Interview zum 70. Geburtstag

Erzbischof Gänswein: "Der Glaube bleibt der Leitstern für mein Leben"

Erzbischof Gänswein: "Der Glaube bleibt der Leitstern für mein Leben"
Bild: KNA/Harald Oppitz

An diesem Donnerstag wird Erzbischof Georg Gänswein 70 Jahre alt. Im katholisch.de-Interview blickt der Apostolische Nuntius im Baltikum auf prägende Wendepunkte seines Lebens zurück – allen voran auf seine Begegnung mit und Prägung durch Papst Benedikt XVI. (2005–2013). Außerdem spricht Gänswein über die derzeitige Bedrohungslage im Baltikum, das erste Amtsjahr von Papst Leo XIV. und den Synodalen Weg in Deutschland.

Frage: Herr Erzbischof, am Donnerstag werden Sie 70 Jahre alt. Ist dieser Geburtstag für Sie eine Zäsur oder eher eine Zahl, der Sie gelassen entgegensehen?

Gänswein: Es ist keine Zäsur. Ich empfinde diesen Geburtstag wie die vorherigen auch. Ich gehe ganz gelassen auf diesen Tag zu.

Frage: Wenn Sie aus Anlass Ihres Geburtstags auf Ihr bisheriges Leben zurückblicken: Gibt es Entscheidungen oder Wendepunkte, für die Sie heute besonders dankbar sind?

Gänswein: Ein entscheidender Wendepunkt war sicherlich die Berufung als Mitarbeiter an der römischen Kurie, die ich nicht gesucht habe. Dort gab es dann noch einmal eine weitere tiefgreifende Wendung: die Begegnung mit Kardinal Joseph Ratzinger. Seitdem hat seine Person mein Leben durch die Aufgaben, die sich daraus ergeben haben, und durch seine Prägung über viele Jahre hinweg entscheidend verändert. Das ist rückblickend der wichtigste Punkt. Natürlich gab es auch vorher prägende Stationen: das Studium, die Entscheidung für das Priestertum, die Priesterweihe, die pastoralen Aufgaben und die Zeit an der Universität in München.

Frage: Gibt es auch etwas, bei dem Sie heute sagen würden: Das würde ich anders machen?

Gänswein: Die großen Linien meines Lebens würde ich genauso wieder wählen. Es gibt kleinere Entscheidungen innerhalb dieser großen Linien, die ich rückblickend als falsch oder nicht gelungen ansehe.

Frage: Wenn Sie auf die kommenden Jahre blicken: Als Bischof und Nuntius sind Sie verpflichtet, dem Papst spätestens an Ihrem 75. Geburtstag Ihren Rücktritt anzubieten. Wie schauen Sie auf diese vor Ihnen liegende Zeit?

Gänswein: Mit derselben Gelassenheit wie jetzt auf meinen 70. Geburtstag. Ich schaue zuversichtlich und voller Gottvertrauen nach vorne. Ich tue meinen Dienst und lasse das Weitere auf mich zukommen.

Mein Traumberuf ist das Priestertum.

— Erzbischof Georg Gänswein

Frage: Gibt es denn eine Aufgabe, die Sie noch reizen würde? Oder warten Sie ab, was der Papst möglicherweise noch mit Ihnen vorhat?

Gänswein: Ich warte ab. Natürlich gäbe es Aufgaben, die mich reizen würden. Aber ich muss die Rechnung mit der Realität machen: Ich werde jetzt 70 und bin seit zwei Jahren Nuntius in den baltischen Staaten. Die Vorsehung wird zur rechten Zeit das Richtige entscheiden.

Frage: Man darf wohl sagen, dass die Aufgabe als Nuntius im Baltikum zunächst nicht Ihr Traumberuf war. Wie blicken Sie heute auf diese Aufgabe? Ist sie eher Pflicht oder würden Sie sagen, dass Sie inzwischen ganz im Baltikum angekommen sind?

Gänswein: Mein Traumberuf ist das Priestertum. Was ich heute tue, hätte ich mir vor Jahren überhaupt nicht vorstellen können. Ich habe keine meiner Aufgaben selbst ausgesucht. Als sie auf mich zukamen, habe ich zugepackt. Am Anfang war die Herausforderung in Vilnius tatsächlich eine Pflicht. Inzwischen hat sich das radikal geändert. Ich bin gerne hier, gebe mein Bestes und sehe diese Aufgabe als mein Apostolat an. Das habe ich mir zwar nicht ausgesucht, aber die baltischen Staaten sind jetzt der Ort, an dem ich als Arbeiter im Weinberg des Herrn tätig bin.

Frage: Das Baltikum lebt seit dem russischen Angriff auf die Ukraine mit einer sehr konkreten Bedrohungslage. Wie erleben Sie die Stimmung und den Alltag in den drei Staaten?

