Fall aus Italien sorgt für Schlagzeilen

Was die Kirche gegen die Freimaurer hat

Das Signet der Freimaurer und der Petersdom
Bild: IMAGO/INSADCO/Ulmer/Teamfoto, Montage: katholisch.de

Zwei Männer dürfen in Italien nicht kirchlich beerdigt werden, denn sie waren Freimaurer. Damit haben es die Freimaurer ohne eigenes Zutun mal wieder in die Schlagzeilen geschafft – genauso wie die seit Jahrhunderten andauernden Auseinandersetzungen zwischen ihnen und der Kirche.

Die Freimaurer – das sind in Büchern, Filmen und auf manchen Webseiten mit Verschwörungserzählungen mysteriöse Mitglieder eines Geheimbundes mit unbekannten Ritualen und dunklen Machenschaften. Sehr erfolgreich hatte nicht zuletzt US-Bestsellerautor Dan Brown in "The Lost Symbol" mit diesen Klischees Millionen verdient.

Die Realität ist nicht ganz so sensationsschwanger: Wie lange es die Freimaurerei letztendlich gibt, ist nicht ganz sicher. Der Beginn der Freimaurerei, wie es sie heute gibt, liegt im Jahr 1717 in London. Damals vereinigten sich vier sogenannte Logen, also die einzelnen Einheiten beziehungsweise Gruppen von Freimaurern, zu einer Großloge. Diese "Vereinigte Großloge von England" gibt es bis heute.

Bezug auf das Mittelalter

Die damaligen Gründerväter (Frauen sind in der Freimauerei bis heute dramatisch in der Unterzahl) beriefen sich bei Namensgebung, Selbstverständnis und Symbolik auf die Steinmetze der Dombauhütten des Mittelalters. Diese hatten sich durch ihr sehr spezialisiertes Können einige Privilegien erarbeitet. So mussten sie etwa keinen Zünften angehören, waren also besonders unabhängig. Daran knüpften die Freimaurer des frühen 18. Jahrhunderts nun im damals regierenden Geist der Aufklärung an: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, sowie Toleranz und Humanität sind die Werte, die die Freimaurerei ausmachen – wie auch die Französische Revolution, die ebenso von aufklärerischen idealen geprägt wurde. Die Freimaurer setzten sich zum Ziel, an ihrem Charakter und ihrem Verhalten arbeiten und im Großen und Ganzen menschlicher zu werden.

Welche Rolle spielte dabei nun aber die Religion? Bei der Gründung der bereits erwähnten "Vereinigten Großloge von England" entstanden die sogenannten "Alten Pflichten", also die Statuten der Loge. Heute werden sie als eine Art Fundament und Grundgesetz der Freimaurerei verstanden. Verfasst wurden sie von einem schottischen presbyterianischen Prediger, James Anderson. Dementsprechend heißt es direkt zu Beginn des Textes: "Der Maurer ist als Maurer verpflichtet, dem Sittengesetz zu gehorchen; und wenn er die Kunst recht versteht, wird er weder ein engstirniger Gottesleugner, noch ein bindungsloser Freigeist sein." Dies als erster Satz stellt bereits eine Standortbestimmung dar. Ergänzt wird er direkt danach mit: "In alten Zeiten waren die Maurer in jedem Land zwar verpflichtet, der Religion anzugehören, die in ihrem Lande oder Volke galt, heute jedoch hält man es für ratsamer, sie nur zu der Religion zu verpflichten, in der alle Menschen Übereinstimmen, und jedem seine besonderen Überzeugungen selbst zu belassen."

Das fasst zwei Aspekte zusammen, die insbesondere in der aufklärerischen Zeit der Entstehung des Textes relevant waren. Zum einen hält es Anderson für selbstverständlich, an einen Gott zu glauben und kein "stupid Atheist nor an irreligious Libertine" zu sein, wie es in der Originalfassung heißt. In aufklärerischer Manier hält er danach jedoch fest, dass Religion Privatsache sei. Bis heute prägt die Freimaurer, dass Menschen verschiedener politischer und religiöser Überzeugungen dort zusammenkommen und beide Themen die Gemeinschaft nicht spalten sollen.

