Welche Botschaften diese Verehrung vermittelt

Maria Goretti als Märtyrerin der Reinheit? Zeit für eine Intervention

Veröffentlicht am 06.07.2026 um 00:01 Uhr – Von Philippa Haase, Judith König und Ute Leimgruber – Lesedauer: 

Regensburg ‐ Die heilige Maria Goretti gilt als "Märtyrerin der Jungfräulichkeit". Die Regensburger Theologinnen Philippa Haase, Judith König und Ute Leimgruber halten solche Kategorien für nicht länger haltbar. Ein Gastbeitrag.

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An diesem Montag, den 6. Juli, begeht die katholische Kirche den Gedenktag der heiligen Maria Goretti. Bis heute wird das Mädchen in bestimmten katholischen Milieus als "Märtyrerin der Reinheit" oder "Märtyrerin der Jungfräulichkeit" verehrt. Doch welche Botschaften vermittelt diese Verehrung – besonders aus der Perspektive der Missbrauchsforschung, der Traumaforschung und einer geschlechtersensiblen Theologie? Es ist Zeit für eine Intervention. 

Ein Kind wird Opfer einer Gewalttat

Maria Goretti wurde 1890 in ärmlichen Verhältnissen in Italien geboren. Am 5. Juli 1902 versuchte der zwanzigjährige Alessandro Serenelli, das elfjährige Mädchen zu vergewaltigen. Maria wehrte sich gegen den Angriff. Daraufhin stach Serenelli mehrfach auf sie ein. Einen Tag später starb sie an ihren Verletzungen.

Es ist nicht unerheblich, wie die Geschichte der Maria Goretti erzählt wird und welche Aspekte rund um ihren Tod besonders betont werden. Die Kirche deutete ihren Tod schon früh als Martyrium. Im Zentrum stand dabei die Vorstellung, Maria habe ihr Leben geopfert, um ihre "Reinheit" zu bewahren. 1950 wurde sie von Papst Pius XII. heiliggesprochen. Generationen katholischer Mädchen wurde (und wird) sie seitdem als Vorbild präsentiert – inklusive der Botschaft, es sei besser, zu sterben als die eigene sexuelle "Unberührtheit" preiszugeben.

Maria Goretti war zunächst und vor allem ein elfjähriges Kind, das Opfer eines Gewaltverbrechens wurde. Die Geschichte dieses Kindes aber wurde in der hagiographischen Überlieferung und der kirchlichen Verehrungspraxis in Dienst genommen, um Frauen und Mädchen ein bestimmtes Rollenverhalten zuzuweisen. Denn es ist keineswegs harmlos, dass sich die Darstellung ihrer Heiligkeit fast ausschließlich auf zwei Anforderungen an das Opfer konzentriert: sexuelle "Reinheit" und die Vergebung des Täters.  

Die Theologinnen Philippa Haase, Ute Leimgruber und Judith König, im Hintergrund ein Hörsaal
Bild: ©Canva/Stratol | Privat | Montage: katholisch.de

"Die Symbolik und Deutung der Geschichte um Maria Goretti spielt auch in kirchlichen Missbrauchskontexten eine Rolle", schreiben die drei Regensburger Theologinnen Philippa Haase, Ute Leimgruber und Judith König (von links).

Ein Detail aus dem kirchlichen Verfahren ist bemerkenswert. Der Täter habe "die Schönheit und die frühreife Entwicklung des Mädchens" als mildernde Umstände angeführt. Noch einmal: Maria war zum Tatzeitpunkt elf Jahre alt. 

Es ist ein bekanntes Narrativ, dass Mädchen und Frauen Verführerinnen seien – selbst der Körper eines präpubertären Mädchens erscheint als Gefahr für männliches Begehren! –, und dass männliche sexuelle Übergriffe so etwas wie eine "natürliche" (und damit in gewisser Weise nachvollziehbare) Reaktion auf die weibliche sexuelle Anziehungskraft seien. Solche Erzählungen gehören zu den sogenannten rape myths (dt.: Vergewaltigungsmythen). Anstatt den Täter und seine Tat in den Blick zu nehmen, schaut man auf Mädchen und Frauen und ihre Sexualität. Dieses Muster wird in der heutigen Gewaltforschung als Täter-Opfer-Umkehr beschrieben. Was allerdings heute allgemein als problematische Strategie der Schuldabwehr erkannt wird, blieb und bleibt in kirchlichen Deutungen oft unreflektiert.

