Über Caritas und Kirchengemeinde

Bundesverdienstkreuz für eine Katholikin, die andere zum Helfen bewegt

Martina Steinfurth sitz mit anderen Frauen an einem Tisch und schreibt etwas auf ein Flipchart-Papier.
Bild: Roland Steinfurth

Das Telefon klingelt bei Martina Steinfurth. Obwohl es Weihnachten und schon spät am Abend ist, geht sie ran. Ein Notarzt erklärt ihr, was los ist: Ein älterer Mann ist verstorben, seine Ehefrau sitzt nun allein zu Hause, Seelsorger sind gerade nicht zu erreichen. Die erfahrene Trauerbegleiterin zögert nicht lange und macht sich auf den Weg. "Die halbe Nacht hat die Ehefrau mir von ihrem Leben und all den schönen Erinnerungen mit ihrem Mann erzählt", sagt die 60-Jährige. Bis die Angehörigen kamen, ist Steinfurth für die ihr fremde Frau da. Menschen in Not zu begleiten, das gehört für die Stralsunderin schon immer zu ihrem Leben. Und das ist der Grund, warum sie heute das Bundesverdienstkreuz trägt.

In der DDR wächst sie als Kind eines evangelischen Vaters und einer katholischen Mutter auf. Für ihren christlichen Glauben wird sie früher, wie heute in der Diaspora oft bestaunt – und manchmal auch für verrückt gehalten. Genau das habe sie stark gemacht, sagt sie selbst. Sie wusste: "Ich muss mir kein Kreuz auf die Stirn malen, um katholisch zu sein. Ich lebe als Christin, in dem ich etwas für andere tue." So hat sie es in ihrer Familie gelernt und bis heute beibehalten.

Steinfurth beschreibt sich selbst als typische Sozialarbeiterin: "Wenn es jemandem nicht gut geht, dann bin ich für diese Person da." Das könne man auch als Helferssyndrom beschreiben, sagt sie und schmunzelt. Seit rund 40 Jahren lebt sie diesen Drang auch beruflich aus. Sie studiert Sozialpädagogik und fängt bei der Caritas in Stralsund an. Nach der Wende gehört sie zu denjenigen, die die Stadtcaritas in der ostdeutschen Stadt aufbauen. Später leitet sie die Einrichtung.

Wer beschäftigt sich freiwillig mit Trauer und Tod?

Doch Steinfurth treibt vor allem eins an: Begleitung bei Trauer und Tod. Schon als Jugendliche nehmen sie die Geschichten ihrer Schwestern, die als Krankenpflegerinnen arbeiteten, mit. Sie erzählen ihr von Menschen, die zum Sterben abgeschoben würden und allein seien. Diesen Missstand lässt sie auch Jahrzehnte später nicht los. Steinfurth will einen Hospizdienst aufbauen. Wer Sterbe- oder Trauerbegleitung möchte, soll sich bei ihr melden. Sie vermittelt passende Ehrenamtliche an die Sterbenden und ihre Angehörigen. Im Jahr 2000 gibt die Caritas ihr grünes Licht für ihr Projekt. "Wenn ich von etwas überzeugt bin, dann setze ich sehr viel daran, das durchzusetzen", sagt die 60-Jährige. Mit Geduld und Willensstärke gelingt ihr das.

Die größte Herausforderung ist aber, Betroffene und Ehrenamtliche für ihr Netzwerk zu finden. "Niemand spricht gerne über den Tod", sagt Steinfurth. Also will sie beiläufig mit ihrem Hospizdienst Menschen ansprechen. Beim Adventssingen im Stadion oder auf Stadtfesten versucht sie mit einigen Ehrenamtlichen, von anderen wahrgenommen zu werden. Nach und nach wird ihr Dienst größer und bekannter. Heute koordiniert sie rund 50 Ehrenamtliche.

Mit der Zeit merkt Steinfurth jedoch, dass es neben Sterbenden viele weitere Menschen gibt, die durchs soziale Netz fallen. Wenn eine alleinwohnende Person per Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht wird, wer bringt ihr Kleidung hinterher? Wenn Nachbarn den Verdacht haben, eine Person könnte verwahrlosen, wen können sie niedrigschwellig um Hilfe bitten? Um genau solche Lücken im System zu schließen, gründet Steinfurth vor sechs Jahren ein weiteres Ehrenamtlichen-Netzwerk – dieses Mal über ihre Kirchengemeinde.

