Lehren von Berliner Canisius-Kolleg

Klaus Mertes beklagt späte Missbrauchs-Aufarbeitung der Kirche

Klaus Mertes beklagt späte Missbrauchs-Aufarbeitung der Kirche
Bild: Jesuiten/Christian Ender

16 Jahre, nachdem Pater Klaus Mertes den Missbrauchsskandal am Canisius-Kolleg öffentlich gemacht hat, prangert der ehemalige Schulleiter die Zurückhaltung der römischen und deutschen Kirche an. "Ich bin bis heute der festen Überzeugung, dass die Bischöfe damals eine riesige Chance verpasst haben", sagte er im Podcast "Dieses eine Leben" des Theologen Rainer Bucher. Sie hätten "miteinsteigen, mitmachen" können, stattdessen hätten sie sich zehn Jahre später mit Missbrauchsgutachten und Aufarbeitung beschäftigt. 

Mertes deutet die verzögerte Reaktion als Angst vor Macht- und Imageverlust und Angst, Verunsicherungen zuzulassen. Seine Schüler hätten ihn in der Aufarbeitung eine wichtige Sache gelehrt: "Die Schüler und Schülerinnen haben begriffen, was die Bischöfe damals nicht begriffen haben: Wenn man so etwas aufarbeiten will in der eigenen Institution, muss man bereit sein, den Preis der Stigmatisierung der Institution zu zahlen." Die Schüler hätten sich 2010 – nach anfänglicher Ablehnung – nicht gegen die Schicksale von früher gestellt, sondern die T-Shirts der Schule weitergetragen und dazu gestanden, dass sie ans Kolleg gehen, das eine dunkle Geschichte hat. 

Mertes spricht von Vorahnung vor der Missbrauchsaufdeckung 2010 

Pater Klaus Mertes hatte als Rektor des katholischen, von Jesuiten geleiteten Canisius-Kollegs in Berlin 2010 den Missbrauch in seiner Schule durch Patres in früheren Jahren öffentlich gemacht. Ehemalige Schüler hatten damals mit ihm gesprochen. Der Schritt gilt als Wendepunkt für die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche. 

Im Podcast spricht Mertes nun von einer Vorahnung. "Ich hatte das schon gespürt, da ist etwas", sagte er. Ältere Kollegen seien verstummt, wenn der Name des Täters fiel, oder hätten emotional reagiert. Zudem habe er, bevor sich die ehemaligen Schüler an ihn wandten, zu beiden Tätern je eine Aussage von einem Betroffenen oder Angehörigen von Betroffenen gehabt. Diese hätten ihn "unter strengstes Stillschweigen gestellt" und er habe "auch noch nicht im Einzelnen gewusst, worin die Taten bestanden". 

Nachdem er die Anschuldigungen kannte, sei für ihn schnell klar gewesen: "Hier stehe ich in Vertretung für die Schule, dann auch als Vertretung der Kirche auf der Anklagebank, weil hier Verbrechen im Namen des Heiligen geschehen sind." Die Betroffenen hätten jemanden gebraucht, der Verantwortung übernimmt, niemanden, der sich mit ihnen verbündet. Keiner könne sagen, "das hätte man diskreter machen können". Mertes zeigte sich überzeugt: "Die Dimension des Missbrauchs – ein Täter, 100 Opfer – war so, dass es gar nicht anders ging", als an die Öffentlichkeit zu gehen. (chd)