele Klicks generieren, aber dann doch zu unserem modernen Denken nicht so ganz passen. Darauf könnte man sich auch in der Seelsorge einstellen, dass neben reiner Information auch wieder eine theologische Funktion gefordert ist, Dinge zu rekontextualisieren.
Frage: Was hat die Fahrt bei Ihnen bewirkt und worauf sollte sich die Kirche in Deutschland einstellen?
Karl: Ich habe für mich das Wort Gastfreundschaft neu entdeckt – wie schön es ist, trotz aller Verschiedenheit eine gastfreundliche Kirche zu erleben. Und auf der anderen Seite weiß ich gar nicht, worauf wir uns in Deutschland einstellen können. Wahrscheinlich gibt es Dinge, die uns überraschen werden. Unsere Zeiten sind so liquide, dass ich mitnehme, offen bleiben zu wollen für die verschiedensten Dinge, die auf die Theologie und die Kirche zukommen. Es geht nicht darum, vorschnell Schemata und Antworten zu haben oder einfach bei dem zu bleiben, was ich kenne oder denke.
Loffeld: Ich nehme die drei Begriffe mit: Erzählung, Erfahrung und Ritual. Es wäre nochmal theologisch anzuschauen, wie sie zueinanderstehen, weil das offenbar in vielen unserer Begegnungen und bei vielen Glaubenswegen eine Rolle spielt: Individuelle und sehr diverse Geschichten, die handfeste Erfahrung davon, dass ihnen etwas fehlt, was anderen nicht fehlt, wie sich das dann vermittelt mit der Perspektive der Glaubensgemeinschaft, ergänzt durch die Kraft der Rituale, die überzeitlich sind und anthropologisch etwas sehr Grundlegendes verkörpern. Ich glaube, wir müssen uns auch damit auseinandersetzen, dass es ein persönliches Einbrechen Gottes in ein Leben geben könnte, von dem Menschen uns in Frankreich sehr konkret berichtet haben. Wie lässt sich so etwas theologisch verantwortet denken? Das erfordert theologische Reflexion und könnte hochspannend werden.
