Wahlen in drei Bundesländern

Was eine AfD-Regierung für die Kirche bedeutet

AfD Kundgebung an der Nürnberger Sebalduskirche 2023
Bild: IMAGO / Moritz Schlenk

"Schauen wir uns das nächste Statement an. 'Reden nix deutsch, kriegen aber alles'. Was sagen Sie, wer hat das gesagt und wann?". Fabian Retschke, ein 33-Jähriger mit auffälliger Brille und Locken, steht vor einer Leinwand, auf der die gerade vorgelesene Aussage steht. Der Jesuit dreht sich um und blickt gespannt in die Gruppe an Frauen und Männern, die heute zu seinem Vortrag über Migration im Gemeindezentrum Herz Jesu in Berlin-Charlottenburg zusammengekommen sind. "Das kann nur von der AfD kommen!" ruft eine ältere Frau laut und schüttelt dabei verärgert den Kopf. Die Mehrheit stimmt ihr durch Nicken zu, einige flüstern mit ihren Sitznachbarn. Nur eine Dame fällt etwas aus der Reihe, sie starrt auf den Tisch vor sich und knetet ihre Finger. "Stimmt doch, was da steht. Die sollte man alle…". Die Frau am Tisch neben ihr unterbricht sie mit lauter Stimme. "Die AfD ist das gefährlichste, was uns derzeit passiert, in jeder Hinsicht!"

Die Stimmung im Raum ist aufgebracht. Und das nicht nur wegen der fremdenfeindlichen Äußerungen der AfD. Denn bei den nun anstehenden Landtagswahlen in Ostdeutschland könnte die Partei erstmals einen Ministerpräsidenten stellen und damit auch den beiden großen Kirchen gefährlich werden.

Die Staatsleistungen von der Streichung zur Umverteilung

Vor allem die AfD in Sachsen-Anhalt wird in ihrem Wahlprogramm deutlich und möchte die Finanzierung der Kirchen grundlegend verändern. Forderte sie im ersten Entwurf ihres "Regierungsprogramms" noch eine komplette Streichung der Staatsleistungen für die katholische und evangelische Kirche, sollen diese laut dem endgültigen Programm in ihrer derzeitigen Höhe von 45 Millionen Euro eingefroren und auf alle christlichen Kirchen proportional nach ihrer Mitgliederzahl verteilt werden. Alle Kirchen, die Staatsleistungen in Anspruch nehmen, sollen über die Verwendung der Mittel Rechenschaft ablegen und den Gesamthaushalt offenlegen müssen denn sie dürfen nur noch in Personal und Gebäude fließen. Die Begründung für diesen Schritt: Da die beiden großen Kirchen die Ehe zwischen Mann und Frau nicht mehr vermitteln "und sich vielfach vom christlichen Auftrag entfernt haben und vor allem gesellschaftspolitisch aktiv sind, können sie keine Sonderstellung durch Kirchensteuereinzug und Staatsleistungen beanspruchen".

Mathias Bethke sitzt in seinem Büro in Magdeburg, vom Fenster aus kann der Politikwissenschaftler auf die Kathedrale St. Sebastian blicken. Der Leiter des Katholischen Büros Sachsen-Anhalt, der Schnittstelle zwischen Politik und Kirche, blickt mit Sorge und Empörung auf die Forderung der AfD. "Es könnte knapp jeder fünfte Euro fehlen. Da kann jeder mal im privaten Budget durchspielen, was das heißen würde, mit 20 Prozent weniger leben zu müssen. So etwas bleibt nicht folgenlos", so Bethke. Bisher bietet die Kirche verschiedenste Angebote an, zum Beispiel im Bereich der Krankenhausseelsorge oder Erwachsenenbildung. Das Bistum Magdeburg betreibt außerdem zahlreiche Kitas und Altenpflegeheimen. Und auf 4 Leitungen kümmern sich 340 Ehrenamtliche in der Telefonseelsorge um die Anliegen der Menschen.

In anderen Ländern wurde bereits gekürzt

Durch die neue Regelung müssten viele dieser Angebote jedoch anders finanziert werden oder, wahrscheinlicher: Sie fallen weg. Im Januar hatte schon der Magdeburger Bischof Gerhard Feige gewarnt, dass die Diözese keine großen Rücklagen habe und ihre Angebote ohne das Geld vom Staat nicht mehr wie bisher weiter betreiben könne. Doch welche Angebote konkret oder am meisten darunter leiden würden, dazu will Bethke nichts sagen. "Wir können noch nicht konkret sagen, wo wir Geld kürzen und umverteilen müssten, weil ja auch der Umfang drohender Einschnitte noch nicht genau abzusehen ist." Die Änderung der Forderung von kompletter Streichung zur Umverteilung sehe er dabei nicht als Entgegenkommen der Partei. "Mir kam die Erinnerung an die Geschichte mit den sieben Geißlein. Der Wolf verstellt sich zwar, aber er ist immer noch ein Wolf." 