Inneres der Freimaurer-Loge in Essen
Bild: © IMAGO / Funke Foto Services

Blick in den Ritualraum einer Freimaurer-Loge, hier derjenigen in Essen.

Deutlich wird hier, dass die Freimaurerei ein deistischer Zug prägt. Auf der Webseite der Berliner Loge "Zum schwarzen Adler" heißt es zusammenfassend: "In unseren Ritualen sprechen wir oft vom 'Großen Baumeister aller Welten' (A.B.a.W.). Das klingt geheimnisvoll, ist aber ein genialer diplomatischer Schachzug. Es ist ein Symbol für das Göttliche, das Transzendente – aber ein offenes Symbol. Jeder Bruder füllt es mit seinem eigenen Glauben." Mit diesem gemeinsamen Symbol könne man im Sinne gelebter Toleranz "gemeinsam im Tempel beten und arbeiten, ohne uns über theologische Details zu streiten".

Das ist schon einer der Punkte, die die Kirche gestört haben: Eine Organisation, in der Menschen verschiedenen Glaubens miteinander auf Augenhöhe sprechen, die sich lediglich eines sehr allgemeinen Gottesverständnisses bedient und dies, ohne sich etwa der Autorität der Kirche zu unterwerfen – das stieß ebenjener Kirche schon früh auf. Papst Clemens XII. (1730–1740) nannte in seiner Bulle "In eminenti apostolatus specula" aus dem Jahr 1738 unter anderem diese Argumente, um Freimaurer verdorben und verkehrt zu nennen und dazu aufzurufen, dass sie verurteilt und verboten gehörten. Christen, die mit ihnen zusammenarbeiten, droht er mit Bann und Exkommunikation. Mitte des 18. Jahrhunderts war das aus dem Munde eines Papstes keine leere Drohung. Clemens rief ausdrücklich zur Verfolgung von Freimaurern und jenen auf, die ihnen helfen.

Im Verhältnis von Kirche und Freimaurern ist über die Jahrhunderte viel Porzellan zerschlagen wollen. Denn wie die Kirche die Freimaurerei abgelehnt hat, gab und gibt es auch Logen, die dezidiert antikirchlich sind. Die Freimaurerei ist kein monolithischer Block, sondern je nach Region und Loge sehr divers.

Vielfalt nicht wahrgenommen

Diese Vielfalt wurde in der Kirche lange nicht wahrgenommen. Das merkten auch manche Vertreter innerhalb der Kirche an, etwa der katholische Priester und Theologe Michael Heinrich Weninger, der zur Freimaurerei geforscht hat: "Die regulären Logen hatten immer eine spirituelle Dimension, während die irregulären Logen wie der Grand Orient de France einen atheistischen und antiklerikalen Ansatz entwickelten", sagt er. "Heute wird diese Vielfalt zunehmend anerkannt, aber die historische Wahrnehmung der Freimaurerei als Bedrohung für die Kirche ist immer noch präsent. Gerade deshalb halten sich viele Mythen und Vorurteile hartnäckig, und der Dialog zwischen Kirche und Freimaurerei bleibt eine Herausforderung, aber er ist möglich und notwendig."

