Wer durch das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart geht, kann dort einige der bekanntesten Automobile der Welt bewundern. Zwischen Rennwagen, Staatslimousinen und technischen Meilensteinen steht in der Ausstellung auch ein weißer Geländewagen, der auf den ersten Blick ungewöhnlich wirkt. Hinter den Vordersitzen erhebt sich eine große gläserne Kabine, darin ein einzelner weißer Sitz. Es ist der Mercedes-Benz 230 G, der 1980 für den ersten Deutschlandbesuch von Papst Johannes Paul II. (1978–2005) gebaut wurde. Das Unternehmen nennt ihn stolz "den wohl berühmtesten Mercedes-Benz eines Prominenten".
Das überrascht kaum. Wohl kein anderes Auto ist so eng mit seinem Besitzer verbunden wie das Papamobil mit dem Papst. Millionen Menschen haben es im Laufe der Jahrzehnte gesehen: bei Generalaudienzen auf dem Petersplatz, auf Auslandsreisen oder bei Weltjugendtagen. Der weiße Geländewagen mit seiner gläsernen Kabine gehört heute ebenso zum Bild des Papsttums wie die weißen Gewänder des Pontifex.
"Was für ein schönes Auto! Ein Meisterwerk"
Begonnen hat die gemeinsame Geschichte von Mercedes-Benz und dem Vatikan jedoch nicht erst 1980, sondern bereits 50 Jahre früher. 1930 schenkte das Unternehmen Papst Pius XI. (1922–1939) eine Limousine des Typs Nürburg 460. Das Fahrzeug, das kurz zuvor von Ferdinand Porsche entwickelt worden war, war für den Pontifex mit einer Sonderausstattung versehen worden: Im Fond verfügte es über einen Einzelsitz aus karminrotem Brokat, der an den Papstthron erinnern sollte. Bei einer Probefahrt in den Vatikanischen Gärten soll Pius XI. – begeistert von der Motorenstärke des 80 PS starken und 100 Stundenkilometer schnellen Wagens – ausgerufen haben: "Was für ein schönes Auto! Ein Meisterwerk. Ein Wunder der modernen Technik."
Das Papamobil von Mercedes-Benz, das 1980 für den ersten Deutschlandbesuch von Papst Johannes Paul II. gebaut wurde, steht heut im Museum des Unternehmens in Stuttgart.
Was damals mit einer einzelnen Limousine begann, entwickelte sich zu einer außergewöhnlich langlebigen Verbindung. Bis heute liefert Mercedes-Benz Fahrzeuge an den Vatikan – kein anderer Hersteller hat das Bild päpstlicher Mobilität so nachhaltig geprägt. In den Jahrzehnten nach dem Nürburg 460 baute das Unternehmen immer neue Fahrzeuge für den päpstlichen Fuhrpark, darunter an Cabrios erinnernde "Landaulets" und repräsentative Limousinen.
Aus Sicht von Mercedes-Benz steht bei der Zusammenarbeit mit dem Vatikan weniger der Imagegewinn für die Marke als vielmehr das Vertrauen im Mittelpunkt. "Papstfahrzeuge müssen höchsten Ansprüchen an Sicherheit, Zuverlässigkeit und Individualisierung genügen. Gleichzeitig sollen sie dem Papst ermöglichen, den Menschen nahe zu sein und bei öffentlichen Auftritten sichtbar zu bleiben", so eine Unternehmenssprecherin gegenüber katholisch.de. Dass der Vatikan seit Jahrzehnten auf Fahrzeuge mit dem Stern auf der Motorhaube setzt, werte man "als besondere Anerkennung" der eigenen Entwicklungsarbeit.
Kein gewöhnliches Serienmodell
Denn ein Papamobil ist kein gewöhnliches Serienmodell. "Es muss Sicherheit, Sichtbarkeit, Funktionalität und Komfort miteinander verbinden. Der Papst bewegt sich häufig in großen Menschenmengen und mit sehr geringen Geschwindigkeiten. Gleichzeitig müssen höchste Sicherheitsstandards erfüllt werden", so die Sprecherin. Jedes Fahrzeug entstehe deshalb in enger Abstimmung mit dem Vatikan und werde individuell auf den jeweiligen Einsatzzweck zugeschnitten. "Gerade diese Kombination aus individuellen Anforderungen und hoher öffentlicher Aufmerksamkeit macht solche Projekte besonders anspruchsvoll."