Als mehrere Gemeinden zu einer Großpfarrei zusammengelegt werden, soll sie eigentlich nur ein Konzept für den ehrenamtlichen Beerdigungsdienst entwickeln. Doch daraus entsteht viel mehr – die Grundlage für die heutigen Lazarusdienste. Der Name bezieht sich auf den biblischen Lazarus, der von Jesus zurück zum Leben erweckt wurde. Auch sie wollen sich um Menschen kümmern, die etwa nach einem Schicksalsschlag zurück ins Leben finden müssen. Die Idee, dabei verschiedene Hilfsangebote zu bündeln, überzeugt die Gemeinde und die Vertreter des Erzbistums Berlins. Sie bekommt eine Anstellung beim Erzbischöflichen Ordinariat, reduziert ihre Stelle bei der Caritas und koordiniert nun über ihre Kirchengemeinde weitere Ehrenamtliche in den unterschiedlichsten Bereichen.

Über eine Hotline können sich Hilfesuchende bei Ehrenamtlichen im Telefondienst melden. Jeden Tag von 8 bis 22 Uhr. "Überall, wo Menschen bisher nicht geholfen wurde, wollen wir da sein", erklärt die Ideengeberin. Einsame Menschen sind zum Begegnungscafé eingeladen oder können mit Ehrenamtlichen ihren Geburtstag feiern. Wer Hilfe bei Behördengängen oder anderen bürokratischen Hürden braucht, kann sich melden. Auch für Sterbende und ihre Angehörigen gibt es Unterstützungsangebote wie Trauergruppen oder Begleitung bei Friedhofsbesuchen. "Für Menschen ohne Angehörige, die kein Kirchenmitglied sind, halten wir auch Beerdigungsreden und feiern eine Andacht", sagt Steinfurth.

Ihr Projekt läuft gut an. Zu den ersten Treffen kommen bereits 30 Interessierte. Nach knapp sechs Jahren machen rund 120 Ehrenamtliche bei den Lazarusdiensten mit. Damit die Ehrenamtlichen auch dabeibleiben, sind Steinfurth bestimmte Dinge wichtig: Jeder solle das machen können, was er oder sie gut könne. "Wenn sich jemand bei uns meldet und sagt, er gärtnert leidenschaftlich, dann schicken wir ihn nicht in die Küche zum Kaffeekochen, sondern überlegen, ob wir nicht ein Gärtnerangebot für verlassene Gräber auf dem Friedhof einrichten können", erklärt Steinfurth. Sie will, dass sich jeder wohlfühlt – auch unabhängig von der Religionszugehörigkeit.

Offen für alle – egal ob christlich oder nicht

"Unser Angebot richtet sich an alle – egal ob christlich oder nicht", sagt Steinfurth. Das sei in Stralsund mit rund vier Prozent Katholiken auch notwendig. Konkret bedeutet das in ihrer Arbeit – etwa bei Andachten – ein "Zwischending zwischen weltlich und christlich" machen. Gott würde dabei nicht konkret vorkommen, aber eben die Hoffnung, die sich hinter der christlichen Botschaft verbirgt. So würden auch kirchenferne Menschen damit leben können. Genau das ist Steinfurths Vision für die Kirche – ein Ort für alle.

Durch ihr vielseitiges Engagement ist Steinfurth in den vergangenen Jahren auch über ihre Kirchengemeinde hinaus bekannt geworden. Vor einigen Monaten kommt dann sogar Post vom Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. Sie soll für ihr jahrelanges Engagement ausgezeichnet werden. Die 60-Jährige ist erst schockiert, dann aber auch gerührt. "Da kamen mir schon die Tränen", sagt sie. Durch den Preis so im Mittelpunkt zu stehen, ist für sie ungewohnt – und ändert wenig, an ihren Plänen für die Zukunft.

Sie will weitere Projekte aufbauen. Gerade arbeitet sie an "lebendigen Briefkästen". Für kranke oder einsame Menschen, die kaum das Haus verlassen und vielleicht nur ihren Briefkasten leeren, will sie ein Angebot schaffen. Überall in Stralsund sollen lebendige Briefkästen hängen, über die Menschen zu ihren Ehrenamtlichen Kontakt aufnehmen können. Die Finanzierung ist zwar noch völlig ungewiss. Aber Kopf in den Sand stecken, gibt es für die Katholikin nicht. "Ich habe hier auf der Erde nur eine begrenzte Zeit", sagt sie. "Und die will ich nutzen."

Beate Kampen