Amtlicherseits hat sich an der Linie der Kirche allerdings nichts verändert. Das erste universale Kirchenrecht aus dem Jahr 1917 bezeichnete die Freimaurer als Sekte. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965), in dem über das Thema nicht beraten wurde, gab es Treffen von Vertretern beider Seiten. In diesem Rahmen entstand etwa 1970 die Lichtenauer Erklärung nach Gesprächen zwischen katholischen Geistlichen und Freimaurern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Darin halten die Freimaurer fest: "Die Freimaurer haben keine gemeinsame Gottesvorstellung. Denn die Freimaurerei ist keine Religion und lehrt keine Religion. Freimaurerei verlangt dogmenlos eine ethische Lebenshaltung und erzieht dazu durch Symbole und Rituale." Dieser Text wurde aber nie kirchlich anerkannt. Vielmehr führte auch die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) zwischen 1974 und 1980 Gespräche mit Vertretern der Vereinigten Großlogen in Deutschland. Das Ergebnis der laut DBK "von Offenheit und Sachlichkeit" geprägten Gespräche "in einer guten Atmosphäre" war jedoch: "Die Freimaurerei hat sich in ihrem Wesen nicht gewandelt. Eine Zugehörigkeit stellt die Grundlagen der christlichen Existenz in Frage. Die eingehenden Untersuchungen der freimaurerischen Ritualien und Grundüberlegungen, wie auch ihres heutigen unveränderten Selbstverständnisses machen deutlich: Die gleichzeitige Zugehörigkeit zur Katholischen Kirche und zur Freimaurerei ist unvereinbar."

Als 1983 das neue Kirchenrecht promulgiert wurde, wurden die Freimaurer darin nicht mehr genannt. Ein Erfolg der Gesprächsbemühung zwischen Kirche und Freimaurern? Mitnichten: Die Position der Amtskirche legte der damalige Glaubenspräfekt Joseph Ratzinger, der später Papst Benedikt XVI. werden sollte, in einem beinahe zeitgleich veröffentlichten "Urteil" der Glaubenskongregation dar: "Das negative Urteil der Kirche über die freimaurerischen Vereinigungen bleibt also unverändert, weil ihre Prinzipien immer als unvereinbar mit der Lehre der Kirche betrachtet wurden und deshalb der Beitritt zu ihnen verboten bleibt.  Die Gläubigen, die freimaurerischen Vereinigungen angehören, befinden sich also im Stand der schweren Sünde und können nicht die heilige Kommunion empfangen."

Signet einer Freimaurerloge mit einem Phoeniy in der Mitte
Bild: © IMAGO / Markus Matzel

Ein gemeinsames verbindliches Gottesbild haben die Freimaurer nicht.

Diese Position erklärte die Dogmatikerin Gerda Riedl auf der Webseite des Bistums Augsburg im Jahr 2017 so: "Wo der Freimaurer von einem Gott ausgeht, der die Welt zwar geschaffen, aber sich dann aus ihr zurückgezogen hat (Deismus), glaubt der Christ an den dreieinen Gott, der die Welt erschaffen hat, sich zu ihrer Erlösung in sie hineinbegeben hat und sie bis zu ihrer Vollendung stärkend und orientierend begleitet." Daneben nennt sie das Wahrheitsverständnis, den Willen zur Selbstvervollkommnung und einen Subjektivismus als Faktoren für die Unvereinbarkeit mit dem Katholizismus.

Auf dieser Linie bliebt die Kirche bis heute. Denn neben der Frage nach Beerdigungen wurde auch schon ein Vatikan-Botschafter von Papst Franziskus abgelehnt, weil er mal Freimaurer gewesen war. Oder ein Priester wurde sanktioniert, weil er einen Freimaurer-Stein segnete.

2023 brachte der nunmehrige Glaubenspräfekt Víctor Manuel Fernández die kirchliche Position ein weiteres Mal auf den Punkt: Die Zugehörigkeit eines Gläubigen zu einer Freimaurerloge sei "wegen der Unvereinbarkeit zwischen katholischer Lehre und der Freimaurerei" verboten, schrieb er. Doch die Realität sieht vielerorts anders aus. Freimaurer finanzierten etwa einen Zugang zum Aachener Dom oder haben enge Verbindungen zur Kirche. Die Berliner Loge "Zum schwarzen Adler" formuliert es auf ihrer Webseite so: "Offiziell ist die Mitgliedschaft für Katholiken laut Vatikan immer noch problematisch ('schwere Sünde'), aber in der Praxis wird es oft geduldet. Viele katholische Männer sind glückliche Freimaurer und engagierte Christen zugleich. Sie sehen keinen Widerspruch zwischen Nächstenliebe in der Kirche und Brüderlichkeit in der Loge."

Christoph Paul Hartmann