Nur ein Katholik unterzeichnete die US-Unabhängigkeitserklärung
Fast hätte er das Rendezvous mit der ganz großen Geschichte verpasst. Als der Zweite Kontinentalkongress am 4. Juli 1776 die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika verabschiedete, war Charles Carroll of Carrollton nicht zugegen. Wenig später aber unterzeichnete er am 2. August als einziger Katholik die Gründungsurkunde, mit der vor 250 Jahren die Geschichte der USA als eigenständiger Staat begann.
Der erste, der seine – äußerst schwungvolle – Unterschrift unter das berühmte Pergament setzte, war Kongresspräsident John Hancock. Carrolls Name findet sich etwa in der Mitte der 56 Unterzeichner. Der Legende nach unterschrieb er zunächst lediglich mit "Charles Carroll" – woraufhin Hancock sein Engagement für die Unabhängigkeit in Frage stellte.
Der wohlhabendste Unterzeichner
Dieser Name sei so häufig, dass sich Carroll unerkannt davonstehlen könne, sollte die ganze Sache scheitern, so der Kongresspräsident. Carroll ergänzte daraufhin ohne jeden weiteren Kommentar den Zusatz "of Carrollton". Einer der Umstehenden raunte daraufhin angeblich: "Da geht wieder eine Million dahin" – eine Anspielung auf das Vermögen, das Carroll verlieren würde, sollte der Traum von den Vereinigten Staaten platzen.
Nachdruck der Unabhängigkeitserklärung aus dem Jahr 1823
Ob wahr oder nicht: Die Episode zeigt, wie sehr der mutmaßlich wohlhabendste Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung ins Risiko ging; und mit welchen Vorbehalten Katholiken in einem anglikanischen und protestantisch geprägten Umfeld lange zu kämpfen hatten. Das belegt auch ein Blick auf den weiteren Verlauf der Geschichte: Erst 1961 wurde mit John F. Kennedy erstmals ein Katholik US-Präsident.
Ausbildung in Europa
Carrolls Großvater "Charles the Settler" ("Karl der Siedler") ließ sich um 1689 in Maryland nieder. In seiner irischen Heimat hatten die Briten den Druck auf die Katholiken erhöht. In der einzigen mehrheitlich katholischen Kolonie im britischen Nordamerika gelangten die Carrolls schnell zu Land und politischem Ansehen.
Die Unterschriften der Gründerväter der USA. Nur einer war katholisch: Charles Carroll of Carrollton. Seine Unterschrift ist in der Mitte, die vierte unter John Hancock.
Der spätere Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung, Charles Carroll, kam am 19. September 1737 in Annapolis zur Welt. Sein Vater erwartete, dass auch der Sohn an der Spitze der Gesellschaft in Maryland mitspielte. Den Teenager schickten die Eltern nach Frankreich an das Jesuitenkolleg von Saint-Omer – zusammen mit seinem Cousin John, der später erster katholischer Bischof in den USA wurde.
Charles' Lehr- und Wanderjahre führten ihn über Paris, Reims und Bourges bis nach London. Er kam in Kontakt mit den Schriften von John Locke und Montesquieu, zwei Vordenkern der Aufklärung, und lernte den britischen Politikbetrieb aus nächster Nähe kennen. Dabei verabscheute er mehr und mehr die Art und Weise, wie die Briten mit ihren Kolonien umgingen.
Auf Kollisionskurs mit den Briten
"Sein Widerstand gegen die britische konstitutionelle Monarchie, gepaart mit seinen umfassenden theologischen und philosophischen Studien, prägte seine frühe Überzeugung, dass Maryland und die anderen Kolonien 'unabhängig sein werden und müssen'", heißt es in einer Kurzbiografie.
Die Unabhängigkeitserklärung wird dem Kontinentalkongress vorgelegt. Gemälde von John Trumbull (um 1816)
Der Ton war bei Carrolls Rückkehr nach Maryland Mitte der 1760er Jahre also gesetzt. Das erste Fanfarensignal für die Unabhängigkeit ließ er in der "Maryland Gazette" erklingen. Unter dem Pseudonym "First Citizen" (Erster Bürger) wandte sich Carroll gegen die vom Mutterland erhobenen Steuern, mit denen Großbritannien die Kosten für seine Kriege wieder hereinholen wollte. Der Streit um diese Frage war einer der wesentlichen Treiber für den Unabhängigkeitskampf.
Das selbstbewusste Auftreten des juristisch versierten Gutsbesitzers blieb seinen Zeitgenossen nicht verborgen. Charles gehörte zu einer Delegation, die in Kanada Möglichkeiten einer Unterstützung für die abtrünnigen Kolonien ausloten sollten. Das Projekt scheiterte. Doch an Carroll als Mitglied des Kontinentalkongresses führte anschließend kein Weg mehr vorbei.
Geschäftsmann und Sklavenhalter
Bis um 1800 blieb Carroll politisch aktiv, bevor er sich seinen Geschäften widmete. Dabei vereinte der Mann mit den feingeschnittenen Gesichtszügen Licht und Schatten der frühen US-Wirtschaft. Zeitweilig sollen bis zu 500 Sklaven auf seinen Ländereien geschuftet haben. Später warb er dafür, freigelassene Sklaven in Afrika anzusiedeln. Im hohen Alter investierte er in die Baltimore and Ohio Railroad, die älteste Eisenbahnlinie der USA.
Nach dem Tod von Thomas Jefferson und John Adams 1826 war Carroll der letzte noch lebende Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung. Dadurch wurde er bis zu seinem Tod 1832 zu einer nationalen Ikone, wie sein Biograf Scott McDermott sagt.
Politiker aller Couleur suchten seinen Rückhalt, so auch 1828 im Präsidentenwahlkampf zwischen John Quincy Adams und Andrew Jackson. Er unterstütze den Kandidaten, der sich für das Gemeinwohl einsetzt, soll der über 90-jährige Carroll geantwortet haben. Das, so findet Biograf McDermott, sei ein durchaus katholischer Gedanke.
