Ein Zwischenruf

Nicht auf Kosten des Judentums – Über fragwürdige Pharisäerbilder

Veröffentlicht am 04.07.2026 um 00:01 Uhr – Von Christian M. Rutishauser SJ – Lesedauer: 

Luzern ‐ Der sprichwörtliche Pharisäer hat keinen guten Ruf. In der Umgangssprache wird er so zum antijudaistischen Klischee, warnt Judaist Christian Rutishauser – in innerkirchlichen Debatten sollte man auf das Bild verzichten.

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Ich träume davon, dass es der Kirche nach dem Konzilsdekret "Nostra aetate" zum ersten Mal in der Geschichte gelingt, innerchristliche Auseinandersetzungen so zu führen, dass das Judentum nicht die Kollateralschäden abbekommt. Doch die feministische Theologie hatte Jesus, den frauenfreundlichen Mann, gegen das patriarchale Judentum abgegrenzt, und die prophetisch sich verstehende Befreiungstheologie konnte im Rechtsdenken der mosaischen und rabbinischen Tradition nur Starrheit sehen. Vor kurzem wurde zur Förderung der Verehrung des neuen Heiligen Carlo Acutis seine Begeisterung für eucharistische Wunder gepriesen, auch wenn diese aus antijüdischen Ritualmordlegenden stammen. Nun werden Papst und Kirche von Thomas Schwartz gegen die Piusbruderschaft verteidigt – allerdings mit einem fragwürdigen Pharisäerbild.

Mir geht es nicht darum, ob dieses Bild auf die Piusbruderschaft zutrifft – das mag sehr gut sein. Vor allem vertreten die Piusbrüder eine antijüdische Theologie. Doch das Heuchlerische und Vortäuschende, das man den Pharisäern und mit ihnen den Juden vorgeworfen hat, wird auch von Schwartz weiter mitbefestigt. Antijüdische Klischees gegen die Piusbruderschaft transportieren auch die Klischees weiter.

Unbewusst auf Kosten des Judentums

Die Exegese hat viel getan, um die Wahrnehmung der Pharisäer zu erneuern. Einerseits wurde ihre historische Nähe zur frühen Christenbewegung herausgearbeitet. Die Sprache einiger neutestamentlichen Schriften ist von innerjüdischer Polemik geprägt, gerade die Streitfragen um rituelle Reinheit und die Form, wie der Schabbat gehalten werden soll. Andererseits wurden vorbildhaften Pharisäer ins Bewusstsein zu gerufen: Nikodemus, der Jesus bei Nacht besucht hat; vielleicht war auch Josef von Arimathäa, der sein Grab für Jesus zur Verfügung stellte, ihnen nahe; dann lassen sich die Pharisäer von Jesus bekehren, wenn sie keinen Stein auf die Ehebrecherin werfen. Vor allem ist Paulus der einzige Pharisäer, von dem wir selbstgeschriebene Texte besitzen. Noch bei seiner Verhaftung am Ende seines Lebens, bevor er nach Rom abtransportiert wird, bezeichnet er sich gemäss der Apostelgeschichte als Pharisäer. Ihr in der Wissenschaft revidiertes Bild scheint aber noch nicht im öffentlichen Diskurs angekommen zu sein, auch wenn das international gefeierte Werk "Die Pharisäer" von Amy-Jill Levine und Joseph Sievers 2024 auch auf Deutsch erschienen ist.

Neuss, Quirinusmünster, eine der bedeutendsten spätromanischen Kirchen am Niederrhein, Statue rechts vor dem Hauptportal, der Apostel Paulus
Bild: ©picture-alliance/Rainer Hackenberg

Auch der Apostel Paulus war ein Pharisäer.

Das Tragische am gutgemeinten Einsatz für Kirche und Glaube besteht darin, dass es meist unbewusst auf Kosten des Judentums geht. Liberale und konservative Kirchenkreise wie auch Theologen und spirituelle Lehrer sind nicht gefeit. Im Fall der Ablehnung der Piusbruderschaft ist die Tragik insofern doppelt, da diese selbst eindeutig eine antijüdische Theologie vertritt und die Reformen, die der jüdisch-christliche Dialog gebracht, ablehnt, was ich nochmals deutlich sagen will.

Tragisches Muster

Doch schon der einfachen Tragik liegt ein gesamtchristliches Muster zugrunde, das sich durch die ganze Kirchengeschichte zieht: Der Neue Bund in Christus wird theologisch nicht nur gegenüber den Alten Bund gesetzt, sondern die Juden werden als Vertreter des Alten Bundes als von Gott verdrängt und verflucht dargestellt. Die Kreuzritter wollen das Heilige Land den Muslimen entreißen, doch es brennen die Synagogen in Mainz, Worms und Speyer. Um den Schock der Fremdheit zu verkraften, schließt Spanien im 15. Jh. die katholischen Reihen und vertreibt die Juden. Ein Jahrhundert später stecken die Päpste die Juden im Kirchenstaat ins Ghetto, um katholische Einigkeit gegen die Reformation zu erzeugen. Martin Luther will das reine Evangelium wieder herstellen und zurück zur veritas hebraica, doch als die Juden nicht auf ihn hören, wird er antisemitisch.

Ob es im 21. Jahrhundert gelingen wird, Kirchenreformen durchzuführen, die Glaubenstradition zu vertiefen und innerchristliche Konflikte auszutragen, ohne dass antijüdische Stereotype benutzt werden und das Judentum Kollateralschaden tragen muss, ist die grosse Frage.

Von Christian M. Rutishauser SJ

Der Autor

Christian M. Rutishauser SJ ist Professor für Judaistik und Theologie an der Universität Luzern und leitet dort das Institut für jüdisch-christliche Forschung. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Geschichte des jüdisch-christlichen Dialogs.