Die Jahreszeit, in der wir langsamer werden

Es ist Sommer: Trägt Gott Flipflops?

Veröffentlicht am 21.06.2026 um 09:00 Uhr – Von Schwester Gabriela Zinkl – Lesedauer: 
Impuls

Grafschaft ‐ Das Thermometer steigt auf über 30 Grad, es ist Sommer: Genau dann taucht Gott auf, schreibt Schwester Gabriela Zinkl – anders, als wir vielleicht denken: nicht in einem lauten Gewitter, sondern leise und sanft.

  • Teilen:

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

30 Grad zeigt das Thermometer für heute und die nächsten Tage. Das ist Grund genug für die ganze Nachbarschaft – und für uns Schwestern im Kloster –, auf Sommermodus umzuschalten. Sommer: Das sind surrenden Rasenmäher und Traktoren, der Duft von frisch gemähtem Heu, Cabriolets auf den Straßen und irgendwo aus einem offenen Fenster der Sound von "Sunshine Reggae". Sommer ist das Gefühl von Laissez-faire mit kurzen Hosen, Sommerkleidern, Sandalen und Nagellack in Koralle oder Glitzertürkis. Nicht zu vergessen das bunte Badetuch, der Liegestuhl oder die Hängematte – oh ja, die Hängematte! –, die uns alle sanft einladen: Komm, leg dich hin! Die Welt dreht sich eine Zeit lang auch ohne dich.

Sommer. Wenn ich das Wort höre, denke ich fast automatisch an weiches Gras unter den Füßen, an Erdbeereis und den Duft von Sonnencreme. Der Sommer ist die Jahreszeit, in der wir uns erlauben, langsamer zu werden, manchmal sogar ganz stillzustehen. Und genau da, in dieser warmen, sanften Stille zwischen Mittagshitze und Grillabend passiert etwas Merkwürdiges: Gott taucht auf.

Im Sommer kommt der liebe Gott nicht mit großem Gedöns, Paukenschlag und Engelschor – obwohl das ein oder andere Sommergewitter durchaus spektakulär auf seine Gegenwart hinweisen kann. Im Sommer schaut Gott eher leise vorbei, ein wenig so wie bei Elija, als er sich nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer zeigte, sondern in einem sanften, leichten Säuseln zeigt (1 Kön 19,12).

Endlich Entschleunigung

Gott ist da in den Getreidehalmen auf dem Feld, die sich im Wind wiegen. Er ist in den Wolken, die langsam über den Himmel ziehen und immer neue Fantasiegestalten formen.  Er ist im Lachen eines Kindes, das durch den Wasserstrahl des Gartenschlauchs hüpft und in meinem Atemzug vor dem Sprung ins kühle Wasser. Er ist in all den hunderttausend kleinen Augenblicken, die wir vielleicht nur deshalb wahrnehmen, weil der Sommer uns ein wenig entschleunigt.

Wie nahe Gott uns gerade dann ist, wussten schon die Beter der Psalmen:

"Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser." (Ps 23,2)

Das klingt verdächtig nach einem Sommertag, oder? Vielleicht hatte der jugendliche Schafhirte und spätere König David, der vielen als Autor der Psalmen gilt, eine Hängematte? Zumindest muss er einen schönen Blick über das Weideland seiner Schafe und Ziegen gehabt haben. Und er hat erkannt, was wir im Sommer manchmal für einen Augenblick erahnen und dann wieder vergessen: Ruhe ist kein Luxus für Menschen mit viel Zeit und Geld, nein, Ruhe und Erholung ist ein Geschenk Gottes für jeden.

Ein Holzhütte vor dem Alpenpanorama
Bild: ©Benjamin Schwarz (Symbolbild)

Im Sommer zeigt sich Gott anders, als wir zunächst annehmen.

Die moderne Welt mit all ihren Möglichkeiten hat uns beigebracht, Produktivität und Schnelligkeit anzubeten. Wer rastet, der rostet – und schaut dabei neidisch auf die Kollegen, die schon wieder paradiesische Urlaubsbilder posten. Der Sommer aber ist ganz anders und will etwas ganz anderes von uns. Er ist nicht auf Konkurrenz getrimmt, sondern lebt uns die Leichtigkeit vor. Dafür bringt die Sonne so einiges an Energie auf und zwingt uns, langsamer zu werden, zumindest ein paar Wochen lang. Ja, der Sommer meint es gut mit uns. Er erinnert uns daran, dass nicht alles immer schneller gehen muss. Dazu passt auch, dass wir Christen den Heiligen Geist als Tröster und Erfrischer kennen, denn in der Pfingstsequenz wird er angerufen als Kühlung in Hitze und Glut – ein wunderbar sommerliches Bild, das jeder am eigenen Leib spüren kann.

Dass man im Sommer auch einmal fünfe gerade sein lassen darf, können wir sogar von Jesus lernen. Immer wieder zog er sich zurück, ging auf einen Berg oder an einen stillen Ort, um zu beten und auszuruhen. Er saß mit Menschen zusammen und aß und feierte mit ihnen in ihren Häusern, an ihrem Tisch, in ihrem Alltag. Nach seiner Auferstehung wartete er auf die Jünger am See beim Kohlenfeuer, wer denkt da nicht an Barbecue … So sehr gehörte die Nähe zu den Menschen, auch zu denen am Rand der Gesellschaft, zu seinem Leben, Wirken und Predigen, dass manche ihn spöttisch einen "Fesser und Säufer" nannten und einen "Freund der Zöllner und Sünder" (Mt 11,19). Für Jesus war diese Gemeinschaft kein Zeitverlust, sondern Teil des Lebens, das Gott uns allen schenkt. Deshalb sagt Jesus im Johannesevangelium:

"Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben." (Joh 10,10)

Zeit für das Danken

Leben in Fülle! Das ist eine wunderbare Beschreibung dessen, was der Sommer in uns wecken kann und will: Dankbarkeit für die einfachen Dinge, für die tausend Farben des Sonnaufgangs und Sonnenuntergangs, die wir in diesen Monaten viel besser wahrnehmen können als sonst. Für das Gefühl, wenn wir barfuß im Gras oder im Sand gehen – als hätten wir fast vergessen, dass unsere Füße dafür gemacht sind. Für den Augenblick, wenn wir unseren Kopf weit zurücklehnen, um nachts die vielen Sterne am Himmel zu erkennen.

Der Sommer erinnert uns daran, dass das Leben viel mehr ist als Termine, Leistung und Geschwindigkeit. Vielleicht ist Gott uns deshalb im Sommer näher als wir das sonst spüren. Gerade in diesen Wochen und Monaten lädt Gott uns ein, Zeit zu finden, auszuruhen und das Leben bewusst zu genießen, bevor es bald wieder an die Ernte und das Zurechtmachen der Vorräte geht, denn die nächste kalte Jahreszeit steht schon vor der Tür.

Noch aber ist es Sommer, Zeit für Eis in der Tüte, Sonnenbrille und Flipflops. Ich bin mir übrigens ziemlich sicher, dass auch Jesus Flipflops, Havaianas oder so etwas ähnliches getragen hat im Sommer, als er durch Galiläa, um den See Genesareth und Jerusalem umherzog, predigt und mit den Menschen sprach. Denn er war der Sohn Gottes und doch auch ein Mensch wie du und ich.

Von Schwester Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Gabriela Zinkl SMCB ist Ordensschwester bei den Borromäerinnen, promovierte Theologin (Kirchenrecht) und in der Ordensleitung in Kloster Grafschaft tätig.