Kirchliche Prüfung im "Fall Sievernich"

Was tun, wenn die Muttergottes in der Eifel erscheint?

Veröffentlicht am 12.06.2026 um 00:01 Uhr – Von Severina Bartonitschek (KNA) – Lesedauer: 

Rom ‐ Was geschieht, wenn Menschen von Marienerscheinungen berichten? 25 Jahre nach den ersten Vorgängen wird der "Fall Sievernich" in der Eifel nun geprüft. Was die Kirche dabei bewertet – und was ausdrücklich nicht.

  • Teilen:

In weißem Gewand, mit einer goldenen Krone auf dem Kopf und einer aus Dornen um das strahlende Herz: So soll die Muttergottes einer Anwaltsgehilfin in der Kirche Sankt Johann Baptist im Eifelörtchen Vettweiß-Sievernich erschienen sein. Doch nicht nur in dem kleinen neugotischen Gotteshaus aus Backstein hinterließ Maria ihre Spuren, sondern auch im Garten von "Seherin" Manuela S. Nach ihrer Erscheinung soll ein runder Eindruck im Gras zurückgeblieben sein, der auch nach dem nächsten Rasenmähen nicht verschwand.

Zwischen 8. Juni 2000 und 3. Oktober 2005 soll die Muttergottes ihr unter dem Titel "Maria, die Makellose" regelmäßig Botschaften übermittelt haben: sprach vom aktuellen Glaubensabfall in Deutschland und der Welt, rief zu Gebet und Fasten auf, zur Achtung von Ehe und Familie, zu Beichte und Eucharistiefeier. Sie wandte sich gegen Abtreibung und warnte Priester vor Verweltlichung. So weit, so fromm.

Fall "Manuela S."

Ortswechsel: der monumentale Palazzo di Sant'Apollinare in Rom. In dem elegantem Gebäude mit der hellen Ziegelfassade sitzt jener Experte, der die Sievernicher Vorkommnisse untersuchen soll. Der Staatskirchenrechtler und Priester Stefan Mückl ist Vizedekan der Päpstlichen Universität Santa Croce und seit kurzem Vorsitzender der Untersuchungskommission, die das Bistum Aachen zum Fall "Manuela S." eingesetzt hat.

Bild: ©KNA/Severina Bartonitschek

Priester Stefan Mückl ist Staatskirchenrechtler, Vizedekan der Päpstlichen Universität Santa Croce und Vorsitzender der Untersuchungskommission des Bistums Aachen zum Fall der "Seherin Manuela S.".

Es ist der erste deutsche Fall, der nach den vatikanischen Normen zu mutmaßlich übernatürlichen Phänomenen von 2024 untersucht wird. Aufgabe der Kommission ist laut Mückl, sich ein Bild von den Geschehnissen zu machen. Die vier Experten – zwei Kirchenrechtler, ein Dogmatiker und ein Beauftragter für Weltanschauungsfragen – studieren die übermittelten Botschaften, die Erscheinungen selbst, sprechen mit Protagonisten und besuchen den Ort des Geschehens.

Weitere Fachleute wie Ärzte oder Psychologen sollen zunächst nicht hinzugezogen werden. Es gehe nicht um spezifische übernatürliche Phänomene oder Krankenheilungen, begründet das Mückl. Es gehe um die Inhalte der angeblichen Offenbarungen, die Person der "Seherin", die Geschehnisse in Sievernich und um die möglichen Resultate der Ereignisse – auch für das Wachstum der Kirche.

Pilgeransturm auf kleinen Ort westlich von Köln

Mehrere hundert bis einige tausend Menschen zogen zunächst an jedem ersten Montag eines Monats in den kleinen Ort gut 40 Kilometer westlich von Köln. In der Dorfkirche beteten sie und hofften auf weitere Wunder. Die Pilgerscharen führten zu Konflikten in der Gemeinde.

2002 schritt der damalige Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff ein. Er erklärte, Sievernich nicht zu einem Marienwallfahrtsort machen zu wollen. In gemeinsamen Gesprächen mit den Beteiligten einigte man sich zudem auf eine letzte Versammlung, denn die Muttergottes hatte Manuela S. ohnehin eine letzte große Erscheinung für den 7. Oktober 2002 angekündigt. Doch die Erscheinungen von Maria und weiterer Heiliger gingen weiter. Bis heute finden regelmäßige Treffen von Anhängern der "Seherin" statt, allerdings in einem 2021 eigens dafür errichteten Gebäude.

Bischof Helmut Dieser bei einer Pressekonferenz
Bild: ©KNA/Harald Oppitz (Archivbild)

Ein Vierteljahrhundert nach den ersten mutmaßlichen Vorkommnissen untersucht nun die Kirche den Fall. Aachens Bischof Helmut Dieser wolle den Gläubigen damit eine verlässliche Orientierung bieten.

Ein Vierteljahrhundert nach den ersten mutmaßlichen Vorkommnissen untersucht nun die Kirche offiziell den Fall. Aachens Bischof Helmut Dieser wolle den Gläubigen damit eine verlässliche Orientierung bieten, wie diese Vorgänge einzuschätzen sind, sagt Mückl. Durch die neuen Vatikan-Normen habe er nun eine klare Handhabe für eine Untersuchung. Einen Mangel an Zeugen befürchtet der deutsch-römische Kirchenrechtler nicht. "Wenn man das Leben der Kirche als Bezugspunkt nimmt, dann sind 20 oder 25 Jahre ein sehr überschaubarer Zeitraum", so Mückl.

Bei der aktuellen Untersuchung geht es nicht darum, die Übernatürlichkeit der Erscheinungen festzustellen – die kann allein der Papst in Ausnahmefällen erklären. Stattdessen prüft die Kirche, ob gegen die Verehrung und die damit verbundenen Aktivitäten aus theologischer oder pastoraler Sicht Einwände erhoben werden müssten. Gibt es keine Bedenken, dann kann der Ort für Gottesdienste, Andachten und andere kirchliche Angebote genutzt werden.

"Wir stehen noch ganz am Anfang der Untersuchung"

Gegen eine Unbedenklichkeitserklärung könnten gegebenenfalls erkennbar unlautere Motive sprechen, erklärt Mückl. Dazu zählt der Vatikan Gewinnsucht, Ruhmsucht, Eitelkeit oder auch, dass die Inhalte der mutmaßlichen Botschaften ganz oder teilweise nicht in Übereinstimmung mit Gottes Offenbarung stehen. Darin, dass zu jedem Wallfahrtsort auch wirtschaftliche Begleiterscheinungen gehören, sieht Mückl "per se weder ein positives noch ein negatives Faktum". Wie das Ergebnis für Sievernich und die "Seherin" ausfallen wird, vermag Mückl nicht einzuschätzen: "Wir stehen noch ganz am Anfang der Untersuchung, und es lässt sich nicht absehen, in welche Richtung das gehen könnte." Das abschließende Urteil fällt ohnehin in Rom.

Die Untersuchungskommission legt ihren Bericht zunächst dem Aachener Bischof vor. Der übermittelt seine Bewertung an die zuständige Glaubensbehörde, die schließlich über den Fall entscheidet und ihr Urteil veröffentlicht. "Und je nachdem, wie die Entscheidung ausfällt, vertrauen der Vatikan und sicher auch der Bischof von Aachen darauf, dass die Gläubigen die Stimme der Kirche hören und ihr künftiges Verhalten daran ausrichten."

Von Severina Bartonitschek (KNA)