Wer heute an das Papamobil denkt, denkt fast automatisch an einen weißen Mercedes-Benz mit gläserner Kabine. Dass dieses Fahrzeug überhaupt entstand, hatte einen konkreten Anlass: den Deutschlandbesuch von Johannes Paul II. im November 1980. Eigens für diesen Besuch entwickelte Mercedes-Benz damals das Sonderfahrzeug auf Basis des 230 G. Die Konstrukteure standen dabei vor einer besonderen Aufgabe: Der Papst sollte den Menschen möglichst nahe sein, gleichzeitig aber vor Wind und Regen geschützt werden. Die Lösung war ebenso einfach wie einprägsam. Hinter den Vordersitzen entstand eine transparente Kabine, in der der Papst erhöht saß und von allen Seiten gut zu sehen war. Das Fahrzeug erfüllte seinen Zweck – und wurde direkt zu einer Art Ikone.
Am 13. Mai 1981 wurde Papst Johannes Paul II. bei der Fahrt in einem offenen Papamobil von den Schüssen des Attentäters Mehmet Ali Agca getroffen und lebensgefährlich verletzt.
Niemand ahnte damals, dass nur wenige Monate später ganz neue Herausforderungen auf die Konstrukteure zukommen würden. Am 13. Mai 1981 schoss der türkische Attentäter Mehmet Ali Agca auf dem Petersplatz mehrfach auf den in einem offenen Fiat-Geländewagen fahrenden Papst und verletzte ihn lebensgefährlich. Als eine Konsequenz aus dem Attentat wurden die Sicherheitsanforderungen für die päpstlichen Fahrzeuge deutlich erhöht.
Von nun an mussten zwei Ziele miteinander vereinbart werden, die zunächst kaum miteinander vereinbar schienen: Nähe und Schutz. "Ziel war es, die Sichtbarkeit des Papstes für die Gläubigen zu bewahren und gleichzeitig ein wesentlich höheres Schutzniveau sicherzustellen", erklärt die Mercedes-Benz-Sprecherin. Der kurz zuvor konstruierte gläserne Aufbau auf dem Mercedes-Benz-Geländewagen blieb erhalten, wurde jedoch mit schusssicherem Glas versehen. Auch gepanzerte Karosserien und weitere Sicherheitstechnik gehörten fortan zur Grundausstattung. Der entsprechend umgerüstete 230 G von 1980 begleitete Johannes Paul II. anschließend auf zahlreichen Reisen um die ganze Welt. Das ikonische Design der Papamobile blieb danach weitgehend unverändert.
Wird Mercedes-Benz seine Stellung bewahren können?
Einen größeren Entwicklungssprung in der Geschichte päpstlicher Automobile gab es erst wieder 2024: Damals überreichte Mercedes-Benz-Chef Ola Källenius Papst Franziskus (2013–2025) im Vatikan das erste vollelektrische Papamobil – ebenfalls auf Basis der G-Klasse. An der Entwicklung des Fahrzeugs hätten Teams aus Graz, Sindelfingen und Rom über einen längeren Zeitraum zusammengearbeitet, erklärte das Unternehmen. Das Elektromobil war nicht nur ein Zeichen für den technischen Fortschritt, sondern auch besonders passend für das Pontifikat von Franziskus. Schließlich hatte der Argentinier einige Jahre zuvor mit seiner Umweltenzyklika "Laudato si" die Verantwortung für die Schöpfung und die Notwendigkeit nachhaltigen Handelns hervorgehoben.
Fast ein Jahrhundert liegt zwischen dem Nürburg 460 für Pius XI. und dem elektrischen Papamobil für Franziskus. Vom repräsentativen Einzelstück von 1930 bis zum Spezialfahrzeug von 2024 spiegeln die Autos mit dem Stern auf der Motorhaube auch die Geschichte der Kirche und ihrer Päpste wider. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob Mercedes-Benz seine Stellung als wichtigster päpstlicher Autolieferant bewahren kann oder ob vermehrt auch andere Konzerne darum buhlen werden, den Papst in einem ihrer Modelle zu befördern. Immerhin: Die aufstrebenden chinesischen Autobauer, die auch Mercedes-Benz das Leben zunehmend schwer machen, dürften angesichts des angespannten chinesisch-vatikanischen Verhältnisses nicht so bald als Lieferanten für den päpstlichen Fuhrpark in Frage kommen.