Gänswein: Tatsächlich ist die Bedrohung aus dem Osten eine atmosphärische Dauerbelastung, die die Menschen beschäftigt und zum Teil auch stark bedrückt. Ich versuche, als gläubiger Mensch, als Priester, als Bischof und als Nuntius Hoffnung zu geben. Die Gefahr ist real, daran gibt es nichts zu beschönigen. Umso wichtiger ist es, den Menschen einen Blick über die Gefahr hinaus zu eröffnen und ihnen zu zeigen, dass am Ende nicht die Bedrohung das letzte Wort hat, sondern die Hoffnung.

Frage: Deutschland baut derzeit in Litauen eine auf Dauer angelegte Bundeswehrbrigade auf. Welche Bedeutung messen Sie dieser Präsenz bei – gerade auch in einem Land, das im Zweiten Weltkrieg zu den Opfern Deutschlands gehörte?

Gänswein: Die Litauer sind für diese Präsenz sehr dankbar. In zwei Jahren soll der Aufbau abgeschlossen sein. Dann werden hier rund 5.000 Soldaten mit ihren Familien stationiert sein – insgesamt rechnet man mit etwa 20.000 Menschen. Das ist ein deutliches Bekenntnis im Dienst der Sicherheit. Die Deutschen sind hier willkommen. Natürlich hat man die Zeit von 1941 bis 1943 nicht vergessen. Aber gottlob hat sich das deutsch-litauische Verhältnis seitdem zu einer guten, freundschaftlichen Partnerschaft entwickelt.

Bild: © picture-alliance/ dpa/dpaweb | epa ansa Maurizio Brambatti (Archivbild)

Georg Gänswein wurde als langjähriger Privatsekretär von Papst Benedikt XVI. weit über die Kirche hinaus bekannt.

Frage: Welche Rolle können Kirche und Diplomatie heute in einer Zeit spielen, in der militärische Abschreckung wieder zu einem zentralen Bestandteil europäischer Sicherheit geworden ist?

Gänswein: Diplomatie steht für den Dialog. Entscheidend ist, dass nicht Bomben oder Gewalt sprechen, sondern Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Diplomatie soll helfen, kriegerische Auseinandersetzungen zu verhindern. Und wenn sie dennoch ausbrechen, muss die Diplomatie alles unternehmen, um sie zu beenden. Das ist eine ebenso mühsame wie unerlässliche Aufgabe. Aber je lauter die Gewalt schreit, desto notwendiger wird die Arbeit der Diplomatie.

Frage: Sie haben viele Jahre Ihres priesterlichen Lebens an der Seite von Papst Benedikt XVI. gelebt und gearbeitet. Empfinden Sie es manchmal als Belastung, dass Sie von vielen Menschen noch immer in erster Linie als sein Privatsekretär wahrgenommen werden?

Gänswein: Nein, überhaupt nicht –im Gegenteil. Es ist klar: Das Gesicht, das an der Seite von Papst Benedikt um die Welt gegangen ist, war meines. Das ist keine Belastung, sondern gehört zu meinem Leben. Es ist eine Erfahrung, die mich tief geprägt hat. Viele Menschen auch in den baltischen Ländern kennen mich als ehemaligen Sekretär Benedikts. Und das, obwohl inzwischen 13 Jahre seit seinem Amtsverzicht und bald vier Jahre seit seinem Tod vergangen sind. Was gewesen ist, bleibt. Und ich hoffe, dass die meisten Menschen diese Zeit in guter Erinnerung behalten haben.

Frage: Fühlen Sie sich als engster Vertrauter Benedikts XVI. in besonderer Weise verpflichtet, sein Andenken zu bewahren? Oder muss man einen Papst irgendwann auch der Geschichte überlassen?

Gänswein: Ich fühle mich dazu verpflichtet – allerdings nicht, weil man das von mir erwartet, sondern weil ich es selbst möchte. Ich bin Zeuge dafür, wie wichtig und bedeutend diese Persönlichkeit für die Kirche und auch für die Welt war. Deshalb ist es mir ein Herzensanliegen, die Erinnerung an ihn wachzuhalten. Vor allem aber möchte ich dazu beitragen, dass der reiche Schatz seines Pontifikats und seines theologischen Wirkens bewahrt und gehoben wird. Das ist mir wichtig, dafür setze ich mich ein.

Frage: Hat sich Ihr Blick auf Benedikt XVI. seit seinem Tod verändert? Haben Sie seither Seiten an ihm entdeckt, die Ihnen früher nicht bewusst waren?

Gänswein: Nein, im Wesentlichen hat sich der Blick nicht verändert. Seit seinem Tod habe ich vieles von ihm noch einmal gelesen – Texte aus seiner Zeit als Professor, als Kardinal und als Papst, vor allem die Predigten, die er als Papa emerito gehalten hat, und die inzwischen veröffentlicht worden sind. Der zeitliche Abstand hilft, manches objektiver zu sehen. Ereignisse, die von großem Druck oder heftiger Kritik geprägt waren, lassen sich heute aus größerer Distanz besser einordnen.

Dass unter dem vorherigen Pontifikat einige Schwierigkeiten und Nöte sichtbar geworden sind, ist unverkennbar.