Was Maria Goretti katholischen Frauen und Mädchen sagt

Die Bezeichnung Maria Gorettis als "Märtyrerin der Reinheit" beruht auf mehreren impliziten Annahmen. Erstens wird die körperliche Tatsache, dass sie "jungfräulich" war, d.h. noch nie Geschlechtsverkehr mit einem Mann hatte, normativ gewertet und mit moralischer "Reinheit" gleichgesetzt. Der moralische und der sexuelle Status werden miteinander verkoppelt. Zweitens entsteht der Eindruck, sogar erzwungene sexuelle Gewalt könne einer Frau diese "Reinheit" nehmen: "Reinheit" erscheint als ein Zustand, der durch Sex verloren geht, unabhängig davon, wie er verloren geht. Damit werden weibliche Personen zu Wächterinnen ihrer sexuellen Integrität gemacht, während männliche Sexualität wie eine schwer kontrollierbare Naturgewalt erscheint. Eine der Folgen: Die Verantwortung für die Einhaltung sexueller Grenzen wird auf die potenziellen Opfer verlagert.

Drittens wird suggeriert, dass die Bewahrung sexueller "Unberührtheit" wichtiger sei als das eigene Leben. Dies verdichtet sich in der (auch heute noch) geläufigen Formel "Tod ist besser als Sünde", die bei der Verehrung von Maria Goretti und anderen "Märtyrerinnen der Reinheit" begegnet. Die Vergewaltigung wird zur Sünde des Opfers umgedeutet, wenn es die sexuelle Gewalt nicht verhindert. Mit anderen Worten: Auch wer eine Vergewaltigung 'erträgt' und überlebt, würde eine Sünde begehen, nicht nur diejenige Person, die den Übergriff durchführt. Gewaltverbrechen und Täterverantwortung werden unsichtbar gemacht.

„Anstatt den Täter und seine Tat in den Blick zu nehmen, schaut man auf Mädchen und Frauen und ihre Sexualität. Dieses Muster wird in der heutigen Gewaltforschung als Täter-Opfer-Umkehr beschrieben. Was allerdings heute allgemein als problematische Strategie der Schuldabwehr erkannt wird, blieb und bleibt in kirchlichen Deutungen oft unreflektiert.“

—  Zitat: Philippa Haase, Judith König und Ute Leimgruber

Die Symbolik und Deutung der Geschichte um Maria Goretti spielt auch in kirchlichen Missbrauchskontexten eine Rolle. Im Missbrauchsgutachten der Diözese Fulda schildert eine Betroffene ihre Erinnerungen an das Narrativ Maria Gorettis: "Hier musste ich immer wieder diese Heilige spielen, ich sollte die Maria Goretti spielen, wie sie sich wehrt. Das hat mir immer Ängste eingejagt." Die Erinnerung an die Heilige verbindet sich in ihrem Bericht unmittelbar mit den Erfahrungen sexueller Gewalt. Ihr Täter identifiziert sich offenkundig mit Serenelli, die Betroffene wird von ihm zur "Heiligen", die sich gegen sexuelle Übergriffe verteidigt. Die religiöse Botschaft zeigt hier eine hohe Vulneranz. Sie wird nicht als Schutz erfahren, sondern als zusätzliche Verletzung.

Was Maria Goretti Betroffenen sag

Betroffene sexueller Gewalt sind nach den Taten immer wieder konfrontiert mit der Frage, ob sie sich ausreichend gegen den erlebten Übergriff gewehrt hätten. Die Geschichte des Mädchens Maria Goretti wird zu einer sog. cautionary tale, eine Art moralischer Abschreckungsparabel für Frauen. Wenn Opfer dies nicht oder jenes anders getan hätten, wären sie nicht Opfer geworden. Das führt dazu, die Vergewaltigungsmythen zu vertiefen und Verantwortung vom Täter auf das Opfer zu verschieben. "Wenn uns wirklich daran gelegen wäre, nicht vergewaltigt zu werden, wären wir lieber gestorben (…). Das reden sich die Angreifer jedes Mal ein: Wenn eine, der das passiert, mit dem Leben davonkommt, dann weil es ihr nicht so sehr missfallen hat", so Virginie Despentes. 

Heutige Traumaforschung macht deutlich, dass Menschen auf Gewalt und Übergriffe höchst unterschiedlich reagieren. Viele Betroffene kämpfen nicht aktiv gegen einen Angriff, sie dissoziieren: Manche erstarren, andere passen sich der Situation an, wieder andere erleben das Geschehen wie von außen. Keine dieser Reaktionen bedeutet Zustimmung. Sie sind vielmehr Schutzmechanismen angesichts einer existenziellen Bedrohung. Gerade deshalb können Erzählungen über Heilige, die sich bis zum Tod gegen sexuelle Gewalt zur Wehr gesetzt haben sollen, für Betroffene problematisch werden. Denn sie erzeugen unausgesprochen einen Vergleich: Warum habe ich nicht so gehandelt? Warum habe ich überlebt? 

