Alle standen spontan auf und applaudierten lange, nachdem der Oberurseler Pfarrer Andreas Unfried vor rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmern verkündete, seinen Dienst als katholischer Priester aufzugeben. Das berichten Personen, die an einer sogenannten "Zukunftswerkstatt" teilnahmen, einer Veranstaltung, die im Rahmen der Visitation des Limburger Bischofs Georg Bätzing organisiert wurde. Zuvor hatten sie noch Impulse zu "wichtigen gesellschaftlichen und kirchlichen Themen" gehört, ehe Unfried seine Entscheidung bekanntgab – vor Kirchenvolk und Bischof.
Die Pfarrei beschreibt diesen Moment später als sehr persönlich. Kein gedrucktes, sondern gesprochenes Wort – "öffentlich, persönlich", heißt es weiter. Am späteren Abend wurde schließlich sein Abschiedsbrief an die Katholikinnen und Katholiken der Großpfarrei St. Ursula im unweit von Frankfurt gelegenen Oberursel veröffentlicht. Darin schreibt er: "Der Grund ist, dass ich heiraten werde. Seit vielen Jahren lebe ich heimlich die Beziehung zu meiner großen Liebe. Jetzt spüre ich, dass die Zeit gekommen ist, dieser zweiten Berufung nachzukommen. Die Konsequenz der Suspendierung vom priesterlichen Amt ist zwingend und mir bewusst."
Betroffenheit und Verständnis
In Reaktionen aus der Gemeinde ist von Überraschung, Betroffenheit, Trauer, Enttäuschung, aber auch von Verständnis die Rede. Die einen freuen sich für ihren nun ehemaligen Seelsorger, die anderen kommentierten, wie schwierig es gewesen sein müsse, "die Beziehung nur heimlich leben zu können". Andere wiederrum sind enttäuscht und verwirrt.
Andreas Unfried, 63 Jahre alt, gehört nämlich zu den langjährig erfahrenen Geistlichen des Bistums Limburg. 37 Jahre lang stand er im priesterlichen Dienst, 15 Jahre war er Pfarrer in Kriftel und Hofheim, weitere 16 Jahre in Oberursel und Steinbach. Er war Bezirksdekan in den ehemaligen Bezirken Main-Taunus und Hochtaunus, übernahm Aufgaben in der Caritas und arbeitete als Geistlicher Begleiter. Besonders die Entwicklung der Großpfarrei St. Ursula bezeichnet er selbst als die "spannendsten und herausforderndsten Jahre" seines Lebens. Bekannt machte das Team rund um Unfried das damals noch neuentwickelte Konzept der Großpfarreien mit ihren zwei Büchern "XXL-Pfarrei: Monster oder Werk des Heiligen Geistes?" (2012) und "XXL-Pfarrei – Wie Menschen Kirche entwickeln" (2018).
Bei einer Veranstaltung, die im Rahmen der Visitation des Limburger Bischofs Georg Bätzing organisiert wurde, teilte Unfried seine Entscheidung mit.
Seinen Abschied verbindet Unfried nicht mit einer Abrechnung mit dem Bistum, der Kirche und auch einer grundsätzlichen Kritik am Zölibat. "Ich bin meiner Kirche dankbar, dass sie mein Talent in so reicher Weise erkannt und gefördert hat. Ich durfte in 37 Dienstjahren und auch in den Jahren der Vorbereitung darauf wachsen und reifen und habe meine Kirche stets als förderlich und wohlwollend erfahren. Ohne die katholische Kirche wäre ich nicht, wer ich heute bin", so Unfried. Er habe immer gewusst, dass die Kirche für die Ausübung des Priesteramts die Ehelosigkeit verlangt. Zwar habe er versucht danach zu leben, müsse aber anerkennen, „dass ich dieses Charisma nicht wirklich in mir trage".
