Interview zur Enzyklika "Magnifica Humanitas"

Erzbischof Bentz: Regeln und Werte für KI-Technologie schaffen

Veröffentlicht am 20.06.2026 um 12:00 Uhr – Von Holger Spierig (epd) – Lesedauer: 

Paderborn ‐ Der Paderborner Erzbischof Udo Markus Bentz sieht in der jüngsten Enzyklika ein Plädoyer für ein Zusammendenken von Technik, Wirtschaft, Frieden und Menschenwürde. Was dabei aus seiner Sicht wichtig ist.

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Die Würde des Menschen sowie das Zusammenspiel von Gerechtigkeit und Frieden müssen nach Ansicht des Paderborner Erzbischofs Udo Markus Bentz vor Manipulation und der Ausgrenzung geschützt werden. Die von Papst Leo XIV. veröffentlichte Enzyklika "Magnifica Humanitas" bezeichnete Bentz im Interview als "Sozialenzyklika für das digitale Zeitalter".

Frage: Die neue Enzyklika von Papst Leo XIV. wurde zunächst vor allem als "KI-Enzyklika" wahrgenommen. Sie sehen darin auch eine Sozialenzyklika für das digitale Zeitalter. Können Sie das erläutern?

Bentz: Wann immer es in der Geschichte zu umwälzenden technologischen Umbrüchen kam, wie zum Beispiel bei der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, gibt es immer auch die zwei Extreme: Einerseits fast schon messianische Hoffnungen und andererseits apokalyptische Ängste. Das wundert nicht. Je massiver die technologische Innovation, umso größer der Umbruch im Zusammenleben der Menschen.

In seiner Enzyklika spricht Papst Leo ausdrücklich von den "neuen Dingen", die unseren Blick auf den Menschen und das Miteinander der Menschen verändern. Er knüpft damit wörtlich an die erste große Sozialenzyklika seines Namensvorgängers Leo XIII. an. Also eine Sozialenzyklika für das digitale Zeitalter.

Frage: Was bedeutet das konkret?

Bentz: In der Enzyklika heißt es, es gehe nicht darum, ob diese technologische Innovation gut oder schlecht sei. Der Papst sieht sie als große Chance. Es stellen sich aber die Fragen, wer darüber die Macht hat und wie die Neuerungen eingesetzt werden. Der Papst fragt, wie neue Technik, Macht, Wirtschaft, Wahrheit, Frieden und Menschenwürde neu zusammengedacht werden können.

Bild: ©Lola Gomez/Vatican Pool/KNA

Die Enzyklika "Magnifica humanitas" von Papst Leo XIV. ist für Erzbischof Udo Markus Bentz mehr als eine reine "KI-Enzyklika".

Frage: Was bedeutet das für die Frage Macht, Verantwortung und Gemeinwohl?

Bentz: Der Papst sieht sehr genau, welche Dynamiken dadurch entstehen, dass die technologische Innovation in den Händen einiger weniger unglaublich einflussstarker Persönlichkeiten liegt. Deren Ressourcen und der Einfluss dieser technologischen Innovationen auf die Menschheit ist in mancher Hinsicht stärker als internationale Gremien oder auch staatliche Institutionen. Dadurch gibt es eine Machtverschiebung und es entstehen neue Abhängigkeiten. Damit öffnet man auch Tür und Tor für Manipulation, Ausgrenzung, Ungerechtigkeit. Der Papst legt den Finger in eine Wunde und spricht deshalb auch von neuen kolonialen Formen, die sich mit dieser technologischen Innovation verbinden. Die Chancen der Technologie für die Menschheit dürfen nicht durch ungezügelte Macht korrumpiert werden.

Frage: Was kann dem entgegengesetzt werden?

Bentz: Die Würde des Menschen sowie das unabdingbare Zusammenspiel von Gerechtigkeit und Frieden muss der Manipulation und der Ausgrenzung entzogen werden. Hier braucht es kulturell, politisch, gesellschaftlich eine Einordnung. Es muss eine Wertorientierung hineinkommen. Notwendig sind deshalb Verbindlichkeit und ordnende Rahmenbedingungen, damit Entwicklungen nicht beliebig werden, sondern dem Menschen und seiner Würde dienen. Es ist verräterisch, wie kürzlich ein Tech-Gigant Forderungen nach Regulierung in schräger Weise sogar als Auswüchse des Antichristen dämonisiert hat. Da wird klar: Man kämpft um einen gewaltigen Machthebel in den Händen einiger weniger.

Frage: Was sind die Konsequenzen für Frieden, globale Gerechtigkeit und Menschenrechte?