Es wäre nicht der erste Fall, in dem eine rechtspopulistische Partei bei den Kirchen sparen möchte. Die Milei-Regierung in Argentinien setzte 2024 Kürzungen öffentlicher Gelder an, unter anderem für die Kirche, woraufhin die Bischofskonferenz des Landes einen eigenen Finanzierungsplan aufstellte, um etwa die Gehälter von Bischöfen, Seminaristen und Pfarrern in den ärmeren Regionen des Landes zu sichern. Und in Nicaragua schaffte die Regierung unter Ortega die Steuerbefreiung von Kirchen ab, um ihre zivilgesellschaftlichen Tätigkeiten einzuschränken.

Der Jesuit Fabian Retschke vor der Kirche Herz Jesu in Berlin-Charlottenburg
Bild: © katholisch.de/ayo (Archivbild)

Der Jesuit Fabian Retschke kritisiert auch die Politik der aktuellen Bundesregierung

Zurück nach Berlin zu Fabian Retschke, der vor allem in der Migrationsarbeit aktiv ist. Er weiß: Die AfD muss nicht erst an die Regierung kommen, ihre Narrative verfangen schon jetzt. "Die Menschen, mit denen wir zu tun haben, erleben eine immer mehr feindselige Stimmung. Nicht nur in den Aufnahmeeinrichtungen und Behörden, gerade im Alltag häufen sich die rassistischen Erfahrungen." Retschke kreuzt die Beine und lehnt sich leicht nach vorne, sein Blick ist konzentriert auf das Treiben draußen neben der Kirche gerichtet. Der Jesuit ist aktiv im Flüchtlingsdienst, der Migranten unter anderem Beratungen in Sachen Kirchenasyl und Seelsorge in Abschiebehaft anbietet. Retschke übernimmt vor allem die sogenannte Advocacy, in der er sich für die Gestaltung politischer und rechtlicher Rahmenbedingungen einsetzt, und hält Infoveranstaltungen zum Thema Migration, in denen er auch von den Erfahrungen der Menschen berichtet, die er begleitet. Denn darunter sind auch Katholiken. In Deutschland hatten 2025 rund 3,4 Millionen Gläubige eine andere Staatsangehörigkeit als die Deutsche, das entspricht etwa 16 Prozent der Katholiken im Land. Sie organisieren sich in rund 500 muttersprachlichen Gemeinden. Auch sie sind von den rassistischen und feindseligen Erfahrungen betroffen. Härte in Sachen Migration und Asyl ist seit Jahren ein Markenzeichen der AfD. "Die illegale Einwanderung werden wir eindämmen, indem wir kriminelle und vollziehbar ausreisepflichtige Migranten konsequent abschieben", steht zum Beispiel im Programm für Mecklenburg-Vorpommern. In Sachsen-Anhalt will sie auch Menschen im Kirchenasyl schnellstmöglich abschieben und die Kirchen sogar finanziell zur Rechenschaft ziehen.

Retschke sieht die Forderungen der AfD äußerst kritisch, weiß aber auch: Manches davon ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. "Die aktuelle Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD plant zum Beispiel, die Mittel für die unabhängige Asylverfahrensberatung und für Integrationskurse zu kürzen, was mehr Arbeit für uns bedeutet", erzählt er. Auch die AfD in Sachsen-Anhalt wolle Gelder, die in die Beratung, Betreuung, Integration und interkulturelle Öffnung gingen, komplett streichen. Die Kirche, sagt Retschke, springe jetzt schon ein, wo der Staat ausfällt oder Mittel kürzt. Das gilt etwa für Seelsorge, psychologische und ärztliche Betreuung, Rechtsberatungen, Sprachkurse, Berufsberatung, Bildungsangebote, Hilfeleistungen für Jugendliche. Im Jahr 2025 erreichte sie damit 443.000 Menschen. Doch auch hier gilt: Wird das Geld weniger, stehen Angebote und Einrichtungen auf der Kippe. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, werde eine erfolgreiche Integration insgesamt deutlich schwerer, sagt Retschke.