"Nun ist es genug"
Sein Brief macht zugleich sichtbar, wie lange Priesteramt und Partnerschaft in seinem Leben nebeneinander bestanden. Denn über viele Jahre existierten offenbar zwei Leben: das öffentliche des Priesters, Pfarrers und kirchlichen Funktionsträgers – und das private mit einer Frau, die er seine "große Liebe" nennt. Unfrieds Entscheidung erzählt damit nicht nur von seinem eigenen jahrelangen Doppelleben. Auch seine Partnerin musste die gemeinsame Beziehung über Jahre im Verborgenen führen. Wie sie diese Zeit erlebt hat, schildert Unfried nicht. Er macht jedoch deutlich, welche Bedeutung ihre Unterstützung für ihn hatte: Ohne sie hätte er seine 37 Dienstjahre nicht durchgehalten. "Sie hat lange auf mich gewartet", schreibt er.
Mit seiner Entscheidung verliert Unfried zunächst nicht einfach seine Priesterweihe. Er ist nach Angaben des Bistums mit sofortiger Wirkung vom priesterlichen Dienst suspendiert. Die Leitung von St. Ursula übernimmt zunächst ein Pfarrverwalter, für Menschen in Oberursel ein altbekannter Geistlicher, den der Bischof aus dem Ruhestand holt. Wie es für Unfried innerhalb der Kirche weitergeht, ist damit noch nicht abschließend geklärt. Unfried ist im Bistum Limburg kein Einzelfall. Nach Angaben des Bistums haben dort in den vergangenen 15 Jahren sechs Priester ihren Dienst wegen Verstößen gegen die Zölibatsverpflichtung aufgegeben. Wie es anschließend mit den Betroffenen weitergeht, werde individuell geregelt, erklärt das Bistum. Eine pauschale Lösung für alle gebe es nicht.
Kein automatischer Verlust des Klerikerstandes
Kirchenrechtlich bedeutet eine Suspendierung nicht den Verlust des Klerikerstandes. Auch eine Entlassung aus dem Klerikerstand entbindet einen Priester nicht automatisch von seiner Verpflichtung zum Zölibat; eine entsprechende Dispens muss gesondert beantragt werden. Diese ist letztlich dem Papst allein vorbehalten. Beantragt ein Priester selbst die Entlassung aus dem Klerikerstand, werden zunächst auf Ebene des Bistums die Umstände ermittelt. Die Entscheidung über die Entlassung fällt anschließend der Apostolische Stuhl. Wie es mit Unfrieds Altersversorgung weitergeht, ist ebenfalls zu regeln. Die übliche Pension des Bistums werde er nicht beziehen. Mit seiner Suspendierung habe dies nichts zu tun, heißt es aus Limburg. Stattdessen werde er, bei Entlassung aus dem Klerikerstand für seine Dienstjahre seit der Diakonenweihe in der gesetzlichen Rentenversicherung nachversichert; die Beiträge dafür übernehme das Bistum. Ohne Altersversorgung stehe er damit nicht da, allerdings müsse er mit Einbußen rechnen.
Unfried selbst richtet den Blick in seinem Abschiedsbrief allerdings weniger auf diese kirchenrechtliche Frage. Er wünscht sich für die katholische Kirche "den Geist der Partizipation und Geschlechtergerechtigkeit" und eine Kirche, in der Christinnen und Christen nicht bloß Objekte der Seelsorge sind. Zugleich dankt er ausdrücklich Bischof Bätzing und dessen Mitarbeitern für den "wertschätzenden Umgang" mit seiner Situation und die "Stringenz ihres Handelns".
Der Abschied vom Priesteramt ist für Unfried deshalb offenbar kein Abschied vom Glauben. Er beschreibt es so: "Nun ruft mich die Liebe zu der Frau, mit der ich schon lange das Leben teile. Gemeinsam werden wir suchen, wie wir unser Christsein und unsere Berufung fortan gemeinsam leben können." Von seiner Gemeinde möchte er sich später noch persönlich verabschieden – in den kommenden Monaten, in geeigneter Weise, wenn die Lage sich beruhigt hat. So endet nach 37 Jahren nicht nur eine lange Priesterlaufbahn. Öffentlich geworden ist zugleich eine Beziehung, die einen erheblichen Teil dieser Laufbahn im Verborgenen begleitet hat. Unfried selbst beschreibt seinen Schritt nicht als Flucht aus der Kirche, sondern als Hinwendung zu einer "zweiten Berufung". Oder, sehr viel schlichter: zu der Frau, von der er sagt, sie habe lange auf ihn gewartet.