Warnung vor unterkomplexen Argumenten

Söding: Ideologie- und Sozialkritik sind Aufgaben der Theologie

Veröffentlicht am 08.07.2026 um 16:00 Uhr – Lesedauer: 

Bochum ‐ Die Theologie hat in Deutschland einen Platz an staatlichen Universitäten – ein Glücksfall, sagt der Bochumer Neutestamentler Thomas Söding. Er sieht klare Aufgaben im Dialog mit Wissenschaft und Gesellschaft.

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Der Theologe Thomas Söding sieht in Ideologie- und Sozialkritik wichtige Aufgaben der Theologie. Die Theologie müsse allen Ideologien widersprechen, "die Gott aus dem Spiel nehmen oder als Sachwalter des Eigenen vereinnahmen wollen – auch wenn dies in, mit und durch Kirchen geschieht", sagte Söding am Mittwoch beim "Tag der Theologie" der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum. Die Theologie habe die Fähigkeit und die Aufgabe, "Ideologien als das zu identifizieren und zu kritisieren, was sie, wie schon ihr Name sagt, sind: säkulare Formen der Götterverehrung, die seit der Antike dadurch übergriffig geworden sind, dass sie meinten, Gott beherrschen zu können."

In der Sozialkritik dürfe die Theologie nicht "billig", als moralisierend und unterkomplex, werden: "Sie darf die Schwierigkeit der Aufgabe nicht unterschätzen, Mehrheiten für Minderheitenschutz zu organisieren und Kompromisse zu finden, die das Gemeinwohl am relativ besten fördern und Nachteile am effektivsten ausgleichen."

Schließlich bestehe die konstruktive Aufgabe der Theologie darin, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, "gerade in der Option für die Armen, die Schwachen, die Kranken, die Ausgegrenzten, und internationale Solidarität zu fördern, nicht mit hochfliegenden Idealen, sondern mit ethisch orientierter Realpolitik", so Söding weiter.

Glücksfall des deutschen Hochschulsystems

Der Neutestamentler sieht es als einen Glücksfall an, dass Theologie in Deutschland an staatlichen Universitäten einen Platz hat. Diese Konstellation ermögliche eine friedliche Begegnung unterschiedlicher Systeme: "Staat und Kirche, Politik und Religion, Wissenschaft und Bekenntnis". Diese Begegnung gut zu gestalten, sei eine Aufgabe der Theologie selbst: "Nur wenn die Theologie Methoden verwendet, die auch in anderen Wissenschaften anerkannt werden, nur wenn sie Fragen stellt, die als wissenschaftlich relevant angesehen werden, und nur wenn sie Antworten formuliert, die weitere Forschungsdiskussionen auslösen, hat sie in Kirche und Gesellschaft etwas zu sagen", so Söding.

Zugleich müsse die Theologie auch ihren Eigensinn behalten: "nach Gott zu fragen, den Menschen als Gottes Ebenbild zu sehen und die Welt als Schöpfung zu behandeln". Nur dann habe sie eine eigene Stimme, "die von anderen Wissenschaften, von der Kirche und in der Gesellschaft, als interessant, vielleicht als irritierend, im besten Fall als inspirierend gehört werden kann".

Söding betonte, dass die Theologie auch von anderen Wissenschaften lernen müsse, insbesondere den Human- und Sozialwissenschaften, um die "Zeichen der Zeit" angemessen interpretieren zu können: "Sie braucht diese Importe, um die theologischen Bilder der 'Welt' als solche zu identifizieren und zu evaluieren. Sie braucht den Kontakt mit der Wirklichkeit." Der Theologe sieht seine Wissenschaft als stark in den Prinzipien an, stellt aber zugleich "Defizite in der Ethik des politischen Alltags, der parlamentarischen Entscheidung, der rechtsstaatlichen Überprüfung und der verwaltungsorganisatorischen Umsetzung" fest. Mit Blick auf diesen Mangel müsse sie sich "in der reflektierten Praxis der Gesellschaft sachkundig machen". (fxn)