Hoffnung auf Entspannung hat der Jesuit nicht: "Ich schließe nicht aus, dass Anfeindungen und sogar Übergriffe auf Einrichtungen und Personal, das sich um Geflüchtete kümmert, zunehmen wird", so Retschke. Die Jahresstatistik zur politisch motivierten Kriminalität des BKA zeigte 2025 zwar eine Abnahme der Straftaten gegen Kirchen im Vergleich zum Vorjahr. 2024 waren die Zahlen allerdings auch um 20 Prozent gestiegen. Die Zahlen zeigen, was Retschke befürchtet: Bereits jetzt werden Kirchen angegriffen. Dabei sind nicht nur kirchenferne Menschen mit der Arbeit der Kirche nicht einverstanden. "Man darf nicht glauben, dass alle Mitglieder der Kirche unseren Tätigkeiten zugunsten geflüchteter Menschen wohlwollend gegenüberstehen", so Retschke.

Wählen Katholiken die AfD?

Denn die AfD, das sind auch Katholiken. Georg Bergner war von 2018 bis Juli 2026 Propst in St. Anna Schwerin in Mecklenburg-Vorpommern. Wie auch in den anderen ostdeutschen Bundesländern ist die katholische Kirche hier eine Diaspora, der Anteil der Katholiken liegt bei drei Prozent. Bergner ist davon überzeugt, dass es auch unter seinen Schäfchen AfD-Wähler gibt. "Ich kann nicht sagen, wie viel Prozent der Katholiken in unserer Gemeinde die AfD unterstützen, aber ich weiß, dass es da eine ganze Anzahl gibt." Das läge daran, dass die AfD mehr auf die traditionelle Familienpolitik eingehe und gegen eine Liberalisierung der Sterbehilfe und des Abtreibungsrechts sei. "Das macht die Partei natürlich auch für einige Katholiken interessant."

Eine YouGov-Umfrage vom Juni 2026 ergab: Deutschlandweit würden 24 Prozent der Katholiken die AfD wählen. Bei den Konfessionslosen lag der Wert bei 32 Prozent. Bei den Bundestagswahlen 2025 wählten 18 Prozent der Katholikinnen und Katholiken die AfD, bei der Wahl 2021 waren es noch 8 Prozent. Es ist erkennbar: Obwohl die deutschen Bischöfe 2024 die Partei für Christen öffentlich als unwählbar bezeichneten und immer noch vor ihr warnen, steigt der Anteil katholischer Wählerinnen und Wähler für die Partei stetig auch, wenn er weiterhin geringer ist als bei den Konfessionslosen. Dass Katholiken Vielfalt etwa mit Blick auf die Familie prinzipiell ablehnen, ist aber kein Automatismus: Eine von Papst Franziskus 2014 initiierte Umfrage unter allen Katholiken ergab stattdessen eine große Differenz zwischen kirchlicher Lehre und dem tatsächlichen Leben der Gläubigen. So lehnt die Mehrheit kirchliche Aussagen zu Homosexualität, Sex vor der Ehe oder auch wiederverheirateten Geschiedenen ab.

Bild: © Bistum Magdeburg (Archivbild)

Mathias Bethke ist überzeugt: Die Kirche kann die Aussagen der AfD nicht einfach stehenlassen.

Dennoch ist es eine Verbindung zwischen der AfD und manchen Kreisen in der Kirche nicht von der Hand zu weisen. Sie wird auch beim politischen Personal klar ersichtlich. Denn nicht nur in den USA bezeichnen sich rechte Politiker häufig als christlich und nutzen ihre Religion als Grundlage für ihre rechten Ideologie. Als ab 2014 die Organisation Pegida wöchentlich gegen die "Islamisierung des Abendlandes" auf die Straßen ging, forderten sie gleichzeitig eine Stärkung der christlichen Identität. Eine Umfrage des Göttinger Instituts für Demokratieforschung unter den Anhängern zeigte jedoch, dass knapp zwei Drittel der Befragten wenig bis gar kein Vertrauen in die Kirche haben und die Zahl der Konfessionslosen unter den Teilnehmern überwog. Nach der Auflösung der Pegida 2024 bedient sich jetzt auch die AfD dem Narrativ des "christlichen Abendlandes".