In ihrem Buch "Ich bleibe. Katholisch. Trotzdem" beschreibt die Psychologin und Missbrauchsbetroffene Christina Zumdieck die Wirkung der Maria-Goretti-Erzählung auf ihr eigenes Leben. Nach dem sexuellen Missbrauch durch einen Priester richtet sich ihr Blick auf das eigene vermeintliche Versagen: "Diese Geschichte führte immer wieder dazu, dass ich mich unendlich schuldig fühlte, weil ich meine Unschuld nicht aufs Äußerste verteidigt hatte." Aus diesem Teufelskreis des self-blaming (dt.: Selbstbeschuldigung) kommt sie nicht mehr heraus, nicht einmal bei einer späteren Vergewaltigung außerhalb des kirchlichen Kontextes. Auch hier dominiert nicht die Frage nach der Verantwortung des Täters. Stattdessen empfindet sie einen "Tsunami an Schuldgefühlen", weil sie ihre "Unschuld" erneut nicht verteidigt habe.

Neues Portal klärt über Missbrauch an erwachsenen Frauen in Kirche auf

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen in der Kirche sei lange übersehen worden. Ab sofort will ein neues Portal, das der KDFB mitentwickelt hat, über Ausmaß, Ursachen und Folgen informieren – und einen Beitrag für die Präventionsarbeit leisten.

Ein weiterer Aspekt in der Maria-Goretti-Hagiographie ist aus unserer Sicht problematisch. Maria, so wird es überliefert, vergibt Serenelli auf ihrem Sterbebett. Später, im Gefängnis, bekehrt er sich (es wird von einer Vision erzählt, in der sie ihm Lilien reicht), er tritt in einen Orden ein, ist sogar bei ihrer Heiligsprechung anwesend. Maria Goretti, die beispielhafte Hüterin ihrer eigenen körperlichen und moralischen "Reinheit", wird zusätzlich zur "Retterin" ihres Mörders. Ihre Heiligkeit besteht darin, ihm seinen Heilsweg zu eröffnen. Seine Wandlung wird nicht in erster Linie seinem Tun zugeschrieben (Reue, Buße, aktiv übernommene Verantwortung für seine Tat…), sondern ihrem Gebet, ihrer Vergebung im Angesicht des Todes. 

Das Problem dabei ist nicht die Vergebung an sich, sondern die Reihenfolge und der versteckte Appell an die Betroffene: widerstehen, "rein" bleiben, vergeben, notfalls sterben. Eine vergleichbare Forderung an den (potenziellen) Täter gibt es nicht. 

Andere Lesart in der Tradition

Die Deutung der Maria Goretti als "Märtyrerin der Reinheit" ist nur eine von mehreren Möglichkeiten, sexuelle Gewalt in christlicher Perspektive zu interpretieren. Und es ist keineswegs die zwingende. Bereits der Kirchenvater Augustinus setzt sich mit der Forderung auseinander, vergewaltigte christliche Frauen müssten, um ihre Keuschheit zu beweisen, entweder vorher oder nachher Suizid begehen, um der Vergewaltigung zu entgehen oder ihre Scham darüber auszudrücken – und lehnt das scharf ab. Für Augustinus ist klar, dass die Sünde der Vergewaltigung immer ausschließlich dem Täter zuzurechnen ist und dass "die leibliche Keuschheit durch gewaltsam erlittene Notzucht nicht verloren geht". 

Es ist also im Christentum nicht unausweichlich, sexuelle Gewalt als Bedrohung der moralisch-sexuellen Integrität der Betroffenen zu deuten. Eine Vergewaltigung ist keine Sünde des Opfers, auch wenn misogyne Reinheitsvorstellungen in der christlichen Tradition immer wieder dazu beigetragen haben, sie so erscheinen zu lassen.

Fazit: Wie geht man mit Heiligen wie Maria Goretti und ihren Deutungen um?

Die Erfahrungen von Betroffenen zeigen, dass normative Erzählungen über Mädchen und Frauen, die lieber sterben würden als sexuelle Gewalt zu erleiden, Schuldgefühle verstärken, Scham vertiefen und den Eindruck erwecken können, man habe versagt, wenn man Gewalt überlebt hat. Unsere Intervention zielt darauf ab, für die Wirkung von Vergewaltigungsmythen und die komplexe Problematik der "Märtyrerinnen der Reinheit" zu sensibilisieren. Wir halten diese Kategorie für nicht länger haltbar – gerade im Angesicht tausender in der Kirche missbrauchter Frauen und Mädchen.

Von Philippa Haase, Judith König und Ute Leimgruber

Zu den Autorinnen

Ute Leimgruber ist Professorin für Pastoraltheologie und Homiletik an der Universität Regensburg. Philippa Haase ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur. Judith König vertritt seit April 2026 den Lehrstuhl für Exegese und Hermeneutik des Neuen Testaments an der Universität Regensburg.