Forscher: Marienerscheinungen von Sievernich erfüllen Bedürfnis
Berichte über Marienerscheinungen wie im rheinischen Sievernich sind laut dem Religionshistoriker Helmut Zander ein vergleichsweise junges Phänomen der Kirchengeschichte. "Sie beginnen in den 1830er-Jahren in Paris mit Erscheinungen einer katholischen Nonne, Catherine Labouré, und haben inzwischen die katholische Welt überflutet: La Salette, Lourdes, Fátima, Banneux, Medjugorje – um nur die katholischerseits anerkannten Orte unter Dutzenden anderer zu nennen", sagte Zander dem Online-Magazin "Kirche und Leben".
Das Bistum Aachen hat kürzlich eine Untersuchungskommission eingesetzt, um die angeblichen Marienerscheinungen in Sievernich zu prüfen. Anfang der 2000er Jahre hatte eine Frau aus Düren erstmals berichtet, ihr sei in der kleinen Pfarrkirche Sankt Johann Baptist im 500-Einwohner-Ort Sievernich die Mutter Gottes erschienen – ganz in Weiß gekleidet und mit einem bodenlangen Schleier.
Zahl der Mitteilungen schoss in die Höhe
Zander sagte, die Berichte unterschieden sich von denen der historischen Tradition. "Das Medium ist keine Ordensfrau oder ein Kind wie im 19. Jahrhundert." Die Frau, der unter anderem Maria erschienen sein soll, sei verheiratet und habe einen Sohn, komme insofern aus dem "normalen" Leben, so der Forscher.
"Sodann ist die Zahl der Mitteilungen explodiert", sagte Zander. "Ging es in Lourdes und Fátima noch um einzelne Sätze, ist jetzt eine ganze Offenbarungsbibliothek entstanden, außerdem sind aus punktuellen Botschaften Dauermitteilungen geworden. Das war schon in Medjugorje so – und passiert im Einklang mit der gegenwärtigen Medialisierung und der Vervielfachung von Informationen."
Säkulare Welt irritiert und fasziniert
Die angeblichen Erscheinungen erfüllten ein bestimmtes Bedürfnis, so Zander. "Wichtig ist das Gefühl der Unmittelbarkeit des Göttlichen. Man hofft, nicht nur glauben zu müssen, sondern 'wirkliche' Erfahrungen machen zu können. Und manchmal, sie beweisen zu können. In einer Welt, in der alles nur Diskussion und Deutung zu sein scheint, hofft man auf eine unerschütterliche Basis des Glaubens."
Die säkulare Welt reagiere darauf mit einer Mischung aus Irritation und Faszination. "Irritation über Vorstellungen, die man möglicherweise nicht mehr versteht – Weihe an das Herz Mariens oder Sühnetheologie. Im Ernstfall hält man die Sievernicher dann einfach für ein bisschen verrückt. Daneben steht eine ungläubige Faszination, dass Menschen hier ihr Leben 'aufopfern', wie es in Sievernich gerne heißt, an der demonstrativen Sakralität – und durch die Erwartung, dass hier eine rational nicht fassbare, transzendente Welt manifest werden könnte." (KNA)