— Erzbischof Georg Gänswein

Frage: Mit Papst Leo XIV. hat die Kirche seit gut einem Jahr einen neuen Papst. Wie würden Sie seinen bisherigen Kurs beschreiben?

Gänswein: Er ist ein behutsamer und kluger Mann. Mit der Wahl seines Namens hat er ein erstes Zeichen gesetzt. Er setzt wieder stärker auf die unmittelbare Mitarbeit der römischen Kurie und bringt ihr Vertrauen entgegen. Zugleich sieht er, dass es in der Kirche Spannungen und Schwierigkeiten gibt, die überwunden werden müssen. Er nimmt diese Realität wahr und versucht, die vorhandenen Wunden mit Klugheit zu heilen. Dabei ist eine klare Linie erkennbar. Das zeigt sich in seinen Personalentscheidungen ebenso wie in seinen lehramtlichen Schreiben und öffentlichen Stellungnahmen.

Frage: Würden Sie sagen, dass das ein deutlicher Unterschied zu seinem Vorgänger Franziskus ist – und dass dieser neue Kurs der Kirche guttut?

Gänswein: Ich nehme keine Wertung der beiden Päpste vor. Dass unter dem vorherigen Pontifikat einige Schwierigkeiten und Nöte sichtbar geworden sind, ist unverkennbar. Papst Leo sieht diese Probleme und geht sie an. Das zeigt, dass er die Realität sieht, ernst nimmt und handelt.

Frage: Was erhoffen Sie sich mit Blick auf die kommenden Jahre von ihm?

Gänswein: Die wichtigste Aufgabe eines Papstes ist es, erster Zeuge Jesu Christi zu sein. Das ist das Entscheidende. Er muss auf die Fragen der Gegenwart überzeugende Antworten aus dem Glauben geben. Kritik wird nicht ausbleiben, auch wenn er bislang fast nur Zustimmung erfahren hat. Ich wünsche ihm, dass er standhaft bleibt, wenn sich der Wind dreht und Gegenwind aufkommt.

Frage: Blicken wir auf Deutschland: Sie leben seit vielen Jahren im Ausland – wie intensiv verfolgen Sie dennoch die Entwicklung der katholischen Kirche in Ihrer Heimat?

Gänswein: Sehr intensiv. Deutschland ist meine Heimat, dort sind meine Wurzeln. Ich verfolge aufmerksam, was über die Kirche berichtet wird und pflege natürlich auch persönliche Kontakte. Ich fühle mich der Kirche in Deutschland nach wie vor sehr verbunden.

Synodalversammlung
Bild: © KNA/Julia Steinbrecht (Archivbild)

Den Synodalen Weg der Kirche in Deutschland sieht Erzbischof Gänswein bis heute kritisch.

Frage: Was bereitet Ihnen mit Blick auf die Kirche in Deutschland Sorgen – und was macht Ihnen Hoffnung?

Gänswein: Meine Sorge ist jene, die sich in dem Wortungetüm Synodaler Weg bündelt. Die fruchtlosen Debatten über Strukturen und ähnliche Fragen binden wichtige Kräfte an der falschen Stelle. Hoffnung machen mir hingegen die Aufbrüche junger Menschen, die sich für den Glauben interessieren und ihn praktizieren. Das nehme ich dankbar wahr, das tut meinem Herzen gut.

Frage: Der Synodale Weg hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Spannungen zwischen der Kirche in Deutschland und Rom erzeugt. Wie würden Sie das Verhältnis heute beschreiben?

Gänswein: Sie haben das entscheidende Wort schon genannt: Spannung. Die Spannungen im Zusammenhang mit dem Synodalen Weg und verschiedenen Vorhaben, die aus der katholischen Glaubenswelt ausbrechen, bestehen weiterhin und harren einer endgültigen Klärung. Das ist für viele Katholiken in Deutschland, die einfach nur ihren Glauben leben wollen, ein Klotz am Bein.

Frage: Können die neuen Verantwortlichen – Papst Leo in Rom und der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Heiner Wilmer – zu einer Entspannung beitragen?

Gänswein: Ich hoffe es. Der neue Vorsitzende der Bischofskonferenz macht bisher einen guten Eindruck. Er will offensichtlich nicht mit dem Kopf durch die Wand. Das könnte positive Auswirkungen in Richtung einer Entspannung haben.

Frage: Zum Schluss: Wenn Sie auf Ihren Geburtstag, Ihre Aufgabe im Baltikum und die Veränderungen in Kirche und Welt blicken – was trägt Sie persönlich im Glauben und gibt Ihnen Zuversicht?

Gänswein: Was mich trägt, ist der Glaube selbst – unabhängig von meinen gegenwärtigen Aufgaben. Er schenkt mir Hoffnung, Zuversicht, Halt und vor allem Freude. Trotz aller Schwierigkeiten um mich herum bleibt der Glaube der Leitstern für mein Leben. In dieser Haltung möchte ich annehmen, was die Zukunft bringt.

Steffen Zimmermann