Bentz: Der Papst verknüpft Entwicklung und Innovation mit den großen Themen "iustitia et pax", also Gerechtigkeit und Frieden unter den Menschen. Die Botschaft ist klar: Entwicklung ist nicht menschlich, wenn Religionen, Nationen oder Menschengruppen abgehängt und ausgeschlossen werden. Stattdessen müssen Teilhabe, Gemeinwohlorientierung und vor allen Dingen auch Nachhaltigkeit im Blick auf die kommenden nachfolgenden Generationen gewährleistet sein.

Frage: Wie kann das umgesetzt werden?

Bentz: Wir müssen weltweit zu verbindlichen Regelungen kommen. Aktuell ist die multilaterale Verbindlichkeit labil geworden. Der gemeinsame Wille lahmt. UN-Gremien und verlässliche Bündnispartnerschaften sind in der Krise. Ein neues Wettrüsten ist nur ein Symptom dafür. Es entstehen neue, ungeordnete Machtpole, die die Idee eines globalen Gemeinwohls schwächen wollen und neue Konflikte provozieren. Da droht ein politischer Verfall. Das Wortspiel ist leider Realität: Statt die Stärke des Rechts dominiert mehr und mehr das Recht des Stärkeren.

„Kirche darf nicht ein sich selbst genügendes abgeschlossenes Ghetto sein.“

—  Zitat: Erzbischof Udo Markus Bentz

Frage: Würden Sie das konkretisieren?

Bentz: Gerne. Von mir einige Stichworte, wie Papst Leo die Technikinnovation in einen großen Zusammenhang stellt: zum Beispiel mit dem Thema Sklaverei. Für manche vielleicht überraschend. Papst Leo spricht davon, die Ketten von neuen Formen moderner Sklaverei aufzubrechen. Er lenkt den Blick hinter die Kulissen und Abgründe von KI, die neue Unterordnung und Ausbeutung von Millionen Menschen in Kauf nehmen, neue Formen von Menschenhandel und organisierter Kriminalität. Seine prophetische Mahnung verknüpft er mit Selbstkritik und formuliert sogar eine Vergebungsbitte im Blick auf die Schuld der Kirche angesichts einer lange fehlenden Sensibilität für das Leid ausgebeuteter Menschen. Die Botschaft dazu: Wer gestern blind war und dies erkannt hat, muss heute umso wachsamer sein.

Frage: Welche weiteren Stichworte sind Ihnen wichtig?

Bentz: Der Papst spricht von einem neuen Gesicht des Kolonialismus. Nicht mehr das Land und seine Rohstoffe, sondern wer über die Daten ganzer Bevölkerungen verfügt, hat einen Machthebel in der Hand, der zu einem Schicksalsfaktor für Millionen wird. Datenmacht muss gemeinwohlorientiert gestaltet werden. Ein ganz wichtiger Passus sind die Ausführungen zur Friedensethik angesichts neuer, KI-gesteuerter Waffen. Der Papst warnt vor einer automatisierten Kriegsführung. Über Leben und Tod dürfen keine Algorithmen entscheiden. Statt Aufrüstung fordert er starke internationale Institutionen, verbindliche Regeln und Prävention. Offen aber bleibt, wie ein moderner Sicherheitsbegriff die Realität von Abschreckung und Verteidigungsfähigkeit einbeziehen muss.

Frage: Das heißt: Gerade jetzt bräuchte es starke internationale Organisationen. Wie kann eine Antwort auf die Schwächung des Multilateralismus aussehen?

Bentz: Wir brauchen starke Stimmen für das Völkerrecht. Alle gesellschaftlichen Kräfte guten Willens müssen dem Dialog und der Diplomatie wieder mehr Geltung verschaffen. Internationale Gremien müssen deshalb gestärkt werden. Es gibt einen längst überfälligen Reformbedarf des internationalen Systems.

Frage: Welche Bedeutung leiten Sie aus der Enzyklika für den Auftrag der Kirche ab, sich in gesellschaftliche Debatten stärker einzubringen?

Bentz: Papst Leo sagt pointiert, dass Christen nicht nur Zuschauer und Kommentatoren sein dürfen. Sie müssen dort hingehen, wo die Baustellen der Gegenwart sind, und dort mitbauen. Kirche darf nicht ein sich selbst genügendes abgeschlossenes Ghetto sein. Jetzt kommt es darauf an, ins Gespräch mit gesellschaftlichen Kräften, mit Vertretern der Wirtschaft und der Wissenschaften zu gehen. Auch in den Schulen, etwa im Religionsunterricht, sollten wir diese Themen ansprechen. Die Enzyklika ist dafür eine hervorragende Grundlage.

Von Holger Spierig (epd)