"Wer die klare Trennung zwischen Wahrheit und Irrtum, Licht und Dunkelheit, Rechtleitung und Irreführung als Spaltung kritisiert, ist kein Apostel Jesu Christi, sondern ist vom Teufel geschickt." Der AfD-Fraktionsvize in Sachsen-Anhalt, Hans-Thomas Tillschneider, kritisierte mit diesen Worten Bischof Georg Bätzing, zu diesem Zeitpunkt noch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Bätzing hatte zuvor davon abgeraten, die "Spalter" der AfD zu wählen. Solche öffentlichen Aussagen gegen die Kirche und ihr Personal sind typisch für die Partei, erklärt Mathias Bethke. "Die Angriffe der AfD vollziehen sich vor allem im öffentlichen Raum. Zum Beispiel in Pressemitteilungen, in denen zum Kirchenaustritt aufgerufen oder den Kirchen gotteslästerliche Gier unterstellt wird." Ihn machen diese Aussagen wütend. Sie sind für Bethke gleichzeitig eine Warnung vor dem, was der Kirche in Sachsen-Anhalt bevorstehen könnte. "Es ist eine bedrohliche Situation hier in Sachsen-Anhalt, da eine kirchen- und menschenfeindliche Partei nicht nur stärkste Partei werden, sondern sogar mit etwas über 40 Prozent die absolute Mehrheit der Mandate im Landtag erringen könnte."  

Bethke öffnet ein Dokument auf seinem Computer, eine fettgedruckte Überschrift fällt direkt ins Auge. "Die Kirche stirbt es lebe das Christentum!" steht dort, zusammen mit einem Bild von einem Mann im Anzug. Es ist wieder Hans-Thomas Tillschneider, der mit einem Lächeln unter dem Titel abgedruckt ist. "Wer den Glauben für Politik missbraucht und etwa zum Kampf gegen die AfD aufruft, die mehr Christentum in sich hat als alle Altparteien zusammen, der muss sich nicht wundern, wenn die Gläubigen sich abwenden", steht in der Pressemitteilung von März 2026. Bethke sammelt seit rund drei Jahren diese Mitteilungen sowie auch YouTube-Videos mit kirchenfeindlichem Inhalt in einem Dokument. Bethke ist überzeugt, dass die Kirche die Aussagen der AfD nicht stehenlassen sollte. "Schweigen ist keine Option. Wer, wenn nicht wir als Kirche, sollten uns für Menschenwürde und Solidarität engagieren?"

Wie mit dem Druck umgehen?

Lange ist es nicht mehr bis zu den Wahlen. Doch kann man sich schon vorher auf eine mögliche rechtsextreme Landesregierung vorbereiten? Mathias Bethke vom katholischen Büro gibt zu, dass im Hintergrund je nach Wahlergebnis an verschiedenen Szenarien gearbeitet werde. Über die konkreten Strategien möchte er nicht sprechen, doch man nehme die Pläne der AfD ernst. Auch, wenn eine Vorhersage über das, was kommt, schwerfalle, müsse man sich vorbereiten. "Wenn man sich bei Juristen umhört, halten sie ein abruptes und einseitiges Ende der Staatsleistungen für nicht möglich. Aber bei Donald Trump hielt und hält man vieles ja auch für unmöglich und undenkbar, was am Ende doch Realität wurde."

Bevor es so weit kommt, sollen auch klare öffentliche Standpunkte der Kirche zu gesellschaftspolitischen Themen sowie Gespräche mit den Menschen das Wahlergebnis noch beeinflussen. Doch das ist leichter gesagt als getan. "Natürlich ist es gerade in der Diaspora nicht leicht, mit Menschen in Kontakt zu kommen", gibt Fabian Retschke offen zu. Doch für die Kirche und die Gesellschaft steht viel auf dem Spiel. Werden finanzielle Mittel gekürzt oder mehr Menschen zum Austritt überredet, werden die Mittel und Ehrenamtlichen für soziale Angebote fehlen. Weniger Jugendarbeit, weniger Bildung für Erwachsene, fehlende Seelsorge und ärztliche oder pflegerische Hilfe, weniger Sprach- und Integrationskurse für Migranten. Fremdsprachliche Gemeinden könnten schließen, weil sie aufgrund sich häufender rassistischen Anfeindungen mehr Sicherheitspersonal brauchen. All diese Angebote, die die Zivilgesellschaft stärken, würden wegfallen. Kurz gesagt: Eine schwache Kirche bedeutet eine schwächere Zivilgesellschaft. Der Ton in der Gesellschaft und auch zwischen Gläubigen könnte rauer werden und weniger von Zusammenhalt geprägt.

Doch aufgeben will die Kirche nicht. Auch Fabian Retschke ist sich sicher, dass man weiter auf die Menschen zugehen müsse. In seiner Veranstaltung will er zeigen, dass fremdenfeindliche Aussagen schon immer im Umlauf waren und sich Mythen bis heute halten. Auch im Anbetracht steigender katholischer AfD-Wähler will er aufklären. Neben Statistiken und Zahlen hilft ihm dabei auch das christliche Prinzip der Hoffnung. "Wir sind immer mit Hoffnung unterwegs und sollten diese vor den Menschen auch leben. Gerade deswegen können wir den Kopf jetzt nicht in den Sand stecken."

Ayleen Over