Tück: Konflikt um Piusbrüder für Papst Leo ein Worst-Case-Szenario

Der Wiener Theologe Jan-Heiner Tück erwartet durch die für 1. Juli angekündigten Bischofsweihen der Piusbrüder ohne Erlaubnis des Papstes eine Eskalation des Konflikts mit dem Vatikan. Eine verbotene Bischofsweihe der traditionalistischen Gemeinschaft wäre für Leo XIV. ein "absolutes Worst-Case-Szenario", sagte Tück im Interview der Wochenzeitung "Die Zeit" (Donnerstag). Der Papst müsse "als Brückenbauer die Einheit der Kirche garantieren". Gerade deshalb könne er einen eigenmächtigen Schritt der Piusbrüder nicht hinnehmen.
Für den Papst sei die Vorgehensweise der Priesterbruderschaft St. Pius X. "auf jeden Fall ein Affront", so der Theologe. Deren Generaloberer Davide Pagliarani hatte Leo im Februar um Erlaubnis für die Weihen ersucht, anschließend aber ein Gesprächsangebot des vatikanischen Glaubensdikasteriums ausgeschlagen. Pagliarani praktiziere eine "Rhetorik der Konfrontation", die für die Piusbruderschaft seit ihren Anfängen typisch sei. Unerlaubte Bischofsweihen sind nach dem Kirchenrecht mit der von selbst eintretenden Exkommunikation belegt.
Problem nicht Liturgie, sondern Konzil
Besonders schwer wiegt für Tück die Weigerung der Piusbruderschaft, zentrale Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) anzuerkennen. "Der Streit um die Zukunft der Kirche ist ein Streit um die Deutung des Konzils", sagte er. Während das Konzil den Dialog mit anderen christlichen Konfessionen sowie mit Judentum und Islam gefördert habe, lehne die Piusbruderschaft diese Öffnung bis heute ab. Nichtchristen würden seit dem Konzil "nicht mehr als Götzenanbeter" betrachtet; zudem habe die Kirche den christlichen Antijudaismus der Vergangenheit selbstkritisch aufgearbeitet.
"Die Piusbruderschaft dagegen nennt Juden noch immer Gottesmörder", sagte Tück. Sie verbreite "antiökumenisches, antijüdisches und antidemokratisches Gedankengut". Wer die Reformen des Konzils grundsätzlich zurückweise, breche mit der jüngeren Tradition der Kirche und sei "somit nicht mehr traditionalistisch, sondern fanatisch und sektenhaft". Die Piusbrüder gebärdeten sich, "als habe der Heilige Geist 1962 die Kirche verlassen".
"Osmotische Durchlässigkeit nach rechts"
Zugleich wandte sich der Wiener Theologe gegen eine pauschale Gleichsetzung der Gemeinschaft mit der sogenannten Alten Messe. Nicht der vorkonziliare Ritus sei das eigentliche Problem, "sondern ein Traditionalismus, der ab einem bestimmten Punkt der Tradition alles Neue kategorisch ablehnt". Darin bestehe eine "osmotische Durchlässigkeit zur politischen Rechten", die dort problematisch werde, wo sie antisemitische oder antidemokratische Züge annehme.
Tück erwartet von Papst Leo XIV. eine klare Grenzziehung. Bei den Reformen des Konzils gehe es "letztlich um das Selbstverständnis der Kirche heute". Franziskus habe diese Reformen als unumkehrbar bezeichnet und Leo XIV. als "Leitstern für den künftigen Weg". Insbesondere eine politische Instrumentalisierung des Christentums lehne der Papst ab. "Wer die Krise der liberalen Demokratien überwinden will durch identitäre christliche Politik, hat in diesem Papst keinen Verbündeten", sagte Tück. (KNA)